Abgestrafter Politikervater

Sie könne nicht länger schweigen, schrieb Candy Koh kurz vor den Lokalwahlen in Südkorea auf ihrer Facebook-Seite. Sie warne die Bürger von Seoul: «Mein Vater ist für dieses Amt nicht qualifiziert.» Der «Gott des Lernens», wie ihr Vater Koh Seung-duk sich bei TV-Auftritten nennen lässt, hatte erwartet, mit grossem Mehr zum «Erziehungsvorsteher» von Seoul gewählt zu werden. Im ausbildungsbesessenen Südkorea werden neben den Bürgermeistern auch diese lokalen «Schulminister» direkt vom Volk gewählt.

Der 56-jährige Koh von der konservativen Regierungspartei Saenuri prahlt, er sei der einzige lebende Jurist, der Rechtsdiplome von den drei Eliteunis Harvard, Columbia und Yale habe. Dazu drei südkoreanische Staatsexamen: als Beamter, als Anwalt und als Diplomat.

Seine Tochter Candy warf ihrem Vater auf Facebook dagegen vor, sie habe ihn schon vor der Scheidung der Eltern kaum gesehen. Er kümmerte sich nur um seine Karriere, deshalb trennte sich die Mutter von ihm. Und zog dann mit den beiden Kindern in die USA. «Als gebe es kein Telefon und kein Internet», habe sich der Vater nie gemeldet. «Nicht einmal zum Geburtstag.» Um ihre Ausbildung habe er sich auch nicht gekümmert; und finanziell geholfen schon gar nicht.

Koh tobte. Er warf der 26-Jährigen vor, sie habe sich von der Opposition instrumentalisieren lassen. Und warf öffentlich Dreck gegen seine Ex-Frau, die Tochter einer reichen Familie, die heute in Kanada lebt. Diese erklärte das Motiv ihrer Tochter mit dem koreanischen Sprichwort «Eine Schale Reis, die zu Hause leckt, rinnt auch auswärts».

Erst am Vorabend der Wahl bequemte Koh sich zu einer Entschuldigung. Es war zu spät. Der nächste Erziehungsvorsteher von Seoul ist der liberale Cho Hee-yeon, der in den Umfragen weit zurücklag. Koh wurde abgeschlagen Letzter.

Auch Chos Söhne hatten sich in den Wahlkampf eingemischt. Sie hätten den besten Vater, den man sich wünschen könne, schreiben sie im Web.

Durch Südkorea geht ein tiefer Riss: Er spaltet Konservative und Liberale, die Regionen und auch die Generationen. Entlang dieses Risses brechen immer wieder Konflikte auf, gerade auch über die Art der Schulen. Die Liberalen kritisieren, das Schulsystem zwinge den jungen Koreanern mit Drill und einem gnadenlosen Konkurrenzkampf enorme Gedächtnisleistungen ab, lehre sie aber zu wenig. In Seoul sieht man jede Nacht übermüdete Kinder vom kommerziellen Nachhilfeunterricht nach Hause fahren: Ihre Eltern fürchten, ohne schafften sie die alles entscheidende Aufnahmeprüfung nicht. Und zahlen viel Geld für die Nachhilfe.

Der Untergang der Sewol, bei der 304 Mittelschüler umkamen, die sich an die Weisungen der Fährbesatzung hielten, hat die Kritik am Schulsystem noch verschärft. Auch das wirkte sich auf die Wahlen der Erziehungschefs aus. 14 von 17 Städten gingen an Liberale.

Im Kampf um die Zukunft der Schule – und das Denken der Schüler – hat der Gegenschlag der konservativen Regierung nicht auf sich warten lassen. Schon im Herbst hatte sie der progressiven Lehrergewerkschaft mit 60’000 Mitgliedern wegen einer Formsache die gesetzliche Anerkennung entzogen. Diese Woche schmetterte ein regierungstreues Gericht den Rekurs der Lehrergewerkschaft ab. Das werden die liberalen Erziehungsvorsteher nicht hinnehmen. Und die jungen Koreaner im Web auch nicht.

