Frank heisst jetzt Frieda

Keine zehn Minuten brauchte Frieda Nagl, um weltberühmt zu werden. Oder sagen wir lieber: um weltberühmt in Österreich zu werden. Es war in einer der vielen Politdiskussionen im Fernsehen. Dieses Mal mit dem neuen Chef der bürgerlichen Regierungspartei. Die 75-jährige Frieda sass im Publikum, wollte dem Parteichef eine Frage stellen, wurde vom Moderator so lange ignoriert, bis sie sich lautstark selbst zu Wort meldete und eine Beschwerdelawine über den Politiker ergoss, dass der nur mehr den Kopf einziehen konnte. Forsch beschwerte sich die rüstige Frau im Dirndl über hohe Steuern und ausufernde Bürokratie und schloss mit einem Aufruf in breitem Salzburger Dialekt: «Losst’s uns nid varreck’n!»

Video: Youtube

Damit wären die Minuten des Ruhmes für Frau Nagl aus dem Salzburger Touristendorf Rauris auch schon wieder vorbei gewesen, hätten nicht die Wiener Boulevardzeitungen ihren Auftritt verfolgt und sie am nächsten Tag als «Wut-Oma» auf die Titelseiten gehoben. Womit Omas Karriere praktisch zum Selbstläufer wurde. Weil: Sich zum «Wutbürger» erklären und dann auf alles schimpfen, auf Politiker, auf Banken, auf Hundekot auf dem Trottoir – das funktioniert in Österreich noch immer super. Der Kabarettist Roland Düringer begann damit vor knapp drei Jahren in einer «Wutrede» im Fernsehen. Dann kam der Milliardär Frank Stronach. Der war zwar Teil des Systems, tat aber immer so, als würde er es bekämpfen. Die Rolle als Wutbürger ist ja auch wirklich eine dankbare. Man muss nicht nachdenken, man muss keine Lösungen finden. Man muss einfach nur ein bisschen lauter als alle anderen sein.

Frieda Nagl ist laut. Sehr laut.

Ein findiger Verlag brachte ihre Empörung und ihre Lebensweisheiten gleich als Buch heraus. «Wut-Oma» heisst es originellerweise. Im selben Verlag erschien schon Stronachs Autobiografie. Was wohl kein Zufall ist, denn irgendwie wirkt Frieda wie Franks Reinkarnation: in ihrer ähnlich bodenständigen Sprache, ihrer Rücksichtslosigkeit gegenüber Gesprächspartnern, ihrem sofortigen Duzen ihr unbekannter Personen, ihrem verschmitzten Grinsen nach einer gelungenen Pointe. Bevor er in die Politik einstieg, durfte Stronach seine Wut in der wöchentlichen Rubrik «Franks Welt» in der «Kronen Zeitung» entladen. Seit Anfang Oktober hat nun Frau Nagl eine Kolumne in derselben Zeitung. Sie heisst – wie könnte es anders sein – «Friedas Welt». Die Tonlage bleibt ähnlich populistisch, die Vorschläge sind ähnlich unrealistisch: Zuletzt empfahl Frieda, syrischen Kriegsflüchtlingen doch lieber in deren eigenem Land zu helfen, so könnte sich Österreich das «Asylchaos» ersparen.

Der heute 78-jährige Frank Stronach unterhielt das Land zwei Jahre lang mit seinen Auftritten als Wutpolitiker. Er schaffte sogar den Einzug ins Parlament, zog sich aber dann beleidigt in seine Wahlheimat Kanada zurück, weil er sich in Österreich missverstanden fühlte. Die Wut-Oma dürfte deutlich schneller wieder aus der Öffentlichkeit verschwinden. Schon tauchen hämische Hinweise auf, dass Frau Nagl nicht die Politiker, sondern sich selbst «am Krawattl nehmen» sollte. Möglicherweise hätte sie als Unternehmerin besser über Zukunftsprojekte nachgedacht, vielleicht sogar investiert, statt sich nur über die böse Politik zu beschweren. Der Gasthof Alpenrose, den Frieda und ihre Familie führen, gilt als eine der billigsten, aber nicht gerade besten Herbergen im Dorf. Gäste berichten von kleinen, zum Teil heruntergekommenen Zimmern, von unfreundlicher Behandlung. Freilich: Solche Klagen kommen immer erst im Nachhinein. Weil: Sich bei der resoluten Wut-Oma direkt zu beschweren – das hat sich doch noch niemand getraut.

14 Kommentare zu «Frank heisst jetzt Frieda»

  • Österreichfreund sagt:

    Frau Frida ist doch keine Einzelfall und zeigt ganz klar die Stimme des Volkes!

