«Tochter, deine Gebärmutter wird alt!»

Der wichtigste Job aus Sicht chinesischer Eltern ist erledigt: Eine Mutter mit ihrem Säugling im Spital von Guangzhou. Foto: Reuters

Die Stadt Chengdu hat zwar Smog und Pandas, dafür aber eine Hammerküche. Die beissenden Chilis und den betäubenden Blütenpfeffer Sichuans. Die richtigen Prioritäten sowieso: Das Wi-Fi-Passwort in dem Lokal, in das meine Freunde mich schleppten, war «huiguorou», «doppelt gebratenes Schweinefleisch». Chengduer Tischgespräch. Schnell landeten wir beim Thema Eltern.

Die Schriftstellerin erzählte von ihrem Vater, der eigentlich ein hipper Typ sei. Aber eben doch Chinese genug, um seiner Tochter jahrelang nachzustellen mit zunächst besorgten, bald vorwurfsvollen Nachfragen nach möglichen Ehemännern. In China möchte man kein Dissident sein, aber noch viel weniger eine junge unverheiratete Chinesin. Die gelten hier spätestens ab ihrem 27. Geburtstag als «übrig gebliebene Frauen» und werden dann von den zunehmend panischen Eltern tagein, tagaus mit selbst kuratierten Steckbriefen potenzieller Ehekandidaten bombardiert. «Irgendwann sagte mein Vater: ‹Okay, er darf auch geschieden sein. Aber ohne Kind!› Später hiess es, schon leicht resigniert: ‹Hauptsache, er nimmt keine Drogen.›» Als sie dem Vater am Ende einen Iren als Schwiegersohn präsentierte, war er sogar damit zufrieden. Da war allerdings noch lange nicht Schluss mit dem Fürsorge-Bombardement.

Den Vogel habe der Vater abschossen, als er die Tochter vor ein paar Monaten an ihrem 31. Geburtstag anrief. Sein erster Satz sei gewesen: «Tochter, deine Gebärmutter wird alt!» Ich lachte ungläubig, die Chinesen am Tisch nickten mitfühlend. «Ich weiss nicht», sagte sie. «Vielleicht ist das ja seine Art, eine Beziehung zu mir aufzubauen.» Sie selbst hatte den Vater einmal vor lauter Genervtheit als fremdgehenden Hallodri in einen ihrer Romane eingebaut. «Vielleicht sollte ich mir ein Mietbaby besorgen», sagte sie nach einer Weile. «Es gibt schliesslich auch Mietverlobte, die man seinen Eltern vorstellen kann.» Tatsächlich sind Mietfreunde vor allem während des Frühlingsfestes, wenn alle zu ihren Familien nach Hause fahren, ein blühendes Geschäftsmodell in China. «Aber was machst du dann im Jahr darauf?», wandte einer ein. Ach, meinte die Freundin, es müsste ohnehin ein halb westliches Baby sein. Da besorge sie sich dann einfach ein neues. «Mein Vater bemerkt den Unterschied nie. Für den sehen eh alle Westler gleich aus.»

Dann berichtete die Lehrerin am Tisch von dem europäischen Bekannten und seiner chinesischen Frau, die nach einem halben Leben in Chengdu nun in die Schweiz umsiedeln. Es sei quasi eine Flucht, sagte sie. Nein, die beiden fliehen nicht vor dem Smog und auch nicht vor politischer Repression. «Sie sehen einfach keinen anderen Weg mehr, sich seine Schwiegereltern vom Hals zu halten.» Chinas ältere Generation nimmt die Brutpflege sehr ernst. Sobald ein Enkelkind da ist, quartieren sich nicht wenige bei den Kindern ein und schauen nach dem Rechten. «12 bis 14 Stunden war die Oma jeden Tag bei denen zu Hause», sagte die Lehrerin. Den Ausschlag für den Entschluss auszuwandern, gab offenbar das Knarzgeräusch des Wischmopps, den die Schwiegermutter jeden Morgen um acht Uhr durch die Wohnung jagt, sieben Tage die Woche. «Sie knarzt mit Absicht so, dass ein jeder mitbekommt, wie sie schuftet.» Die Lehrerin ahmte das Knarzen zwischen zwei Happen der Fischduft-Aubergine nach, es ging einem wirklich durch Mark und Bein.

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