3 Kommentare zu «Abgestrafter Politikervater»

  • Regine Heitmann sagt:

    Die obigen Antworten klingen m.M. ziemlich überheblich und vor allem respektlos.

    Deutschland hat selbst mal im grossen Stil abgekupfert, nämlich – nach Anweisung von Kaiser Wilhelm – bei der Industrie in Manchester. Die haben daraufhin gefordert, dass bei deutschen Waren „Made in Germany“ angegeben werden muss. Wie man weiß, hat sich das im Laufe der Zeit von einem Hinweis auf nachgemachte Mangelware in einen Hinweis auf Weltklasse umgewandelt.
    Und wie war denn die Schulbildung in Deutschland bis zum Ende des 2. Weltkrieges? Extrem autoritär (einschließlich Prügelstrafe).

    Ich kann mich noch genau erinnern, wie sich die Repräsentanten deutscher Autofirmen über die ersten japanischen Autos „kaputt gelacht“ haben.
    Inzwischen weiß man ja, welche Weltmarken-Führer Japan besitzt und Waren produziert, die dort entwickelt wurden und werden.
    Und wie ist dort die Schulbildung? Ähnlich.
    Und das gilt natürlich auch für China. Erst wird alles abgekupfert, dann durch ungeheure Kraftanstrengung im Bildungsbereich aufgeholt. Ausländische Firmen werden zu Firmenbeteiligung eingeladen. Dadurch wird natürlich auch technisches know-how übernommen, um es anschließend selbst zu produzieren. Das ist alles taktisch geplant und wird konsequent durchgesetzt.
    Sie werden also den gleichen Weg gehen wie Japan, nämlich durch ungeheure Anstrengungen alles aufzunehmen, um es dann weiterzuentwickeln. Immerhin hat ja China auch bereits eine eigene Weltraumentwicklung.

    Fazit:
    Es ist doch nachvollziehbar, dass diese Länder nicht das Rad neu erfinden, sondern erstmal viel übernehmen, um dann selbständig werden zu können. Denn wie man weiß, kann sehr viel Ehrgeiz und Fleiß Berge versetzen.

    Zu Korea muss man noch sagen, dass dieses Land nach der japanischen Besetzung komplett auf die japanischen Kultur umerzogen wurde (einschließlich Umwandlung ihrer Namen in japanische).
    Nach dem 2. Weltkrieg mussten sie dann erstmal das gesamte Bildungssystem neu „erfinden“ und einrichten.
    Das ist eine bewundernswerte Leistung!

  • J. Richter sagt:

    Nun, mit Kreativität werden die genannten Unternehmen ja auch nicht gerade verbunden. Eher mit z.T. detailgenauer Kopie.
    Die Beispiele dafür sind mannigfaltig und werden weltweit vor Patentgerichten verhandelt. Passt ja somit genau ins Bild: Keine eigenen, wirklich innovativen Ideen, aber sobald jemand eine neue Richtung auftut, ist man recht schnell vorn mit dabei, da man die Technik ja bis ins Detail beherrscht. Die kann man nämlich auswendig lernen. Den Rest macht dann das Marketing.
    Im Einzelnen: Samsung ist mittlerweile die grösste Kopiermaschine der Welt, LG hat mal als Billigfirma GoldStar angefangen und verbaut aus Displays praktisch keine eigenen Teile und zuletzt Hyunday: Hat bis vor kurzem noch Knowhow und Personal aus Europa eingekauft um sich dem Marktdurchschnitt anzunähern. (Deutscher Chefdesigner, Fahrwerksoptimierungen von Porsche, …)
    Zusammengefasst kann man also sagen, es ist nicht Kreativität die diese Marken an die Weltspitze brachte, sondern ein günstiges Preisniveau, was deshalb möglich war, weil die wirklichen Entwicklungen und Innovationen andere übernommen haben.

  • Patrick Leonardi sagt:

    Mich erstaunt ja, dass in Südkorea derart grosse und weltweit führende Firmen wie Samsung, LG und Hyundai gegründet wurden und operieren. Das beschriebene System scheint für die nötige Kreativität nicht grad förderlich.

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