Der Tee und die Liebe

Shen Jun Yi aus Shanghai importiert Britischen Tee. Foto: Carlos Barria (Reuters)

In Teehäusern kann man die geheimsten Gedanken erhaschen: Shen Jun Yi, chinesischer Teeimporteur, in einem Teehaus in Shanghai. Foto: Carlos Barria (Reuters)

«Ach, die Liebe ist etwas Flüchtiges», seufzte Grosse Schwester Li unvermittelt. «Ist es nicht in der menschlichen Natur, dass sie immer nach dem Neuen strebt und das Alte ablehnt? Man muss sie packen in dem Moment, in dem sie sich einem schenkt …» Sie schaute uns kurz an, meine Begleiterin und mich, auch wir seufzten aus ganzem Herzen. Dann atmete sie tief durch, griff nach ihrem Tee.

Grosse Schwester Li traf ich in einem Teehaus. Ich recherchierte zur Landwirtschaft. Sie war eine erfolgreiche Unternehmerin. 55 Jahre alt, geschieden, eine Tochter. Wie wir bei der Liebe landeten, weiss ich nicht mehr. Nach zwei Stunden Gespräch über Bodenbeschaffenheit und Pflanzenkrankheiten, nach viel Tee und noch mehr Sonnenblumenkernen, waren wir mit einem Mal mittendrin. Teehäuser sind ohnehin Orte, an denen man die geheimsten Gedanken der Leute erlauschen kann. Hinter dem dünnen Bambusvorhang da hinten kommt ein Parteikader fast ins Heulen, weil er die Versetzung befürchtet. Einen Tisch weiter unterhalten sich zwei Pandabären ungeniert darüber, wie sie ihren Pfleger um die Ecke bringen könnten. Hier, bei Schwester Li, dachte ich wieder einmal: Das muss man den Leuten doch mal erzählen. Wie die Chinesen ticken.

Ich bin Journalist. Das ist der tollste Beruf der Welt. Na ja, fast. Ich erinnere mich an den von uns bewunderten Grossreporter S. der «Süddeutschen Zeitung». «Die Reisen, die Leute, die man trifft – grandios», sagte der einmal. «Wenn man bloss das Ganze nicht auch noch aufschreiben müsste.» Dass er das sagte, während Praktikant K. und Jungredaktor S., also ich, für ihn gerade drei Stunden Interview mit dem letzten britischen Gouverneur von Hongkong abtippten, schmälerte unsere Bewunderung damals nicht. Mich aber quälte von Anfang an etwas anderes. «Wenn man nur nicht mit den Leuten sprechen müsste», dachte ich heimlich oft. Genauer: Wenn man sie nicht ansprechen müsste. Mir graute davor, unbestellt irgendwo anzurufen.

Bis ich nach China kam. In der Vorstellung vieler sind die Chinesen verschlossene Wesen, die einem nie ins Gesicht sagen, was sie denken. In Wirklichkeit sind sie ein anarchisches, dem fröhlichen Radau zugeneigtes Völkchen, das oft das Herz auf der Zunge trägt. Wenn mich einer fragt, wie das denn sei mit dem Journalismus in China, dann antworte ich meist: «Einfacher als in Deutschland.» Weil es hundert Mal einfacher ist, einen Pekinger zum Reden zu bringen als einen Münchner. In Peking ist selbst der Grant ein mitteilsamer. Man stellt sich in China an ein Strasseneck, bald kommt von selbst einer angelaufen und fängt an zu erzählen. Von der Krankheit der Grossmutter, vom korrupten Bürgermeister.

Von der Liebe. Grosse Schwester Li also erzählte mit einem Mal vom Vater, der ihre Mutter beinahe zu Tode geprügelt hatte, und vom Ehemann, der ein junges Mädchen schwängerte. Und es war nicht unangenehm und nicht deplatziert, sondern das Natürlichste der Welt, dass wir so bei der Liebe landeten. «Wir haben doch alle geliebt», sagte Grosse Schwester Li, «aber vielleicht ist diese absolute Verrücktheit ein Privileg der Jugend. Was soll ich denn jetzt noch mit einem Mann? Sie haben Angst vor mir, ich bin ihnen zu stark, zu unabhängig. So lebe ich für mich und bin glücklich.» Sie lachte, sah uns fragend an. «Bin halt ein merkwürdiges Wesen, oder?» Aber nein, sagten wir, nicht im Geringsten.

2 Kommentare zu «Der Tee und die Liebe»

  • Ralf Schrader sagt:

    Wenn man Mandarin spricht und sich etwas in der chinesischen Kultur auskennt, wird man in Pekinger Teestuben etwas erfahren können. Sonst wohl eher nicht. Die von den europäischen deutlich unterschiedene Frauenrollen lernt man schon sprachlich, 4 Begriffe für Frau, kennen. Immerhin war es auch eine Kaiserin, welches China unrühmlichen, aber nur vorläufigen Abgang von der Weltbühne, Anfang des 20. Jahrhunderts, wesentlich mit begleitet hat.

    • Ralf Schrader sagt:

      Ich würde mir von Herrn Strittmatter wünschen, etwas mehr auf die Besonderheiten der chinesischen Kultur einzugehen, statt alles in unseren Vorstellungen zu spiegeln.

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