Schwimmende Autos und Feinstaubschmiere

Welttheater

Pekings Abwassersystem ist überfordert: Hochwasser am 20. Juli 2016. Foto: Reuters

Gestern: heiss. Heute: heiss. Morgen: heiss. Also: heisssss. Mit so vielen «ssssss», dass Sie auf dieser Kolumne bequem Ihre Pandalyoner brutzeln können. So heiss, dass ich diesen Text hier mit feuerfesten Asbesthandschuhen in die Tastatur tupfe. So heiss, dass bei meiner Pekinger Führerscheinprüfung die deutschsprachige Version des Multiple-Choice-Tests folgende Antwort anbot: «Fahrer dürfen ihre Fahrzeuge mit nacktem Oberkörper und blossen Füssen sowie in Pantoffeln beherrschen». Übrigens falsch, die Antwort. (Im selben Kapitel, ebenso falsch: «Bei der Fahrt kann der Fahrer durch das Fenster auf die Strasse spucken»). Bloss: Warum tuns dann so viele?

Meteoro-philosophische Frage: Ist Smog eigentlich Wetter? Egal, fangen wir früher an. Vor dem Smog, vor dem Regen. Als Peking noch Peking war. Die Nächte noch schwarz, der Himmel noch blau. Aber was für ein Blau. Kobaltblau. Ewiges Blau. Niederschlag gab es kaum. Die Gobi nicht weit, Peking eine Wüstenstadt, wolkenlos. Immer hell, immer leuchtend. Toll – wenn man kein Landwirt war. Und doch: Die Trockenheit war manchmal schwer auszuhalten. Sie riss einem, im Winter vor allem, die Nasenschleimhäute auf, auch das Küssen liess man besser sein, dafür konnte man mit seinen Lippen problemlos die frischgeschreinerte Küchenbank abschmirgeln. Und der ewig unverschlossene Himmel, er frass auch an einem, unmerklich. Oft traf es mich wie der Blitz erst bei der Rückkehr in die Heimat, beim ersten Blick auf ein sich zusammenballendes Gewitter: WOLKEN! Ein Gefühl grosser Ruhe durchflutete mich dann, und ich lernte, dass ein ewig blauer Himmel auf mich dieselbe Wirkung hat wie ein Botox-Gesicht, das zu keiner Mimik mehr fähig ist: als Schnappschuss vielleicht perfekt, aber auf Dauer doch deprimierend.

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Für den Gang durch die Stadt wären Anglerhosen angebracht gewesen (19. Juli 2016). Foto: Reuters

Die grösste Überraschung nach meiner Rückkehr vor vier Jahren: Es regnet! Es gibt Wolken!! Im Sommer. Die Wetterraketen der Volksbefreiungsarmee? Ich tippe mehr auf Klimawandel. Gut fürs Grün in Peking. Gut für die Psyche. Andererseits eine Herausforderung. Im Juli und im August stürzt der Regen nun manchmal in Bächen vom Himmel. Eine Woche nach meiner Ankunft 2012 forderten Regenfälle in Peking mehr als 70 Menschenleben. Einige waren tatsächlich ertrunken. In der Stadt! Im Jahr darauf tauchten in meiner Gasse erstmals Poster auf, die Pekings Autofahrern zeigen, wie man sich aus untergehenden Autos rettet. In meiner Führerscheinprüfung hatte ich gelernt, dass Autos vor allem wegen der «Nichtvorsichtigkeit» ihrer Fahrer ins Wasser fallen, aber in dem Fall machte ein Sturm der Entrüstung das Versagen der Stadtverwaltung verantwortlich: Das heillos überforderte Abwassersystem Pekings sorgt dafür, dass schon mittlere Regengüsse Teile der Stadt schiffbar machen.

Erst vor drei Wochen wieder soff Peking erneut ab. Es war gefundenes Fressen für den Pekinger Sarkasmus, dass der sicherste Ort in der Stadt wundersamerweise der Kaiserpalast blieb, was dessen Direktoren auf das 600 Jahre alte «perfekte» Kanalsystem dort zurückführten.

Ein Nebeneffekt: Für ein paar Wochen wird nun aus der Wüstenmetropole Peking mit einem Mal klimatisch ein subtropischer Dschungel. Unseren Bambus freut das, ich bin da gespalten. Schwitzig ist das. Und wenn sich dann der Smog dazu gesellt, wirds schmierig. Feinstaubschmiere, gibt Schöneres.

Aber die Wolken. Gott, die Wolken!

2 Kommentare zu «Schwimmende Autos und Feinstaubschmiere»

  • Nick Schaefer sagt:

    Im Sommer 1994 gab es in Beijing durchaus hin und wieder Regen.
    Die vorherrschende Erinnerung ist aber schon die schwüle Hitze.

    Dafür gab es aber noch Fahrräder!
    Millionen Fahrräder!
    Wohin das Auge sah, ein gemütlich fliessender Strom aus altem Draht und zukunftsfreudigen Menschen, wo der Westler mit seinem 21-Gänger aus Taiwan noch Staunen hervorrief.
    Allein unterwegs auf der Baustelle zur 3. Ringautobahn, wo noch kaum ein Auto war.
    Heute wird der Verkehr wohl langsamer sein als damals mit dem Mountainbike.
    Spassig war es. Verschwitzt wie alle anderen anzuhalten, bei den Garküchen einzukehren.

    Im TV heute sieht man keine Fahrräder mehr.
    Sondern erahnt nur noch Autos im Smog.

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