Heilige und weniger heilige Wahlen

Welttheater

Seltsame Anziehung zwischen zwei «starken Männern»: Putins angebliche Unterstützung für Trump gibt zu reden. Zeichnung: R.J. Matson (Cagle)

Washington ist fiebrig erhitzt vom Wahlkampf. Die Leute überschlagen sich, selbst die nahende Olympiade in Rio wird weniger eindrucksvolle Salti bieten. Die meisten Salti werden von Trump ausgelöst. Bisweilen kollert ihm eine derart aufsehenerregende Bemerkung aus dem Mund, dass alle um ihn herum eine Rolle schlagen. Wie beim Bodenturnen geht es dann zu.

Ein Paradebeispiel dafür war Trumps Einladung an Wladimir Putin, nach dem Cyberangriff auf die Computer der demokratischen Parteizentrale doch bitte in Hillarys Mails herumzustöbern. Später sagte Trump, er habe das lediglich sarkastisch gemeint. Der Schaden aber war angerichtet, die amerikanische Hauptstadt ein einziger doppelter Salto mit Schraube.

Trump wurde Hochverrat vorgeworfen, hatte er den russischen Feind doch geradezu zum Hacken aufgefordert. «Die Vereinigten Staaten sollten eine russische Einmischung in die Novemberwahl nicht tolerieren», donnerte Ed Royce, der republikanische Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Repräsentantenhaus. Der ehemalige CIA-Direktor Leon Panetta warf Trump vor, er lade den Kreml ein, «sich in die amerikanische Politik einzumischen». Womöglich ist Trump sogar Putins «Manchurian Kandidat». Vielleicht wurde er dazu einer Gehirnwäsche unterzogen.

Niemand manipulierte mehr als die USA

Falls Wladimir Putin wirklich hacken liess, hätte er den Edward Lansdale gegenüber Trumps Ramon Magsaysay gegeben. Klingt verwirrend? Wie soll man es nur sagen? Schliesslich ist die Angelegenheit sehr pikant. Denn offenbar sind amerikanische Wahlen heilig, die Wahlen anderer Leute aber nicht unbedingt. Wieso dürfen sich die Russen nicht in amerikanische Wahlen einmischen, die Vereinigten Staaten hingegen in viele Wahlen anderswo? Weil andere Wahlen nicht so heilig sind?

Siehe die Philippinen: Dort intervenierte der legendäre CIA-Agent Edward Lansdale 1953 mit einer schlau inszenierten Kampagne zugunsten des von Washington bevorzugten Präsidentschaftskandidaten Ramon Magsaysay. 1987 versuchte die CIA die haitianischen Wahlen zu manipulieren. Sie mochte Jean-Bertrande Aristide nicht. 2004 gab es gleichfalls Verwicklungen, diesmal bei einer Wahl in der Ukraine. Angefangen hatte das amerikanische Herumstochern in anderer Leute Wahlen schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg, als die CIA in Italien tätig wurde.

Einem Kandidaten ein bisschen nachzuhelfen, wie Putin es womöglich mit Trump versucht, ist eine schlimme Sache. Noch schlimmer ist es, ein Wahlergebnis zu annullieren. Einfach so. Auch darin sind die Vereinigten Staaten sehr erfahren. In Chile wurde 1973 annulliert. In Brasilien 1964. Im Iran 1953 und in Guatemala 1954. Lang ist die Liste amerikanischer Annullierungen von Wahlergebnissen und amerikanischer Einflussnahmen auf Wahlen in anderen Nationen.

Oft überschlugen sich dabei die Dinge, wie jetzt in Washington. Bisweilen drehten Staaten nach einer Annullierung einen gewaltigen Salto mortale. In Washington habe es nur deshalb nie einen Militärputsch gegeben, weil es in Washington keine US-Botschaft gebe. Sagen manche Leute in Lateinamerika. Das soll nicht heissen, dass Putin das Recht hat, amerikanische Wahlen zu manipulieren: Niemand darf anderer Leute Wahlen manipulieren. Auch Edward Lansdale nicht.

8 Kommentare zu «Heilige und weniger heilige Wahlen»

  • Florian Müller sagt:

    Die Beiden gleichen sich auch sonst: Putrm und Truni.

