Verliebt ins quicklebendige New Orleans

Es war furchtbar und zum Heulen: Dämme und Deiche waren gebrochen, rund eintausend Menschen gestorben, die Stadt war im Wasser versunken. «Der Untergang von New Orleans», titelte der «Spiegel», damals im August 2005, als der Wirbelsturm Katrina die Stadt am Golf von Mexiko verwüstete. Totgesagte leben länger, und zehn Jahre nach der Jahrhundertkatastrophe ist New Orleans quicklebendig.

Jedes Mal, wenn ich dort bin, schlägt mein Herz höher, jedes Mal gerate ich in Versuchung, New Orleans ein Stück weit zu meiner zweiten Heimat zu machen. Eine jahrzehntelange Berührung mit dieser Stadt, in ihren besten wie in ihren schlimmsten Zeiten, verleiten zu einer Liebeserklärung. Und eine Dekade nach Katrina lockt die Stadt neue Menschen an und es wird in Umrissen ersichtlich, wohin sich New Orleans bewegen möchte. Die Restaurants sind interessanter als jemals zuvor, die Musik ist so kräftig wie einst, die Schulen werden besser.

Die Kriminalität indes ist so hartnäckig wie immer, zu viel für das im Wiederaufbau befindliche Polizeidepartement der Stadt, weshalb Louisianas Staatspolizei aushelfen muss. Die Wurzeln dieser Kriminalität sind die gleichen geblieben: afroamerikanische Armut, die Krise der schwarzen Familie, der Mangel an gut bezahlten Arbeitsplätzen und überhaupt einer Lebensperspektive.

Junge Amerikaner zieht es dennoch hierher. Sie wiederbeleben marode Stadtteile wie Bywater, sie gründen Existenzen – und sie drücken der Stadt ihren Stempel auf. Ein Abendspaziergang entlang der Frenchmen Street im Stadtteil Marigny gerät zu einem Ausflug in die Musikgeschichte von New Orleans. In den Bars und Restaurants spielen diverse Bands Swing und Jazz, R&B und Blues, Rock und Funk und eben alle jene Sounds, die New Orleans so einzigartig machen.

Und in den Strassen des Marigny oder im Touristenviertel des French Quarter bieten afroamerikanische Kids formidable Blechmusik, die sie im Unterricht in ihren Schulbands gelernt haben. Louis Armstrong und Sidney Bechet hätten gewiss Freude daran, denn was wäre New Orleans ohne diese Musik? Von der Preservation Hall Band zu den Meters, von Dr. John zu Professor Longhair, von Henry Butler bis zu Galactic, von Johnny Adams, den Radiators, James Booker und Trombone Shorty bis zu Kermit Ruffins und den New Orleans Jazz Vipers: Unvergleichlich sind die Klänge dieser Stadt.

In der Hand einen Sazerac (Roggenwhiskey, Absinth, Zuckerwürfel und Peychaud’s Bitters), in den Ohren New Orleans: Was auf Erden könnte besser sein als eine Nacht längs der Frenchmen Street im Snug Harbor oder der Spotted Cat oder im Blue Nile? Nicht viel existiert auf der weiten Weltbühne, das sich mit dieser kreativen Chaotin unter den amerikanischen Städten messen könnte. Ich jedenfalls kenne keine Strasse in New York oder Paris oder Zürich, wo auf ein paar hundert Metern so vielfältig auf derart hohem Niveau musiziert wird.

Zehn Jahre nach Katrina bleibt New Orleans ein unfertiges Projekt, eine Aufgabe, die bisher nur teilweise gelöst worden ist. Aber meine Güte: Wie diese Totgesagte wiedererstanden ist! Nach vier Jahrzehnten Bekanntschaft habe ich mich neuerlich in die Stadt am halbmondförmigen Ufer des Mississippi verliebt.

