Der beste Freund des Reisenden

A passenger looks out the window at Miami International Airport in Miami December 10, 2013. Picture taken December 10, 2013. REUTERS/Carlo Allegri (UNITED STATES - Tags: TRANSPORT BUSINESS) - RTX16EDR

Der treue Gefährte auf einsamen Reisen: Ein Passagier mit auserwähltem Gepäckstück am Flughafen Miami. Foto: Carlo Allegri (Reuters)

Nein, ich bin kein Produktfetischist, und Konsum als solcher bereitet mir keine grosse Freude, es sei denn, er geht einher mit einem Kakaogehalt von mindestens 40 Prozent. Es gibt aber ein paar Dinge, bei denen ich missionarisch werden kann. Ohropax, die aus Wachs, die pinken. Apple-Geräte. Nussstengeli aus der Schweiz. Gepriesen sei der Herr dafür, jeden Tag aufs Neue.

Und dann ist da mein Koffer. Darf ich hier eigentlich Schleichwerbung machen? Nein? Gut, also, ich besitze so einen gerillten Aluminiumkoffer eines namhaften deutschen Herstellers. Sauteuer, die Dinger. Aber hey, meinen ersten kaufte ich mir als Student, später reiste ich damit als Reiseleiter durch die Welt. 22 Jahre hielt der. Jede Delle ein Orden, jeder Knick eine Geschichte. Und am Gepäckband war man der Nonkonformist. Kreisten da doch einmal wider Erwarten zwei der Koffer, dann passierte es nicht selten, dass wir zwei Gerillte-Aluminiumkoffer-eines-namhaften-deutschen-Herstellers-Besitzer einander knapp zunickten, mit dem wissenden Lächeln der Auserwählten.

Dann kehrte ich nach China zurück. Harrte am Pekinger Flughafen meines Koffers. Und hurra: Gleich der erste war es. Der zweite aber auch. Und der dritte. Der vierte, der fünfte, der sechste … am Ende war das ganze Förderband voller silbern blinkender Alukoffer. Lektion Nummer eins: Der Chinese hat seinen Aufstieg vor allem deshalb in die Wege geleitet, um sich endlich den gerillten Alukoffer eines namhaften deutschen Herstellers leisten zu können. Lektion Nummer zwei: Für uns Deutsche hat das mitunter fatale Folgen. Dann, wenn wir uns zu einem runden Geburtstag selbst das schönste Geschenk machen wollen, nämlich den gleichen Koffer in klein. Als Bordtrolley.

Erster Versuch: im Internet bestellen. Ausverkauft. Na dann halt persönlich in München besorgen. Von wegen. Gelandet, zum Karlsplatz geeilt. Kofferladen. Mitleidiger Blick der Verkäuferin. «Ha!», sagt sie «Modell Topas!» Hä? Ach so, genau! «Jaaaa…» Sie macht es spannend. Also deeeen…» Ja? JA? «Den hab ich schon Monate nicht mehr zu Gesicht bekommen.» Wieso das denn? «Die Kinesn, wissen’s. Die reissen uns die Dinger aus den Händen.» Sie beugt sich vor: «Man munkelt auch von einer Verknappung der Weltaluminiumproduktion.» Also Spurt runter Richtung Isartor. Da gibts jetzt einen Laden des namhaften deutschen Herstellers. Glas. Marmor. Holz. Teuer. Im Laden ein Kunde, der mir den Rücken zuwendet. «I’m so sorry», höre ich den Verkäufer sagen «Sold out.» Der Kunde dreht sich um: Chinese. Ich schleiche mich zum Verkäufer. «Ja, ja», summt der: «Modell Topas…» Er sieht, wie ich in mich zusammensinke. «Ich hab aber gehört», flüstert er: «Drüben im Kaufhof sollen sie heute mittag eine Ladung gekriegt haben.» Er blickt auf seine Uhr: halb zwei. «Wenn Sie sich beeilen …» Im Kaufhof-Koffershop renne ich beinahe die chinesische Reisegruppe über den Haufen, die da gerade – komplett aluverkleidet – an der Kasse Schlange steht. Himmel, bin ich zu spät? Aber da hinten, was blinkt denn da? Ist das etwa …? Und so wurde es doch noch ein schöner Geburtstag.

Zwei Tage später war ich bei meinen Eltern im Allgäu. Eine Pekinger Freundin auf Europatour hatte sich für einen Blitzbesuch angemeldet. Der Zug fuhr ein, und da stand sie, in beiden Händen je einen nagelneuen Sie-wissen-schon. Sie strahlte: «Topas!»

4 Kommentare zu «Der beste Freund des Reisenden»

  • Flori Antha sagt:

    Solange es kein Rollkoffer ist, der allen anderen auf die Nerven geht, wunderbar.

  • Pitt Schoeffel sagt:

    In einem Outlet in Alcochete, einem Vorort von Lissabon, gibt es diese Dinger noch zu einem halbwex vernuenftigen Preis.

  • Luca Mueller sagt:

    Ich habe mich damals für das Modell Salsa entschieden, ist auch praktisch unzerstörbar und kann aber noch etwas mehr Nutzlast aufnehmen da leichter als Aluminium. Inzwischen scheint auch das Problem der Rollen gelöst zu sein.

  • Ellen sagt:

    Rimowa. Modell Topas, der unkaputtbare Koffer, ursprünglich für die Tropenreisenden gemacht und ist sündhaft teuer.

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