Täuschte Rousseff ihren Schwächeanfall nur vor?


«Ich fühle mich schlecht»: Dilma Rousseff im Interview. Video: Teleguiado

Sind Sie für Dilma Rousseff oder für Aécio Neves? Falls Sie die Frage mit einem Schulterzucken abtun, befinden Sie sich offensichtlich nicht in Brasilien – denn bei den Wahlen vom 26. Oktober die amtierende linke Präsidentin zu unterstützen oder auf einen Sieg des konservativen Neves zu setzen, das ist hier die Gewissensfrage schlechthin. Täglich berichten Medien von Sängerinnen, Schauspielern, Moderatoren, Sportlern, die sich auf die eine oder andere Seite schlagen und dafür in aller Öffentlichkeit angepöbelt werden. Täglich sorgen sich Politologen, Historiker, Soziologen wegen des aggressiven sozialen Klimas. «Die Gewalt droht in die brasilianische Politik zurückzukehren», schrieb kürzlich ein Experte.

Betroffen sind auch sogenannte Normalbürger. Auf Facebook werden Beleidigungen ausgetauscht und Freundschaften gekündigt, dass es nur so kracht. Ein Neves-Anhänger berichtet, er sei von einer Horde Rousseff-Fans durch die Strassen gejagt worden wie ein wildes Tier. Ein Rousseff-Gefolgsmann klagt, die Gegner hätten seine rote Fahne zu Boden geworfen, darauf herumgetrampelt und ihn aufgefordert, nach Kuba abzuhauen.

Kein Arzt in der Nähe, viele Fragen in der Luft: Rousseff im Studio.

Kein Arzt in der Nähe, viele Fragen in der Luft: Rousseff am 16. Oktober im Studio.

Für anhaltende Diskussionen sorgt auch der Schwächeanfall der Präsidentin. Es geschah, nachdem sich Rousseff mit Neves im Fernsehen einen Schlagabtausch geliefert hatte, den eine Kommentatorin seiner Aggressivität wegen als «historisch» bezeichnen sollte.

In einem Interview nach geschlagener Verbalschlacht beginnt Rousseff plötzlich zu hüsteln und sich zu räuspern. Sie setzt erneut zum Sprechen an, bricht ab, schaut ratlos, hüstelt abermals. «Fühlen Sie sich nicht gut?», fragt die Moderatorin. «Ich fühle mich tatsächlich schlecht. Wahrscheinlich der Blutdruck», antwortet Rousseff. Die Präsidentin fühlt sich schlecht! Jemand schiebt einen Stuhl heran, jemand reicht ein Glas Wasser, die Moderatorin tätschelt den präsidialen Unterarm.

Und was schreibt der Arzt Milton Simon Pires aus Porto Alegre anderntags auf Facebook? «Soll sich die Schlampe doch von einem kubanischen Arzt behandeln lassen!» – in Anspielung auf ein Sozialprogramm, das zum Ärger einheimischer Ärzte in entlegenen ländlichen Gebieten kubanische Mediziner einsetzt. Trotz heftigster Empörung der Öffentlichkeit und vieler seiner Berufskollegen verweigert der Doktor jede Entschuldigung.

So schlecht geht es ihr offensichtlich nicht: Rousseff vier Tage später mit Vorgänger Lula da Silva. Foto: Reuters

So schlecht geht es ihr offensichtlich nicht: Rousseff vier Tage später mit Vorgänger Lula da Silva. Foto: Reuters

Aber auch Ex-Präsident Lula, Rousseffs wichtigster Helfer, nutzt den Schwächeanfall, um Wahlkampf zu betreiben. Aécio Neves sei schuld. Der Macho-Rüpel wisse nicht, wie man mit älteren Damen umgehe. In der Stadt Belo Horizonte hängen Unbekannte Plakate aus: «Wollen Sie tatsächlich für einen Kandidaten stimmen, der Frauen angreift?»

Worauf wiederum ein Kommentator des regierungskritischen Magazins «Veja» schreibt: «Ich habe mich ja zunächst innerlich dagegen gewehrt, überhaupt so etwas zu denken, aber jetzt kommen mir doch Zweifel – hat Rousseff Theater gespielt? Ist ihr Blutdruck womöglich auf Geheiss ihres Wahlkampfleiters João Santana zusammengesackt?» Die Opposition führt ein Indiz für die These an: Wenn die Präsidentin der grössten lateinamerikanischen Nation und der weltweit viertgrössten Volksdemokratie nach Luft schnappend auf einen Stuhl sinkt – da könne es doch nicht sein, dass sich nicht binnen Sekunden ein Arzt um sie kümmere, sondern ihr als Erster der Polit-Mephisto Santana zu Hilfe eilt.

Wie auch immer: Dass Rousseffs Strategen jetzt die Macho-Karte spielen, scheint sich auszuzahlen. Jüngsten Umfragen zufolge liegt die Präsidentin wieder leicht in Führung.

Logischer Spielzug: Der konservative Herausforderer Aécio Neves zeigt sich mit dem früheren Fussballstar Ronaldo an der Copacabana, 19. Oktober. Foto: Reuters

Unvermeidlicher Spielzug: Der konservative Herausforderer Aécio Neves zeigt sich mit dem früheren Fussballstar Ronaldo an der Copacabana, 19. Oktober. Foto: Reuters

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