Sie lebt mit dem Corona-Risiko

Unsere Autorin leidet unter einer Autoimmunerkrankung. Und gehört darum zu einer Risikogruppe, wenn es um das Coronavirus geht. Warum sie sich nicht verrückt machen lässt.

Sie versucht, einen kühlen Kopf zu bewahren: Autorin Silvia Meier-Jauch. Foto: Anna Maier (keinhochglanzmagazin.ch)

Ich wohne im vierten Stock. Wenn immer möglich, versuche ich die Treppen zu Fuss zu gehen. Ich leide unter schmerzhafter Psoriasis-Arthritis, und es ist für mich immer ein bisschen wie ein Sieg, wenn ich das schaffe. Doch das letzte Mal war es unmöglich: Meine Knie und auch meine Füsse brannten, als hätte mir jemand mit glühenden Nadeln in die Gelenke gestochen. Ich wählte also den Lift. In der Liftkabine fuhr ein Mann mit, der auf halber Strecke bellend zu husten begann. Tröpfchen-Invasionen bin ich schon vor Corona aus dem Weg gegangen. Ich hielt also die Luft an und drehte mich, so gut es ging, von ihm weg. In der Wohnung angekommen, gab es nur ein Ziel: Hände waschen!

Obwohl ich alles versuche, um meine Angst vor einer Ansteckung in Schach zu halten, mache ich mir natürlich Sorgen. Denn sowohl ich wie auch mein Freund, der seit einer Hirnblutung handicapiert ist, gelten als Risikopatienten. Meine Psoriasis-Arthritis und meine Darmprobleme werden mittels immununterdrückender Therapie in Schach gehalten.

«Diesen Kampf verlor ich. Wie auch meinen Mann und meinen Job. Und nicht zuletzt mein Selbstwertgefühl.»

Meine Autoimmunkrankheit zeigte sich nach der Geburt meiner Tochter vor rund sieben Jahren. Nach der hormonellen Veränderung bekam ich starke Gelenkschmerzen und Darmprobleme. Es folgte ein Kampf, in dem es auch darum ging, dass nicht nur ich, sondern auch mein Umfeld meine Krankheit als solche erkannte – und die Folgen, die sich aus ihr ergaben, akzeptieren würde. Diesen Kampf verlor ich. Wie auch meinen Mann und meinen Job. Und nicht zuletzt mein Selbstwertgefühl.

Doch ich habe mich wieder aufgerappelt. Es war ein langer Weg, den zu beschreiben zu viel Platz einnehmen würde. Aber ich verliebte mich neu, und heute geht es Sam und mir den Umständen entsprechend gut. Unser Alltag bestand vor dem Februar 2020 hauptsächlich darin, ihn mit unseren Handicaps zu organisieren. Meine Wohnung hat zwei Stockwerke (Sam hat eine eigene Wohnung in Bern, ist aber oft bei mir). Und an schlechten Tagen bereue ich meinen damaligen Wunsch nach einer Wohnung mit Galerie, denn Sam hat schon mehrmals wegen seiner Sehschwäche, die durch die Hirnblutung ausgelöst wurde, die Tritte der Treppe verpasst.

«Ich bin froh, medizinisch gut versorgt zu sein.»

Auch sonst muss unser Alltag akribisch organisiert werden. Neben der Kaffeemaschine befinden sich zwei kleine Schachteln, gefüllt mit unseren täglichen Medikamenten. In einer Schublade finden sich diverse mit Medikamenten gefüllte Necessaires in doppelter Ausführung. Es gibt solche für Kurzurlaube, zwei bis sechs Tage, und die in doppelter Ausführung für sieben bis fünfzehn Tage, dann natürlich mit Kühltasche und einmal für den Koffer und das Handgepäck. Und zu guter Letzt kommt noch eine klassische Reiseapotheke hinzu – wegen der Immuntherapien habe ich eine chronische Blasenentzündung und immer wieder mal zusätzliche Infekte. Das alles hört sich vielleicht dramatisch an, ist es aber nicht. Ich bin froh, medizinisch gut versorgt zu sein.

Seit Februar gibt es nun neu auch ein Vorratslager für sechs Monate mit allen Medikamenten. Wir horten also keine Vorräte, sondern Tabletten und Co. Natürlich sind Sam und ich vorsichtiger, wenn es um Hygienefragen geht. Aber ein annähernd «steriler» Alltag ist mit Kind und Hund sowieso unmöglich. Meine Tochter geht zur Schule, trifft Freunde und macht sich in der Freizeit nützlich in einem Pferdestall. Oft kommt sie mit einer Triefnase nach Hause und lässt sich noch zu gerne von unserem Hund vollschlabbern – also heikel sind wir definitiv nicht. Aber seit Februar waschen wir uns häufiger die Hände und verzichten auf Begrüssungen per Händedruck und Küsschen.

«Ich bleibe gelassen im Umgang mit dem Coronavirus.»

Trotzdem hat Sam ein ungutes Gefühl, wenn er zu Stosszeiten im Zug von Bern zu mir nach Zürich fährt und mich nach seiner Ankunft umarmt. Und wir halten uns an die Weisungen des BAG. Deswegen sind wir jetzt sehr oft zu Hause. Eingekauft wird morgens, dann hat es am wenigsten Leute im Supermarkt. Wir verzichten auf Kino- und Restaurantbesuche. Spazierengehen in der Natur? Ja, das liebe ich. Und es ist auch ungefährlich für mich. Aber für Sam, der wegen seiner Hirnblutung unter schweren Sehstörungen und Schwindel leidet, ist es nicht entspannend.

Ich bleibe gelassen im Umgang mit dem Coronavirus. Und versuche, einen kühlen Kopf zu behalten. Ich mache alles, was ich für vernünftig halte, und beruhige mich auch damit, dass die Krankheit ja vor allem für alte Menschen einen gefährlichen Verlauf hat.

Heute haben Sam und ich quasi sturmfrei. Meine Tochter ist nicht zu Hause. Ein ganz seltenes und begehrtes Zeitfenster – nur für uns zwei – ist endlich wieder einen Spalt weit offen. Doch leider muss ich zuerst die aktuell wichtigste, wenn auch unerotischste Frage stellen: «Schatz, hast du deine Hände schon gewaschen?»