4 Kommentare zu «Verliebt ins quicklebendige New Orleans»

  • Widmer H.R. sagt:

    Ich war schon drei mal mit unserer Band (Fullsteam Jazzband) in New Orleans. 2002 da war die Welt noch in Ordnung. 2007 viel ging nicht mehr, trotzdem oder gerade darum, sind wir wiederum mit vielen Fans nach N.O. gereist. 2012 wieder mit vielen Fans… N.O. ist wieder „auferstanden“ wir hatten einige Konzerte in div. Klubs und auf der „Natches“ es war wunderbar und ich denke, dass wir wieder nach N.O. reisen werden. Ich freue mich schon jetzt darauf. Liebe Jazzfans.. ihr seid herzlich eingeladen.. Schauen sie rein: http://www.fullsteamjazzband.ch viel Spass.. bis Bald? Ruedi von den Fullsteamer.

  • Steven Nawlins sagt:

    @Andreas Müller:
    Ich finde Ihre Analogie French Quarter = Schwulenviertel etwas einfach gestrickt.
    Da könnte man sagen New-York ist ein einziges Theater, weil Broadway dort ist, oder Amsterdam ist ein einziges groses Bordell nur weil es ein bekanntes Redlight-District hat, usw…
    Klar hat es im FQ eine Schwulen & Lesben Szene, aber nicht ausschliesslich, nicht mehr und nicht weniger als in anderen Städten bzw. ist das Village in NYC um einiges schwuler betrachtbar als das FQ in NOLA (New Orleans LOuisiana…für die nicht ortskundigen unter uns).
    Ich kannte leider NOLA nicht vor Katrina, bin erst 2008 das erste Mal dorthin, jedoch konnte ich den Wiederaufbau mit jedem Neubesuch ein Stück weiter verfolgen. Leider haben viele, von denen die alles verloren haben, bis Heute auch noch kein Geld von den Versicherungen gesehen und sind nach der Flucht auch nicht mehr zurückgekehrt.
    Ich bewundere die Leute die dort wohnen, welche zuerst von Ihrer Bundesregierung im Stich gelassen wurden nach Katrina und danach von den Öl-Konzernen um BP herum, nach der Öl-Katastrophe im Golf.
    Wer sich ein Bild machen will über das Post-Katrina New-Orleans sollte sich die TV-Serie TREME anschauen, ist sehr aufschlussreich und von den Einheimischen „Approved“.
    Die Fähigkeit immer wieder aufzustehen wenn sie in der Gosse sind haben die Louisianer…Hauptsache sie können die guten Zeiten rollen lassen!!! WHO DAT!!!

  • Andreas Müller sagt:

    Eine Anekdote am Rande: Aus evangelikalen und katholischen Kreisen hörte man im Nachgang zu Katrina mehrfach, das sei die Strafe Gottes für das zügellose, aus christlicher Sicht sündige Leben das in New Orleans herrschte. Im speziellen wäre die Homosexuellen Schuld am Hurrikan, da sie es besonders bunt getrieben haben sollen. US Atheisten griffen diese Interpretation der Vorgänge auf, und stellten fest, dass Gott aber Merkwürdigerweise ausgerechnet das French Quarter (den Hostspot der Szene) verschont hatte. Gottes Wege sind ja bekanntlich seltsam wenn nicht bizarr, aber so betrachtet wurde die Stadt der Normalbürger völlig unbegründet vernichtet und die Schwulenhochburg kam gut weg. Ergo: da Schwule offenbar eine Art Freipass von Gott besitzen wurde deshalb mit viel Sarkasmus vorgeschlagen diese gleichmässig über das ganze Land zu verteilen, als eine Art “Schutzschild vor Unwettern“ – dem “Magic-Gay-Schield“.

  • Karl Knaus sagt:

    Aufgeschnappt?! Haben Sie damals auch über New Orleans geschrieben? Wenn ja, bitte sehen Sie nach.
    Was wurde damals und in den Wochen danach durch die Journalisten geschrieben. Das meiste war Unsinn und übertrieben und vieles sogar falsch. Auch Lügen. Es war ein Armutszeugnis fast der ganzen Medienwelt.
    So freut es mich, dass Sie sich fast überschlagen vor der positiven Überraschung. Allerdings wir lange wird ihre Freude anhalten? Eingedenk der damaligen Umständen und der Berichterstattung „der anderen Art“.

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