  • Benni Aschwanden sagt:

    Trump und Putin haben das Talent gemeinsam, sich selber potenter wirken zu lassen als sie es in Wirklichkeit sind. Und weil sich die Durchschnittsmenschen gerne von Oberflächlichkeiten beeindrucken lassen gelingt es Ihnen auch. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Russland die technischen Mittel und das Know how besitzt, in US-amerikanische Politserver einzudringen und im grossen Stil Daten zu sammeln. Vielleicht glauben das die Leute, die auch James Bond für echt halten. Ich finde es nebenbei phänomenal, in wie viele Fettnäpfe (von NäpfCHEN kann man nicht sprechen) Trump immer wieder treten kann, ohne einen relevanten Imageschaden zu erleiden. So peinlich dass es schon faszinierend ist.

  • Arthur King sagt:

    Wo ist die Zeit, wo aus dem Ausland sachlich und neutral berichtet wurde? Journalisten und Zeitungen beziehen ganz deutlich Stellung und versuchen damit die „öffentliche Meinung“ über Politik im Ausland zu beeinflussen. Und genau das werfen sie die USA vor.
    Und was Herrn Trump betrifft: wer nicht bemerkt hat, dass er den Aufruf an Herrn Putin sarkastisch gemeint hat, ist wohl der dümmere.
    Ihre Beispiele aus der Periode 1953 bis 1987 wirken antiquiert. Napoleon, Gaius Julius Caesar, u.v.a. haben ebenfalls versucht, sich in den Angelegenheiten fremder Staaten und Völker einzumischen. Naiv zu denken, so etwas wird nicht mehr vorkommen und wäre heute „skandalös“.

    • Rolf Zach sagt:

      Die Frage ist doch ganz einfach. Haben diese Einmischungen den langfristigen Interessen der USA geschadet? Haben diese Einmischungen in diesen Ländern grundlegend ihre Situation verbessert und herzliche Beziehungen der Mehrheit des Volkes zu den USA hergestellt? Die Mullahs wären später nie so stark geworden, hätten 1953 die USA nicht Mossadegh gestürzt und der Schah war ein Feigling, dies hat er bereits 1953 bewiesen. Langfristig ein Desaster! Arbenz wollte in Guatemala gute Reformen durchführen, was wurde daraus ein Desaster, woran das Land noch heute leidet und Emigranten in die USA produziert. War Castro von Anfang an ein Kommunist? Bush junior war, der gleiche Unsinn!

  • Ralf Schrader sagt:

    Die USA werden auch in diesem Jahrhundert nicht aufhören, die Politik aller anderen Staaten manipulieren zu wollen. Da muss man keine Illusionen haben und dadurch erübrigen sich auch alle weiteren Überlegungen. Solange die USA sich hegemonial geben, so lange ist es wichtig, dass sich ein mächtiger Gegenpart etabliert. Russland ist der Kern dazu und das braucht die Welt. Russland und Verbündeten sind alle Mittel erlaubt, welche die USA in Gegenwart und Vergangenheit benutzten.

    • Ralf Schrader sagt:

      P.S.
      ‚… und amerikanischer Einflussnahmen auf Wahlen in anderen Nationen.‘

      Politische Wahlen gibt es nur in politischen Strukturen (Staaten, Kantone/ Bundesländer, usw.), nicht in den kulturell definierten Nationen. Der US- Präsident kann eine Rede an die Nation halten, wählen können ihn nur die Staatsbürger der USA.

    • Dave Hill sagt:

      @ Ralf Schrader: Ihre Lösung ist völliger Mummpitz. Sie sollten eher demokratische Rechtsstaatlichkeit auf der ganzen Welt – inkl. USA – unterstützen, statt mit Putins Russland eine „Gegenkraft“ zu glorifizieren, welche bei sich zu Hause und im „nahen Ausland“ Menschenrechte, freie Meinungsäusserung und Rechtsstaatlichkeit mit Füssen tritt.

  • Markus Bachmann sagt:

    Danke Herr Kilian, wie so oft ein sehr erhellender Artikel von Ihnen.
    Es ist gut zu wissen, dass es auch Leute gibt welche die eigene Seite kritisch betrachten können, und das schlechte nicht nur bei den anderen orten. Im Moment herrscht in vielen Mainstream-Medien leider der trend Putin für alles mögliche verantwortlich zu machen, jüngst sogar für den Ausgang des US-Wahlkampfs, den Aufstieg der europäischen Rechten, der Flüchtlingskriese etc. Mit etwas selbst-Reflexion kann man aber auch zu ganz anderen Schlüssen kommen, bzw. das ganze etwas relativieren.

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