Völkerverständigung mit Teekesseln

Welttheater

Trophäe für Chinas Neureiche: Handgefertigter Teekessel von Gyokusendo. Foto: Gyokusendo/Facebook

Die Kupfer-Teetöpfe von Gyokusendo kosten tausend Franken pro Stück, einige sind noch teurer. Sie sind handgetrieben, und jeder ist ein Original. Tradition kostet Geld. Die Firma in Tsubame in der Präfektur Niigata arbeitet seit 200 Jahren nach der gleichen Methode, in Tokios Modebezirk Omotesando betreibt sie einen kleinen Laden. Ein Freund aus China hat uns gebeten, für ihn dort einen Teetopf zu besorgen. Seine 18-jährige Tochter reise nach Japan, wir könnten ihn ihr mitgeben.

Wie wählt man einen tausendfränkigen Teetopf für einen Freund, wenn man selber nie einen für mehr als 20 Franken besessen hat? Am besten, man ruft den Freund an und schickt Fotos: Mit Wechat, dem chinesischen Facebook, ist das umsonst. Nur konnte sich auch der Freund zwischen zwei Töpfen nicht entscheiden: «Dann nehme ich beide.» Den zweiten werde er verschenken. Geld spielt offenbar keine Rolle.

In den anderthalb Stunden, die wir gleichsam als Fernbedienung des Freundes im Gyokusendo-Laden verbrachten – und grünen Tee serviert bekamen –, waren alle andern Kunden Chinesen, die den Laden betraten. Eine Teekanne aus Kupfer ist unter Chinas Neureichen der letzte Schrei; Gyokusendo die Topadresse. Zudem erzählt man sich in China, Kupfer binde unerwünschte Ionen im Wasser, das heisst, es verbessere den Teegeschmack und biete Schutz gegen Verunreinigung. Belege dafür gibt es keine. Zudem sind die Töpfe von Gyokusendo emailliert, das Wasser kommt mit dem Kupfer gar nicht in Berührung. Unser Freund wollte die beiden Töpfe trotzdem.

Chinesen halten Japans Wirtschaft am Leben

Seit vorigem Jahr sind die Chinesen die grösste ausländische Touristengruppe, die Japan besucht. Sie geben pro Kopf doppelt so viel Geld aus wie die Taiwaner, und ein Vielfaches der Europäer. «Bakugai» nennt man das, «explosives Kaufen». Damit stützen sie Japans wackelige Wirtschaft. «Sie halten unsere Kaufhäuser im Alleingang am Leben», schrieb die Wirtschaftszeitung «Nikkei». Und es sind nicht nur Touristen. Zu Beginn des Monats flog eine chinesische Versicherung 800 Mitarbeiter zur Weiterbildung nach Tokio. Ihre einzige Studie: Shopping.

NMTM

Blick ins Atelier der Firma Gyokusendo. Foto: Facebook

Derweil schmeissen wieder einmal Zehntausende Chinesen in Internetforen Dreck gegen Japan. Besonders hervorgetan hat sich der Mann von Wang Nan, der Tischtennisspielerin, die zwischen 2000 und 2008 vier olympische Goldmedaillen gewann. Der Geschäftsmann prahlte, als er in Japan war, habe er das Wasser im Hotel absichtlich den ganzen Tag laufen lassen und die Lichter nie ausgeschaltet. Um Chinas Erzfeind zu schädigen. Er erhielt viel Zustimmung, auch von Wang Nan. Die Regierung in Peking, die Onlinedebatten überwacht und sie zensuriert, wenn sie selbst kritisiert wird, duldet fast jede Art Japan-Bashing. Und fördert es vielleicht sogar, um von den eigenen Problemen abzulenken.

Die meisten Chinesen kehren von den Bakugai-Touren nicht nur mit zwei Koffern voller Kosmetika, Klamotten, Kameras und Kloaufsätzen mit Washlet (eine Wasserdusche, die das Klopapier ersetzt) zurück, und einige auch mit Kupfer-Teekesseln, sondern mit einer veränderten Meinung über Japan. Obwohl Kupfer Teewasser kaum säubert, klären die Teekessel-Touren das Bild vieler Chinesen von Japan. Dazu müssen sie sich nicht einmal einen Teekessel kaufen.

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