Bye bye, Dr. Google

Genervt vom inneren Hypochonder und keine Ahnung, wann Sie zum Arzt gehen sollten? Dann könnte dieser Ratgeber helfen.

Vielleicht doch ein Fall für die Notaufnahme? Dr. Google hilft in den seltensten Fällen weiter. Foto: iStock

Die meisten alltäglichen Krankheitssymptome erweisen sich im Nachhinein als harmlos. Und viele Beschwerden können wir uns selber erklären: Die Kopfschmerzen, die sich häufig nach einem stressigen Tag im Büro bemerkbar machen, weisen eher auf Verspannungen als auf einen Hirntumor hin. Genauso wie der unangenehme Magendruck, der nach dem hastigen Mittagessen in der Kantine auftritt. Auch das Unwohlsein nach dem üppigen Menü 2 (inkl. Dessert) lässt sich erklären – und nur hartgesottene Hypochonder befürchten Magenkrebs im Endstadium.

Aber dann gibt es auch Schmerzen, die verunsichern. Sei es, weil sie plötzlich, heftig oder zum ersten Mal in dieser Form auftreten. Wie man dann reagiert, hat mit der eigenen Persönlichkeit, mit bereits gemachten Erfahrungen, aber auch mit dem Wissen über gesundheitliche Dinge zu tun.

Pragmatiker warten in einer solchen Situation erst einmal ab und vertrauen auf eine Verbesserung ihres Zustandes. Eher ängstlich und besorgt veranlagte Gemüter – zu denen ich mich auch zähle – sollten bei beängstigenden Situationen möglichst nicht «Dr. Google» konsultieren. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass im Netz gefundene Symptome auf eine lebensgefährliche Krankheit hinweisen, ist ziemlich gross. Und dann gibt es auch gestandene Männer und Frauen, die in solchen (Not-)Fällen zu Siebenjährigen mutieren und sich bei Mama ausheulen. Und «die beste Mutter von allen» ist natürlich auch bereit, allfällige eigene Pläne zu verschieben, um dem Nachwuchs die selbst gemachte Hühnerbrühe vorbeizubringen.

Abwarten oder handeln?

In all diesen Fällen könnte auch der Ratgeber «Muss ich jetzt sterben?» der Ärzte Christopher Kelly und Marc Eisenberg hilfreich sein. Das Nachschlagewerk, das in Zusammenarbeit mit einem neunköpfigen medizinischen Team entstand, ist quasi ein medizinischer Kompass für die verschiedensten Beschwerden. In acht Kapiteln und auf übersichtliche Weise wird auf gesundheitliche Probleme im Bereich von Kopf und Hals, Brust und Rücken, Bauch, Frauen- und Männerthemen, Blase und Darm, Arme und Beine, Haut und Haare eingegangen. Die Kapitel sind in drei Abschnitte aufgeteilt, die bei der Entscheidung helfen können, ob man alles stehen und liegen lassen soll, um in die Notaufnahme zu fahren (in den seltensten Fällen), ob man sich Zeit lassen kann oder ob man vielleicht am nächsten Tag den Arzt konsultieren sollte.

Von der Theorie zur Praxis. Das raten die Autoren zum Beispiel bei:

Kopfschmerzen

Abwarten:

Falls der Schmerz in der Stirn sitzt, unangenehm, aber nicht unerträglich ist, muss nicht sofort gehandelt werden. Wenn die Schmerzen beispielsweise mit einer Erkältung oder Nackenverspannungen verbunden sind, wird empfohlen, etwas zu unternehmen, das einem aus Erfahrung guttut: ausruhen, an die frische Luft gehen, Wasser/Tee trinken (zu wenig Flüssigkeit führt oft zu Kopfweh) oder Entspannungsübungen machen. Auch das Auftragen eines ätherischen Öls kann die Kopfschmerzen mindern. Falls man eine Schmerztablette einnimmt, sollte man mindestens eine halbe Stunde abwarten, ob eine Verbesserung eintritt.

Ein Arztbesuch ist sinnvoll, wenn:

starke Kopfschmerzen neu auftreten oder es keine Erklärung für diese gibt. Also, wenn kein erhöhter Stressspiegel, mangelnde Bewegung, eine Erkältung oder ein abrupter Koffeinverzicht die Ursache sein könnten. Abklären sollte man auch, wenn die Kopfschmerzen einseitig sind, stark pochen oder in Übelkeit übergehen. Dann könnte eine Migräne der Grund sein. Auch wenn die Kopfschmerzen regelmässig nur noch mit Schmerztabletten zu ertragen sind, ist es höchste Zeit, nach Gründen zu suchen.

Ab in die Notaufnahme!

  • Sehr starke Kopfschmerzen, verbunden mit hohem Fieber und Nackenschmerzen, können auf eine Gehirnentzündung hinweisen.
  • Plötzliche und massive Kopfschmerzen, «Vernichtungsschmerzen». Sie können Anzeichen einer gefährlichen Hirnblutung sein. Dasselbe gilt, wenn die Schmerzen nach einem Unfall oder Sturz eintreten.
  • Kopfschmerzen bei einer eindeutigen oder zweiseitigen Sehminderung.
  • Die Einnahme von Kokain und Methamphetamin kann das Risiko eines Schlaganfalls oder einer Hirnblutung erhöhen. Ein Warnhinweis könnten dann Kopfschmerzen sein.
  • Mühe beim Sprechen, eine Schwäche oder Taubheit in einem Arm, Bein und/oder einer Gesichtshälfte könnten auf einen Schlaganfall hinweisen. Sofort die Ambulanz rufen! Hier ist schnellstes Eingreifen erforderlich, denn Schnelligkeit rettet Gehirnfunktionen. «Wenn man bei diesem lebensgefährlichen Notfall früh genug ins Krankenhaus kommt, stehen die Chancen gut, dass die Ärzte mit Medikamenten die Blutversorgung im Gehirn verbessern können», raten die Autoren.

Fazit

C. Kelly/M. Eisenberg: «Muss ich jetzt sterben? Das medizinische Nachschlagewerk – nicht nur für Hypochonder». Knaur, München 2019. 368 S., ca. 30 Fr.

«Muss ich jetzt sterben?» ist ein Handbuch für die gängigsten Krankheitssymptome von A bis Z. Das Nachschlagewerk ersetzt natürlich keinen Arzt, aber es kann die eigene Kompetenz in Sachen Gesundheit erhöhen. Dabei lohnt es sich, das durchaus unterhaltsame Buch bereits ohne aktuellen Anlass zu studieren. Denn im Falle eines Falles weiss man dann, wie der Ratgeber funktioniert. Und vielleicht muss man beim nächsten Bauchgrimmen nicht mehr Mama konsultieren, sondern man ist fähig, eine Erstdiagnose selber zu stellen. Denn zum Erwachsensein gehört es ja auch, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen.

Die beiden amerikanischen Autoren geben übrigens auch auf Twitter praktische Tipps und Hinweise, aktuell etwa zum Coronavirus.