Hoch mit dem Hintern!

Zu langes Sitzen schlägt auf die Psyche: Menschen, die sich wenig bewegen, leiden häufiger unter Depressionen.

Bewegung bringts! Empfohlen sind rund 2,5 Stunden pro Woche. Foto: Ivandrei Pretorius (Pexels)

Zwar gilt es als bewiesen, dass jedem von uns die Lust an Bewegung angeboren ist. Aber im Laufe der Jahre hat sich diese, jedenfalls bei mir, unauffällig verabschiedet. Ich bin nicht stolz darauf, aber ich bin zunehmend bequemer geworden.

Zuerst hiess es: Adieu, schwarze Piste! Einen Beinbruch konnte ich mir schliesslich beruflich nicht leisten. Das Langlaufen war mir nach einem Winter zu langweilig. Das Eis beim Schlittschuhlaufen fühlte sich beim Fallen verdammt hart an. Zu hart. Und die regelmässigen Stunden im Tanzstudio wurden durch gelegentliches Pilates abgelöst.

Das innere Kind: Warum stehen, wenn man auch hüpfen kann? Foto: Kate photo (Pexels)

Vor allem in der kalten Jahreszeit folge ich dem Motto meines Schwiegervaters: «Warum stehen, wenn man genauso gut sitzen kann? Warum sitzen, wenn man genauso gut liegen kann?» Bin ich wieder mal mit meiner 10-jährigen Freundin Ava unterwegs, werde ich schon etwas wehmütig, wenn ich sehe, wie sie nonstop in Bewegung ist. Ihr Motto scheint nämlich zu lauten: «Warum stehen, wenn man genauso gut hüpfen kann? Warum gehen, wenn man genauso gut rennen kann?»

Dann frage ich mich jeweils, was mich wohl motivieren könnte, bewegungsmässig wieder in Fahrt zu kommen. Auch wenn ich diese Tatsache gerne verdrängen würde: Je älter wir werden, desto wichtiger ist es, nicht nur beweglich zu bleiben und eine gewisse Kondition zu behalten, sondern auch das Gleichgewicht zu trainieren.

Bewegungsmangel und Depression

Dass Bewegung, möglichst an der frischen Luft, nicht nur gut für den Körper ist, sondern auch für das psychische Wohlbefinden äusserst wichtig ist, weiss man schon länger. Dass umgekehrt mangelnde Bewegung der psychischen Gesundheit schaden könnte, lässt sich auf dieser Grundlage vermuten.

Forscher haben nun aber herausgefunden, dass vor allem ältere Personen, die viel sitzen, «mit grösserer Wahrscheinlichkeit eine Depression entwickeln». Dies ist die Erkenntnis aus der Analyse von Daten einer irischen Langzeitstudie zum Altern. Publiziert wird die vollständige Studie, an der Wissenschaftler von renommierten Institutionen in Belgien, Schweden, England, Spanien, Australien und Brasilien mitwirkten, im wissenschaftlichen Fachmagazin «Journal of Affective Disorders» in der Ausgabe vom Februar 2020; eine erste Zusammenfassung wurde gerade veröffentlicht.

Die ausgewerteten Daten stammen von insgesamt 6903 Menschen im Alter ab 50 Jahren aus den Zeiträumen von 2009 bis 2011 und 2012 bis 2013. Wie das Deutsche Gesundheitsportal in einem Beitrag über die Studie erklärt, wurden Depressionen in der irischen Langzeitstudie mithilfe einer standardisierten Skala erfasst, während die gesamte Sitzdauer pro Tag und weitere Faktoren von den Studienteilnehmern selbst geliefert wurden. Die Analyse zeigte, dass die Menschen, die viel sitzen, häufiger unter Depressionen leiden.

In ein längeres Leben spazieren

Doch da ging es bei der Untersuchung letztlich auch ein bisschen um ein Huhn-Ei-Problem: Werden die Leute depressiv, weil sie zu viel herumhocken, oder hocken sie vielleicht so viel herum, weil sie depressiv sind?

Ganz so einfach lässt sich das nicht beantworten, weshalb zahlreiche Faktoren mitberücksichtigt wurden: Alter, Geschlecht, Herkunft, Rauchen, körperliche Aktivität und Mobilität, Schmerzen, Denkleistung, chronische Erkrankungen, Behinderungen, Ängste, Einsamkeit und soziale Vernetzung. «Wurde dies alles mitbedacht in der Analyse, war der Zusammenhang zwischen Sitzverhalten und Depression nicht statistisch überzeugend», heisst es im deutschen Bericht. Das legt den Schluss nahe, dass nicht allein das Sitzen an sich Depressionen fördert. Als wichtig hätten sich «vor allem die soziale Vernetzung und die allgemeine körperliche Aktivität» erwiesen.

