Hier kommt Schengen an die Grenze

  • Nicht willkommen in Ungarn: Stacheldraht und Zaun sollen das christliche Abendland schützen. Fotos: Bernhard Odehnal

    Nicht willkommen in Ungarn: Stacheldraht und Zaun sollen das christliche Abendland schützen. Fotos: Bernhard Odehnal

  • Vier Stunden Wartezeit für Personenwagen ist hier ganz normal, Lastwagen warten zwölf Stunden und länger.

    Vier Stunden Wartezeit für Personenwagen sind hier ganz normal, Lastwagen warten zwölf Stunden und länger.

  • Scheinbar geht es an der Grenze von Röszke mehr um Schikane als um Kontrolle.

    Scheinbar geht es an der Grenze von Röszke mehr um Schikane als um Kontrolle.

  • Das Arbeitstempo der Beamten lädt zur Meditation ein. Anderswo würde man «Bummelstreik» dazu sagen.

    Das Arbeitstempo der Beamten lädt zur Meditation ein. Anderswo würde man «Bummelstreik» dazu sagen.

Links flaches Land, rechts flaches Land, darüber eine gnadenlos stechende Sonne. In der Mitte ein Asphaltband mit ganz viel Blech. Und nichts bewegt sich in Röszke, dem Autobahn-Grenzübergang zwischen Serbien und Ungarn. Nicht die Autos, nicht die Lastwagen, nicht die Cars. Und schon gar nicht die Grenzpolizisten und Zöllner, die gelangweilt vor ihren Häuschen stehen und auf die Kolonne starren, als würde sie das alles nichts angehen.

Wer in Röszke nach Ungarn und damit in den Schengenraum will, der muss erst einmal leiden. Vier Stunden Wartezeit für Personenwagen sind hier ganz normal. Lastwagen warten zwölf Stunden und länger. Er habe viele Grenzen passiert, sagt ein Mazedonier, der seinen Sattelschlepper nach Russland fahren soll: «So schlimm wie hier ist es sonst nirgends.» Dabei stehen wir mit unserem Kleinbus erst bei der Ausreise aus Serbien.

Das ist erst die Vorhölle

«Weisst du überhaupt, wo du hier bist», schreit der serbische Polizist, der so aussieht, als hätte er im früheren Leben Albaner im Kosovo massakriert: «Wenn du nicht sofort den Pass herzeigst, halten wir dich für einen Illegalen.» Geduzt werden hier prinzipiell alle, Höflichkeit wird in serbischen Polizeischulen nicht gelehrt. Dabei ist das erst die Vorhölle.

Danach heisst es: Wieder warten, in glühender Hitze. Links ein Wagen mit Zürcher Kennzeichen und einer serbischen Gastarbeiterfamilie, die kurz vor dem Nervenzusammenbruch steht. Rechts eine Kolonne von Sattelschleppern, deren röhrende Motoren Kühlaggregate und Klimaanlagen antreiben. So viel Treibstoff, so viel Lebenszeit geht hier verloren.

Mehr Schikane als Kontrolle

2015 kamen Hunderttausende Flüchtlinge durch Röszke auf ihrem Weg in den Westen. Dann liess Viktor Orban links und rechts der Autobahn Stacheldraht auslegen und einen Zaun errichten, um das christliche Abendland zu schützen. Es sind aber keineswegs penible Kontrollen auf ungarischer Seite, die seither den Stau verursachen. Acht Spuren und acht Zollhäuschen hat der ungarische Grenzübergang. Nur zwei davon sind besetzt. Und selbst in diesen lädt das Arbeitstempo der Beamten zur Meditation ein. In anderen Ländern würde man «Bummelstreik» dazu sagen.

Unser Bus steht vor dem ungarischen Zollhäuschen. Ein Zöllner kommt, schaut, geht wieder weg. Ein anderer zündet sich eine Zigarette an, raucht, blickt verträumt in die Sonne. Er wirkt sehr entspannt. Dann müssen wir aussteigen, zu Fuss durch die Passkontrolle. Unser Bus wird nicht durchsucht. Wir hätten auch ein paar Flüchtlinge mitnehmen können. Scheinbar geht es an der Grenze von Röszke mehr um Schikane als um Kontrolle. Anders ist es nicht erklärbar, warum sogar bei der Ausreise aus Ungarn die Wartezeit mehr als eine Stunde beträgt.

«Nein zur Korruption!»

«Der Grenzübergang ist kostenlos», informieren Plakate auf serbisch, ungarisch und englisch. Sie fordern den Betrachter auf: «Sagen Sie Nein zur Korruption!». Hier wird nicht ohne Grund gemahnt. Wer würde in der endlosen Kolonne nicht gerne geben, um die Wartezeit zu verkürzen?

Und ungarische Grenzbeamte sind auch nicht abgeneigt, kleinere oder grössere Zuwendungen anzunehmen. Im Mai 2017 wurden in Röszke 30 Beamte wegen des Verdachts der Annahme von Bestechungsgeldern vom Dienst suspendiert. Ende Mai 2018 wurden noch einmal 30 Beamte verhaftet. Auch sie werden der Korruption verdächtigt. Dicht ist die Schengen-Grenze also nur für jene, die sich den Zutritt nicht leisten können.

Nach mehr als vier Stunden spuckt uns dieses Monster namens Röszke auf der ungarischen Seite wieder aus. Vor uns, neben uns, hinter uns sehen wir völlig erschöpfte und frustrierte Fahrer. Die meisten haben jetzt noch stundenlange Fahrten in glühender Hitze vor sich. Wenn europäische Politiker wieder einmal Schengen verdammen und die Wiedererrichtung von Grenzen fordern, sollten sie einfach einen Tag im Stau vor Röszke verbringen. Man vergisst ja so leicht, wie es früher überall in Europa war.