    Das Problem in der EU und in Österreich ist , dass die Politiker bestimmen was das Volk machen muss, im Gegensatz zu der direkten Demokratie in der Schweiz (Volksabstimmungen über Steuersätze, Minaretten, Immigration usw.) wo die Mehrheit des Volkes bestimmt und dem Politiker den Auftrag erteilt, was er zu tun hat.

    Ob man dann dafür oder dagegen war, die Leute akzeptieren diese Entscheide, weil er von Ihnen kam und gleichzeitig fällt das Thema Korruption bei Politiker auch noch weg!

    Auf jeden Fall lässt Brüssel grüssen und hält die Bürger in der EU nicht für mündig, direkt über einzelne Themen sich zu äussern und seine Meinung kundzutun.

    Die Könige haben gesprochen und das Volk soll sich unterwerfen!

  • McBesser sagt:

    Bernhard Odehnal aus Wien hat am Donnerstag den 30. Oktober 2014
    geschrieben:
    „Der heute 78-jährige Frank Stronach …“.

    Der am 6. September 1932 geborene Frank Stronach
    genießt allerdings derzeit sein 83. Lebensjahr.

    Soviel zum Thema korrekte Berichterstattung.

  • ansch sagt:

    Frau Frieda ist an ihrer lage auch zum Teil selber schuld.Sie hackt auch gerne an Wehrlosen herum. So edel wie sie sich gibt
    ist sie auf keinen Fall. Diese Frau hat zwei Gesichter. Sie hat in ihrem Wohnort nicht nur Freunde. Ich kenne sie gut und lass
    mich von ihr nicht täuschen

  • rimaka sagt:

    ….ah ja, und wer so laut schreit, lenkt automatisch vor dem eigenen Unvermögen ab.

  • rimaka sagt:

    Seltsam diese Österreicher……aber sind wir so unähnlich?

    • Catherine J. sagt:

      Nein, so viele Unterschiede gibt es nicht 🙂 Das ‚Raunzen‘ ist nicht nur typisch Österreichisch/Wienerisch

  • Rüdiger sagt:

    Es ist lächerich wie der Schmuddel (die Journalisten) immer neue Begriffe lancieren/coinen wollen. Sie sind teil des Establishments und nicht so wie die normalen Bürger.

  • Markus Schneider sagt:

    @max müller: Und was haben Sie nun getan als (wie originell!) gegen de SVP auszurufen? Bewunderung erhoffen Sie sich wohl dafür nicht auch noch.

  • Andreas Kofler sagt:

    Das Demokratieverständnis von Herrn Odehnal entspricht voll und ganz demjenigen seiner Sponsoren.

  • max müller sagt:

    Ausrufen kann jeder, damit verändert worden ist noch nie was. Da bewundere ich Leute die etwas für andere tun und nicht die populistischen Motzer. Von denen haben wir eine ganze Partei in der CH.

    • A.M. Z'Graggen sagt:

      Herr M. Müller, für andere etwas tun, ist schön. Doch haben wir auch die Pflicht, vorerst für uns selber zu sorgen, damit wir niemandem zur Last fallen. Das fängt beim kleinsten Glied (Familie) der Gesellschaft (Staat) an. Wenn wir dazu nicht in der Lage sind, ist eben irgendwann Hopfen und Malz verloren. Im übrigen ist es doch so, dass, diejenigen, die „für andere etwas tun“, dies meist auf Kosten der Mitbürger tun. Hilfe organisieren, heisst, Nächstenliebe walten zu lassen, nicht den Profit (z.B. fürstliche Gehälter der Hilfswerke). Millionen haben wenig, sehr wenig mit den guten Gefühlen zu tun.
      Bin ich jetzt auch ein „populistischer Motzer“ ?

      • Franz Vontobel sagt:

        Bin ich jetzt auch ein “populistischer Motzer” ?

        Mhh, lassen sie mich kurz nachdenken… ja, würde ich sagen. Definitiv.

  • Martin Diethelm sagt:

    Frau Nagl ist keineswegs sehr laut. Sie sagt bloss in verständlichem Ton, was Sache ist, was wiederum dem Moderator und offensichtlich auch Herrn Odehnal nicht passt und der Herr Politiker versucht sich seinerseits mit altbekannten Floskeln aus der Diskussion zu verabschieden.

  • Carlo Corno sagt:

    Das ist der Vorteil des Rentnerdaseins, man kann seine Meinung viel offener sagen, weil man viel unabhängiger ist. Hut ab vor dieser Oma, und ich hoffe dass Rentner sich viel öfter politisch engagieren, manche Abstimmung würde anders ausgehen.

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