England unter dem Hakenkreuz


All diese Jahre sind Bürger der englischen Stadt Chelmsford in ihre Grafschaftsverwaltung getrottet, ohne es zu bemerken. Die Essex County Hall, zwischen den Weltkriegen erbaut, schien ihnen das normalste Gebäude der Welt. Mit einem Mal aber haben die Chelmsforder eine Entdeckung gemacht, die viele schockierte. Am Steinaufsatz hoch über einem Eingangsportal des Gebäudes prangt eine Reihe kleiner Hakenkreuze, die dort eingemeisselt sind.

Was für ein finsteres Geheimnis birgt das vertraute Gemäuer? Und warum hat sich nie jemand um die NS-Insignien hier, mitten in der englischen Provinz, geschert? Das will nun Jamie Huntman, einer der Grafschaftsräte, wissen. Mr Huntman gehört der Ukip an, der Partei der selbst ernannten Patrioten in England. Er hat die Ratsführung zu unverzüglicher Aktion gedrängt.

«Eine echte Zumutung»

Der Ukip-Politiker will die Hakenkreuze schnellstens entfernt wissen. «Ich habe Verwandte gehabt, die im Krieg gekämpft haben», sagt er. «Ich finde das eine echte Zumutung. Ich bin stolz darauf, englisch und britisch zu sein, und weiss, wofür und wogegen unsere jungen Leute damals im Einsatz waren.» Darum müssten die Hakenkreuze weg.

Seit der Entdeckung der unliebsamen Ornamente an der Essex County Hall ist seinen Landsleuten freilich mit Schrecken bewusst geworden, dass Chelmsford kein Einzelfall ist im Inselreich. Überall werden plötzlich Hakenkreuze gesichtet. An Kirchendecken und an Amtsgebäuden sind welche zu finden. In einer Bank in Bolton sind sie Teil des gefliesten Bodens. Ebenso in der alten Marineschule von Greenwich, einem treuen Zeugen imperialer Vergangenheit.

In Ostlondons U-Bahnhof Upminster Bridge Station stösst man sogar auf ein riesengrosses in der Eingangshalle. Auch die Königliche Akademie der Künste hat eins vorzuweisen. Goldgerahmt sind zwei am India House, dem indischen Hochkommissariat in London. Und das britische Aussenministerium, das Foreign and Commonwealth Office, ziert gleich ein ganzer Bogen der verpönten Symbole. Als hätte, als gerade niemand hinschaute, die Wehrmacht es doch noch bis zur Themse geschafft.

Lektionen über die Bronzezeit

Nun haben seit dem Fund von Chelmsford Religionswissenschaftler und Kunstgeschichtler auf der Insel ihre Landsleute darüber aufzuklären versucht, dass nicht jedes Hakenkreuz gleich mit den Nazis zu tun habe. Lektionen in Bronzezeit-Runen, indischen Glücksmotiven und griechisch-römischem Dekor sind den Briten im Rahmen dieser Aufklärungskampagne erteilt worden. Denn Swastiken gibt es ja schon ziemlich lange.

Besorgten Geistern ist klargemacht worden, dass sich sogar viktorianische Architektur des antiken Erbes gern und in aller Unschuld bedient hat. Und dass kein Anlass zur Unruhe besteht. Hitler steckt nicht hinter den unheimlichen Ornamenten. Auch der Bau der Grafschaftsverwaltung von Essex, beteuern Historiker, hat nichts mit der NS-Ära zu tun.

«Kein Hindu-Tempel oder so etwas»

Das dortige Gebäude war, samt seinen Hakenkreuzen, zwischen 1908 und 1926 entworfen worden. Noch bevor das Terroremblem der Nazis die Welt überschattete und es seinen kulturgeschichtlichen Wurzeln entwachsen war. Für Mr Huntman in Chelmsford ist das allerdings kein Trost. Schliesslich, klagt der Ukip-Politiker, sei die County Hall «kein Hindu-Tempel oder so etwas».

Im Grafschaftsrat gibt man sich dagegen gelassen. Man müsse, findet ein Ratssprecher achselzuckend, das Ganze «im baulichen Kontext sehen». Ausserdem, warnt der Rat, könnten Veränderungen an der denkmalgeschützten Fassade «für die öffentliche Kasse äusserst teuer» werden. Das ist eine Sprache, die jeder versteht in Chelmsford. Es ist kein Geld da, um die Runen zu entfernen. So wird Essex erst mal weiter unterm Hakenkreuz leben.

Swastiken in London – und was sie bedeuten:
(Quelle: Youtube)

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