Ein ungewöhnlicher Ort für eine geladene Knarre

Die Aufrüstung der amerikanischen Bevölkerung erfolgt dieser Tage in einem atemberaubenden Tempo. Weil die Freunde des Schusswaffenbesitzes, vornedran die Fanatiker der mächtigen National Rifle Association, die allgemeine Volksbewaffnung in immer krasseren Formen verlangen, häufen sich Gewehre und Pistolen. Im Staat Georgia unterzeichnete Gouverneur Nathan Deal neulich ein Gesetz, das Ballermänner in Schulen, Bars, Kirchen und Flughäfen erlaubt, allerdings vorschreibt, dass Bewaffnete in Kneipen keinen Alkohol konsumieren dürfen.

Das Gesetz lässt offen, wie dies kontrolliert werden soll. Einem Betrunkenen an der Bar in den Hosenbund zu langen und dort nach einer Smith & Wesson zu suchen, wäre nicht nur anzüglich, sondern womöglich tödlich. Das amerikanische Waffenarsenal ist zudem so riesig, dass es kaum noch verstaut werden kann. Besonders Hochgerüstete besitzen zig Schiesseisen, die sie über ihre Anwesen, Autos und Körper verstreuen: 9-mm-Halbautomatik im Handschuhfach, .44 Magnum im Kühlschrank, .22 Derringer im linken Socken.

Wie schwierig die Aufbewahrung der Knarren sein kann, zeigte sich unlängst im Staat Tennessee. Dort nahm die Polizei in der Stadt Kingsport an einem helllichten Nachmittag eine gewisse Dallas Archer fest, eine junge Frau im Alter von 19 Jahren. Frau Dallas, die mit der gleichnamigen texanischen Grossstadt absolut nicht verwandt ist, war ohne gültige Fahrerlaubnis in Kingsport unterwegs. Warum sie diese nicht besass, bleibt unergründlich. Der Polizeibericht gibt darüber keinen Aufschluss.

Nachdem Frau Dallas in eine Zelle auf der Wache verfrachtet worden war, wurde sie erkennungsdienstlich behandelt. Diesem Vorgang verdanken wir ein vorzügliches Foto, das sie trotzig im Stil rockiger Schwermetaller zeigt, dazu verstrubbelt, als hätte sie eine wilde Nacht mit Metallica oder Thin Lizzy verbracht und nach dem Abklingen der Musik versäumt, sich die Haare zu kämmen.

Danach wurde Frau Dallas durchsucht, wobei die Gefängniswärterin gemäss dem Polizeibericht in ihrem Schritt ein «unbekanntes Objekt» registrierte. Die alarmierte Wärterin und eine herbeigerufene Polizistin fummelten sodann auf der Damentoilette der Wache an Frau Dallas herum – und zogen ihr eine geladene Knarre aus der Scheide, ein vaginales Grossereignis, das in Kingsport gehörig Aufsehen erregte. Lapidar vermerkt der Polizeibericht, es habe sich dabei um einen «North American Arms 22 LR Revolver» mit fünf Patronen und einer Länge von zehn Zentimetern gehandelt.

Nun könnte darüber gerätselt werden, was Frau Dallas wohl bewogen habe, die Waffe intim zu tragen, sozusagen als ein überraschendes Accessoire, das zu geeigneter Stunde einen potenziellen Beischläfer beeindruckt haben könnte. Aber nein: Zur ungewöhnlichen Aufbewahrung bewogen hatte Frau Dallas wohl eher der Umstand, dass die Pistole als gestohlen gemeldet worden war, entwendet vor einem Jahr aus dem Fahrzeug des Autoverkäufers John Souther, wie Frau Dallas ein Bürger Kingsports.

«Donnerwetter», reagierte Souther, als ihn die Polizei über den Verbleib seiner Pistole informierte. Dann sagte er ganz im Stil eines Gentleman der alten Schule, dass er, Vagina hin und Vagina her, «den kleinen Kerl» gern wiederhätte – alle zehn Zentimeter samt den fünf Patronen! Allerdings werde der «kleine Kerl» als Erstes «ein Bad in einer Bleiche» nehmen, damit so die Erinnerung an die enge Beziehung zu Frau Dallas gelöscht würde.

Frau Dallas kam unterdessen gegen Kaution frei. Sie ist ein Schulbeispiel dafür, was passieren kann, wenn eine schwer bewaffnete Nation nicht mehr weiss, wo sie ihre Kanonen verstauen soll.

Animation der Geschichte auf Youtube:

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