Wein muss es sein


Wunderliche Dinge geschehen im Lande der Pubs, Ales und rauchigen Whiskys. Während der Populist Nigel Farage sich mit dem Pintglas in der Hand seinen Wählern als «typischer Engländer» präsentiert, haben seine Landsleute in aller Stille alte Gewohnheiten abgelegt. Der ärmere Teil der Briten geht nicht mehr in Pubs, sondern besorgt sich Bierdosen zum Zuhausetrinken. Der wohlhabende aber kauft Wein. Und zwar immer mehr.

Tatsächlich sind die Briten auf dem besten Weg, mehr für Wein auszugeben als die ureigene Heimat nobler Rebensäfte und weitläufiger Weinkeller – die französische Nation. Neuesten Verkaufszahlen des Messeverbandes Vinexpo zufolge steigen die Summen, die auf der Insel jährlich für Wein hingeblättert werden, jetzt so schnell, dass Grossbritannien Frankreich in drei Jahren überholt haben wird.

Bis dahin, heisst es, würden die Briten mit 11,2 Milliarden Pfund den zweiten Platz hinter den USA (21,8 Milliarden) belegen. Die Franzosen kämen dann nur noch auf 10,8 Milliarden Pfund. Ein ausgesprochenes Aroma nationaler Schadenfreude ist seit dem Entkorken dieser Nachricht in der Londoner Luft zu erschnuppern. Glücklich schnalzen, in patriotischem Stolz, die Zungen der Kommentatoren. Äusserst fruchtig und befriedigend kommt den Briten die Vinexpo-Meldung vor.

Kein Wunder – lang genug haben sie sich als Wein-Ignoranten, als pure Banausen empfunden. All die Jahre hatten sie das Gefühl, dass die Snobs von jenseits des Kanals auf sie herunterschauten, was solche Genüsse betraf. Jeder Michelin-Stern eines britischen Chefkochs führte auf der Insel zu Freudentänzen. Im Schneckentempo hat man neues Territorium erobert. Jeder neue Rebhang in Südengland schien ein Sieg über die eigene Natur.

Und nun gut: Bei der konsumierten Weinmenge liegen die Franzosen natürlich auch weiter vorne. Sie trinken immer noch mehr als das Doppelte dessen, was in Britannien an Wein geschluckt wird. Der Grund dafür, dass die Briten so viel mehr per Flasche ausgeben, liegt einerseits am Griff zu immer teureren Sorten durch die besitzende Klasse – vor allem aber an den hohen Alkoholsteuern im Königreich.

Steuern und Abgaben nämlich machen in England im Durchschnitt 56 Prozent des Preises einer Weinflasche aus. In Frankreich sind es nur 21 Prozent. Aber davon wollen sich die Briten ihren kleinen Triumph über die Franzosen nicht vergällen lassen. Wirklich böse Insulaner schauen sogar schon weiter voraus und prophezeien, dass irgendwann einmal globale Erwärmung die Weinhügel Frankreichs in Wüsteneien verwandeln könnte – während die Extra-Sonne Britannien zum idealen Weinproduzenten erhebt.

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