22 Kommentare zu «Hier kommt Schengen an die Grenze»

  • gabi sagt:

    Die Verwestlichung des Ostens oder doch eher die Verostlichung des Westens?

  • Rolf Raess sagt:

    Und solchen exOstblock-Staaten zahlen wir Schweizer schon wieder eine (Kohäsions)-Milliarde, damit sie noch mehr Zäune bauen können.

  • SrdjanM sagt:

    Das ist seit Jahren der Standard, nicht die Ausnahme.
    Aber richtig, es ist ein Beispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit von Korruption und Bürokratie, nur als Beispiel für den Umgang der EU oder Ungarns mit Flüchtlingen und Migranten passt es nun wirklich nicht.

    Und dann noch: „…der so aussieht, als hätte er im früheren Leben Albaner im Kosovo massakriert.“
    Wirklich?!
    Einfach so als „Verzierung“, 19 Jahre nach dem Krieg?
    Nein, das ist unangebracht und weil nicht im Kontext, auch unnötig.

  • Lori Ott sagt:

    Wenn weniger Stau an der Grenze alles oder das Wichtigste ist was das Schengen-Abkommen bieten kann, dann ist das Abkommen schon auf den ersten Blick nicht das Papier wert auf dem es unterschrieben wurde. Wer sich die Mühe nimmt genauer hinzuschauen merkt aber schon lange, dass es für die bevölkerung aller beteiligten Staaten einen enormen „Negativ-Wert“, sprich Schaden, darstellt.

    • SrdjanM sagt:

      Das sieht das Grenzwachtkorps aber ganz anders. Können Sie da noch genauer werden, wieso „Schengen“ nur einen Schaden darstellt?

  • M.M sagt:

    Das EU ist sowieso zum kotztrn.Am zoll zwischen Slovenien und Kroatien oder Bosnien-Kroatien wartet man stunde lang grund los…Am kroatische zoll alle raus sommer/winter!!!Für was?grund los…Slovenische zoll genau selber,alles rauss..grund los..ob sommer über 30grad oder winter minu 20grad frauen mit kleine kind warten drausen, pass kontrole.Ist das EU?Ist das normal..?Man wird am diese zwai zoll übergan prowoziert bis geit nicht mehr…Für was…?Ist das EU?Viel spass bei diese zwai zoll

  • Peter Schlesinger sagt:

    Schweiz ist Teil des Schengenraums und auch bei uns sind bei der Einreise Teils sehr lange Wartezeiten gang und gäbe. Ich glaube dies hat weniger mit Schengen oder nicht Schengen zu tun, sondern vielmehr am fehlendem Willen dagegen etwas zu unternehmen – sowohl in Serbien als auch in der Schweiz. Hierzulande kommt der Verdacht auf, dass aus politishem Kalkül die Wartezeiten lang gehalten werden um so den Grenzeinkaufstourismus einzudämmen.

  • Markus sagt:

    Der Schreiber hat keinen Ahnung, auch an der Schweizer EU Grenze stehen die LKW Fahrer stundenlang, denn die Grenzen sind nur für Personen offen, aber nicht für Güter. Als Länder noch Grenzen hatten war alles besser, kein billiger Grenzgänger der dir den Job nimmt, kein Einkaufstourismus, der die heimischen Läden zerstört, viel weniger Kriminalität und höhere Sicherheit, weniger Verkehr auch noch gleich. An der Grenze stand man so gut wie nie. Allerdings gibt es für die meisten Menschen auch keinen Grund die Grenze täglich zu überqueren. Sollen sie doch Arbeiten und Einkaufen wo sie wohnen, das ist erst noch viel Ökologischer.

    • SrdjanM sagt:

      „Als Länder noch Grenzen hatten war alles besser…“
      Sie müssen entweder sehr jung sein, oder waren „damals“ kaum unterwegs in Europa, egal ob mit dem Auto oder im Zug.
      Was tatsächlich stark zugenommen hat, ist der Verkehr insgesamt, ob Personen oder Güter.
      Die Kapazität an wichtigsten Übergangen wurde aber nicht entsprechend angepasst. Das ist das grösste Problem.

    • Ruedi Meier sagt:

      Schengen hat nichts mit der Verzollung von Gütern zu tun. Es geht ja hier um den Personenverkehr.

  • JoeCH sagt:

    Ich halte diese Schlussfolgerung für falsch!
    Aus dem Text geht ja klar hervor: Es sind nicht „die Grenzen“ welche das Problem verursachen. Es ist die Art und Weise, wie die Grenze gehandhabt wird. Im Gegenteil. Mit Schengen und EU steigen holen wir uns dieses Behördenversagen sogar „in’s Haus“. Keiner von uns würde solche Haushälte im eigenen Haushalt dulden. Politisch aber tun wir genau dass.

  • Niklas Meier sagt:

    An der Bequemlichkeit geht die Welt zugrunde..

  • Tinu sagt:

    Voreingenommener Bericht mit vielen linksextremen Annahmen. Einfach nur schlecht.

  • Alig sagt:

    Das erwartet uns, wenn wir weiterhin den nationalistischen Parolen quer durch Europa unsere Stimmen geben.
    Nein, es sind keine Wirtschaftsflüchtlinge, die hier die Zeche zahlen müssen. Es sind Leute wie du und ich, die hier zerrieben werden. Was soll damit geschützt werden? Die Fremdenfeindlichkeit der Ungarn?
    2/3 der Ungarn finden dieses unwürdige Verhalten ihrer Behörden in Ordnung. Soviel zur Europafähigkeit der Ungarn.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.