Ein Hoch auf «Heute»

Was für eine glänzende Geburtstagsparty. Der Festsaal des Wiener Barockpalais Belvedere wurde auf Hochglanz gebracht und alle kamen. Der Bundeskanzler, sieben Minister, der Wiener Bürgermeister, der niederösterreichische Landeshauptmann, hohe Beamte, Museumsdirektoren, viel Cervelat-Prominenz. Und das Geburtstagskind strahlte.

Zehn Jahre ist es alt geworden, und auch wenn es auf den ersten Blick recht schmuddelig wirkt, so wächst es doch beachtlich schnell. Das kleinformatige Gratisblatt «Heute» legte seit seiner Gründung im September 2004 stetig an Auflage zu. Heute ist es in Wien mit fast 600’000 Lesern schon grösser als der einstige Platzhirsch, die «Kronen Zeitung».

Die illustre Gästeschar feierte im Belvedere aber nicht nur eine kleinformatige Zeitung, die in jeder U-Bahn-Station aufliegt. Sie feierte sich selbst. Denn aus eigenen Kräften hätte es das Geburtstagskind vielleicht nie so weit gebracht. Dazu brauchte es viele Geburtshelfer und Patenonkel: den Wiener Bürgermeister; seine sozialdemokratische Partei; den Stadtrat für Wohnen, der später zum Verkehrsminister und zum Bundeskanzler aufstieg; und die vielen kommunalen Betriebe, die das Geburtstagskind mit Inseraten fütterten und weiter füttern. Denn es soll ja auch noch zum zwanzigsten Geburtstag so rosig und feist aussehen.

Viele verdächtige Zufälle

Ein besonderes Geschenk brachten die städtischen Verkehrsbetriebe «Wiener Linien» mit. Fünf Wochen lang, bis 20. Oktober, flattern auf den Dächern aller Wiener Strassenbahnzüge Fähnchen mit der Aufschrift «10 Jahre Heute». Es ist das erste Mal, dass ein kommerzielles Unternehmen so werben darf. Und es muss dafür nicht einmal Geld ausgeben. «Kooperationsvereinbarung mit Leistungsaustausch» lautet die Zauberformel. Was wohl bedeuten soll, dass die Verkehrsbetriebe im Gegenzug in der Gratiszeitung werben dürfen. Wie gross und wie oft, bleibt geheim.

Es ist nicht das einzige Geheimnis des Geburtstagkinds. Vieles liegt im Dunkel, viele Fragen sind offen. Zum Beispiel, wer seine wirklichen Eltern sind. Lange versteckten sie sich hinter geheimnisvollen Stiftungen, und niemand durfte auch nur nach ihrem Namen fragen. Junge Journalisten der Rechercheplattform Dossier.at forschten und fanden Verbindungen einerseits zur Wiener SPÖ und anderseits zur «Kronen Zeitung». Was nahelegt, dass sowohl Wiens Bürgermeister Michael Häupl als auch der Gründer und Herausgeber der «Kronen Zeitung», Hans Dichand, an der Geburt von «Heute» beteiligt waren.

Eine Partei, die eine Zeitung gründet und mit Steuergeldern finanziert? Der Verdacht wird vom Geburtstagskind empört zurückgewiesen. Und dass die Chefredaktorin Eva Dichand heisst und Schwiegertochter des 2010 verstorbenen alten Dichand ist? Reiner Zufall. Dass der Herausgeber Wolfgang Jansky ein alter Kumpel und Pressesprecher von Werner Faymann war, als der noch nicht Bundeskanzler, sondern in der Wiener Kommunalpolitik tätig war? Ebenfalls Zufall.

Der gewinnbringende «Faymann-Faktor»

Überhaupt Faymann. Ohne seine schützende Hand wäre «Heute» wohl nie dort, wo «Heute» heute steht. Der gute Freund der Familie Dichand (den alten Herrn durfte er «Onkel» nennen) sorgte als Stadtrat und später als Verkehrsminister dafür, dass «Heute» niemals Inseratenmangel leiden musste. Die ihm unterstellten Ämter und Staatsbetriebe schalteten Anzeigen für Hunderttausende Euro. Dossier.at hat eine schöne Grafik angefertigt – quasi ein Geburtstagsgeschenk der anderen Art für «Heute»: Welches Amt Faymann auch bekam, stets stiegen die Inseratenausgaben seiner Ressorts sprunghaft an. Dossier.at nennt das den «Faymann-Faktor».

Laut Recherchen von «Dossier» bekam «Heute» in den zehn Jahre seines Bestehens Werbung im Wert von 84 Millionen Euro von öffentlichen Stellen oder Unternehmen. Fast die Hälfte davon, nämlich 41 Millionen Euro, kamen von der Gemeinde Wien. Die Berichterstattung der Gratiszeitung über die rote Gemeindeverwaltung und den roten Bundeskanzler ist auffallend wohlwollend.

Die Wiener Linien, fest in der Hand der roten Stadtregierung, leisteten neben Inseraten noch Geburtshilfe der besonderen Art. Lediglich «Heute» darf seine roten Entnahmeboxen direkt in den U-Bahn-Stationen aufstellen. Die Kisten des Konkurrenzblatts «Österreich» (ebenfalls gratis) müssen draussen bleiben. Auch das ist durch einen Vertrag geregelt, auch der ist geheim.

Die nächste Party steht schon an

Mit jährlich über 50 Millionen Euro (60 Millionen Franken) hat Wien ein deutlich grösseres PR-Budget als die meisten europäischen Städte. Und es wird ständig mehr, nächstes Jahr um fast vier Millionen Euro. Als sie noch Opposition waren, empfanden die Wiener Grünen das Füttern des Boulevards mit städtischen Inseraten als «unglaubliche Sauerei». Jetzt sind sie Koalitionspartner und stimmen brav mit den Sozialdemokraten.

Ausser «Heute» werden auch die Konkurrenten auf dem Boulevardmarkt, die «Kronen Zeitung» und das zweite Gratisblatt, «Österreich», grosszügig mit Inseraten und bezahlten Beilagen kommunaler Betriebe bedacht. Die Politik möchte sich ja nur keine Feinde in den kleinformatigen Printmedien machen. Und wenn in zwei Jahren «Österreich» seinen zehnten Geburtstag feiert, dann werden sie wieder alle den Kotau machen: der Bundeskanzler, sieben Minister, der Wiener Bürgermeister, der niederösterreichische Landeshauptmann, hohe Beamte. Und viel Cervelat-Prominenz.

4 Kommentare zu «Ein Hoch auf «Heute»»

  • «Kooperationsvereinbarung mit Leistungsaustausch» welch gedroschene Floskel. Man sollte eigentlich sagen: Weit haben es die Haberer gebracht. Und den Österreichern wird immer wieder gesagt, dass es sowas nicht gibt. Nun spricht dieser Blog aber eine ganz andere Sprache und zeigt eigentlich auf wer da alles Geld gibt, sei es direkt oder nur indirekt.

  • Nick Schaefer sagt:

    WIe übersetzt man „Säuhäfeli, Säudäggeli“ auf Wienerisch?

    Übrigens eine wunderbare Stadt….

  • Marcel Senn sagt:

    Seit wann gibt es denn in Wien Cervelats? Also kann es auch keine Cervelat Prominenz geben…
    Die hiessen doch bei euch „Adabeis“, wenn ich mich recht erinnere…

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