Streit um die Säulenheiligkeit

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Das alte und neue Stadtzentrum? Forum Romanum in Rom. Foto: Wikimedia

Die Zeitmaschine ist ein alter Traum der Menschheit. Nur halt leider nicht zu realisieren. Und so behelfen wir uns kleiner Tricks, um das Erlebte ferner Zeiten für uns erlebbar zu machen. In Rom, das dem Vermächtnis der Antike noch immer einen schönen Teil seines Reichtums und seiner touristischen Attraktivität verdankt, werden gerade sieben Säulen aus dem Nachlass von Kaiser Vespasian wieder aufgerichtet. Sie lagen in Stücken am Boden herum. Im Jargon nennt sich das Anastilosis. Es darf getrickst werden, ein bisschen. Die Kritiker vergleichen das Prozedere mit der Wirkung von Viagra. Metaphorisch trifft es das ziemlich gut, ist aber ganz und gar despektierlich gemeint. Doch dazu später.

Als Roms linker Bürgermeister Ignazio Marino vor einigen Monaten die Arbeiten lancierte, hätte man leicht den Eindruck gewinnen können, die Stadt richte da für genau 665’900,84 Euro nicht nur einige acht bis zehn Meter hohe Säulen aus rosa Granit und mit Marmorkapitellen wieder auf, sondern gleich den ganzen, imposanten Friedenstempel Vespasians aus dem Jahr 75 n. Chr. Aber darum geht es schliesslich: Ein Fragment soll die Vorstellung davon schärfen, wie es einst ausgesehen hat, als noch alles stand in seiner Monumentalität. Der Kaiser feierte mit der Anlage die Eroberung Jerusalems, brachte darin die Trophäen seiner Feldzüge unter, seine  Kunstbeuten. Wann genau der Templum Pacis einstürzte, ist nicht klar. Wahrscheinlich wurde der Tempel Opfer eines Erdbebens.

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So lagen die Überreste des Friedenstempels bisher herum. Foto: Wikimedia

Das soll nicht mehr vorkommen. Die Stadt beschloss, die Säulen nun in ihrem Sockel mit bewehrtem Beton zu sichern, damit sie alle Erdstösse, die Rom – Gott bewahre! – in den kommenden Jahrhunderten erschüttern könnten, wegstecken würden. Der Entscheid wurde von den archäologischen Aufsichtsbehörden unterstützt, spaltet jedoch die wissenschaftliche Gemeinde. Und wie immer, wenn in Rom über die Erbverwaltung der Antike debattiert wird, artet die Polemik auch diesmal in wüste Schuldzuweisungen aus. Man hört zum Beispiel, die Aufrichter wollten dem Publikum ein kitschiges Spektakel bieten und förderten so die «Disneylandisierung». Ein böser Vorwurf. Viel besser, heisst es in diesen puristischen Kreisen, wäre es, wenn man Granit mit Granit bewahre oder die Geschichte überhaupt da liegen lasse, wo sie hingestürzt sei – in Ruinen zwischen Kapitol und Kolosseum, von wilden Grashalmen umrankt.

Der Bürgermeister lässt sich die Euphorie indes nicht nehmen. Die Kaiserforen, sagt Marino, sollten zum Zentrum Roms werden, des modernen. Back to the future gewissermassen. Es sollen da noch mehr kulturelle Veranstaltungen und bald auch Modeschauen stattfinden. Den Individualverkehr verbannte er schon mal. Früher donnerten die Autos laut und russend an den Kulturschätzen vorbei. Neu beleuchtet sind die Foren auch. Es gibt nun nächtliche Rundgänge, suggestive Exkurse in die Antike. Stünden keine Gladiatoren der Neuzeit herum, die für unverschämt viel Geld Fotos mit sich machen lassen – man wähnte sich in einer Zeitmaschine.

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