Am Rand der Pleite

Hier wurden wüste Weichen gestellt: Staatsparlament in Topeka. Fotos: Martin Kilian

Hier wurden wüste Weichen gestellt: Staatsparlament in Topeka. Fotos: Martin Kilian

Eine Schönheit ist Topeka nicht. Wenn die letzten Angestellten nach fünf ihre Büros verlassen, fällt die Hauptstadt des Staats Kansas in einen tiefen Schlaf. Öde sieht sie aus, asphaltiert und betoniert. Das einzig imposante Gebäude im Meer der Hässlichkeiten ist das Staatsparlament mit seiner grandiosen Kuppel. Unter dieser Kuppel aber hat sich etwas Bemerkenswertes ereignet. Und Debra, eine Krankenschwester aus Topeka, könnte mitsamt ihren Kids ein Opfer dieser Ereignisse werden.

Denn in Kansas haben Ideologen den Karren an die Wand gefahren. Oder präziser: Sie haben die Staatsfinanzen ruiniert. Weshalb Debra neulich ein Mail von Julie Ford, der Schulrätin von Topeka, erhielt. Alle Eltern bekamen dieses Mail. «Wir befinden uns im Moment in Kansas in unerforschten Gewässern, was das öffentliche Schulwesen betrifft», stand darin. Schulen müssen vielleicht geschlossen werden. Lehrer können vielleicht nicht bezahlt werden. Sommerkurse werden womöglich gestrichen. «Natürlich mache ich mir Sorgen», sagt Debra. Wohin soll sie mit den Kindern, wenn die Schule ausfällt?

Gouverneur Sam Brownback. Foto: Reuters

Wollte «Adrenalin ins Herz der Wirtschaft» pumpen: Gouverneur Sam Brownback. Foto: Reuters

Dafür verantwortlich ist Sam Brownback, der republikanische Gouverneur von Kansas. Der Staat diente ihm als ideologisches Labor. Er wollte eine angebotsorientierte Lehrstunde abhalten. Wie alle Republikaner seit Ronald Reagan. «Wir machen ein richtiges Experiment», sagte Brownback nach seiner Wahl 2010. Radikal senkte er die Steuern für Firmen und Reiche. Er entschlackte den Regulierungskatalog. Staatsausgaben für die Armen wurden zusammengestrichen.

«Unsere neue Pro-Wachstum-Steuerpolitik wird wie ein Schuss Adrenalin ins Herz der Wirtschaft von Kansas wirken», erklärte Brownback. Arthur Laffer, der Vater der angebotsorientierten Theorie, sprach von einer «Revolution im Maisfeld». Er meinte Kansas.

Die Republikaner in Washington jubelten Brownback zu. Er tue «das, was wir auch in Washington machen wollen», sagte Mitch McConnell, oberster Republikaner im Senat. Brownback versprach ein Wirtschaftswunder: mehr Jobs und mehr Einnahmen durch vermehrte Investitionen dank niedrigerer Steuern.

Die Reichen verjubelten ihre Steuerersparnisse und investierten – nichts.

Die Reichen investierten offensichtlich nichts.

Nichts davon trat ein. Bald schrieb der Staat horrende Defizite. Kansas taumelte am Rand der Pleite. Offenbar verjubelten die Reichen ihre Steuerersparnisse und investierten nichts. «Die Sonne scheint über Kansas», behauptete der Gouverneur noch 2014. Inzwischen hat sich eine ideologisch herbeigeführte Sonnenfinsternis ereignet. Überall fehlt das Geld. Vor allem bei den Schulen. Deshalb bekam Debra das ominöse Mail und ist die Beliebtheitsrate von Gouverneur Brownback auf 21 Prozent gesunken.

Sogar manche Republikaner rebellieren gegen den Gouverneur. Er steht für ein gescheitertes Experiment, alle republikanischen Präsidentschaftskandidaten – Trump vorneweg – versprachen indes ähnlich üppige Steuersenkungen. Rote Zahlen wären programmiert. Vielleicht wäre Washington dann wie Topeka. Leer und trostlos. Auch müssten sich Washingtons Spesenritter mit einfacher Kost begnügen. Wie ihre Kollegen in Topeka. Die essen Sandwichs bei der Fast-Food-Kette Subway.

Als Hauptstadt mag Topeka nichts hergeben. Als Lehrbeispiel taugt es schon eher. Das Debakel in Kansas zeigt, dass Ideologien mit Vorsicht zu geniessen sind.

In Kansas haben Ideologen den Karren an die Wand gefahren.

In Kansas haben Ideologen den Karren an die Wand gefahren.

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