Wer täglich 20 Minuten spazieren geht, kann 0,7 Jahre gewinnen. Foto: Connor Danylenko (Pexels)

Daneben scheinen auch Einsamkeit, chronische Erkrankungen und Behinderungen relevant zu sein. Solche Faktoren führen dazu, dass die Leute sich weniger bewegen und also länger sitzen. Und das müsse man berücksichtigen, wenn man im Hinblick zu einer Verringerung der Depression die Patienten zu Änderungen im Lebensstil bewegen wolle, schreiben die Forscher.

Hilfreich könnten darum vor allem nicht zu anstrengende Bewegungen wie begleitete kleine Spaziergänge sein. Schon ein wenig mehr Bewegung am Tag hat ­eine lebensverlängernde Wirkung. Die weltweite Epic-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) beweist, dass sich bei Menschen, die nur 20 Minuten täglich spazieren gehen, die Lebenserwartung um 0,7 Jahre erhöht.

Auch (sportliches) Kleinvieh macht Mist

Die Schweizer Herzstiftung empfiehlt, dass sich Menschen im erwerbsfähigen Alter, aber auch robuste Senioren rund 2,5 Stunden pro Woche in Form von Alltagsaktivitäten oder Sport mit mindestens mittlerer Intensität bewegen sollten. Das heisst, dass man leicht ausser Atem, aber nicht unbedingt ins Schwitzen kommen sollte.

Dies kann auch mit 1¼ Stunden Sport oder Bewegung mit hoher Intensität erreicht werden. Idealerweise sollte die Aktivität auf mehrere Tage in der Woche verteilt werden. Und jede zusätzliche Bewegung ab etwa 10 Minuten Dauer könne über den Tag zusammengezählt werden.

Doch zurück zu Sesselklebern wie mir. Man braucht ja nicht jeden Tag die fünf Stockwerke ins Büro hinaufzusteigen. Kleinvieh macht auch in diesem Fall Mist: Anstatt dem Kollegen im anderen Büro eine Mail schicken: hingehen! Auch die Kaffeepause, ein Telefonat oder gar Sitzungen können im Stehen geschehen.

Und was spricht gegen eine kleine Yogaübung oder etwas Stretching am Pult? Zum Schluss darum noch eine kleine Inspiration!

(Quelle: HappyAndFitFitness)

10 Kommentare zu «Hoch mit dem Hintern!»

  • Hans Hasler sagt:

    Gegen eine allgemein schlechte Stimmung und um Herz-Kreislauf-Probleme vorzubeugen ist das mit der Bewegung sicher eine super Sache.
    Gegen eine Majore Depression – da bin ich jetzt sehr skeptisch. Das ist ein anderes Kaliber von „verstimmt sein“, das sich nicht durch ein wenig Bewegung beeinflussen lässt.
    Natürlich gibt es auch da eine Korrelation: Wer echt Depressiv ist, hat häufig die Energie nicht um sich für Sport aufraffen zu können. Heisst nicht, dass Sport dann etwas helfen würde. Zumindest in meiner Erfahrung ist das so..

  • Doris sagt:

    Ein Phänomen: Tägliches zügiges Spazierengehen oder leichtes Joggen und natürlich andere Sportarten ergeben nicht nur mehr Kondition, man fühlt sich auch psychisch erfrischt und somit gestärkt. Kopf wird durchlüftet, negative Gedanken ein wenig verscheucht und das Selbstwertgefühl gestärkt. In der Stadt: schöne Wohngebiete ohne störende Ampeln „berennen“, die Gärten bestaunen, die Hündeler begrüssen. Auf dem Land. endlose Feldwege und Wald. Nebeneffekt: Tut dem Gewicht gut. Ein Daheimhocktag: Da bekomme ich immer so etwas wie Überdruss und Schlappheit.

  • Ozelott sagt:

    Hallo Frau Aeschbach
    Als Tipp kann ich Ihnen mit auf den Weg geben mit Hörbüchern zu beginnen.
    So kann ich wunderbar Stunden in Bewegung verbringen.
    Sei es im Fitnesscenter bei schlechtem Wetter oder ansonsten Draussen.
    So ist es immer unterhaltsam und Sie freuen sich schon auf die nächste Bewegungseinheit um mit der Geschichte oder ähnlichem fortzufahren.
    Liebe Grüsse und einen wunderschönen Advent

  • Ann sagt:

    Ich arbeite seit Jahren mit älteren Menschen im Pflegeheim. Mein Rat: glauben Sie mir, wenn ich sage, dass Sie jede Möglichkeit zur Bewegung nutzen müssen und über die Jahre eine Bewegungshistorie aufbauen sollten. Was sie mit 40 beginnen, nützt mit 50, ab 50 profitieren sie bis 75 und später bis ins hohe Alter.

  • Heidi Hermann sagt:

    Vor ein paar Tagen stand in einem Artikel noch : „In letzter Zeit zeichnet sich der fragwürdige Trend ab, schwere körperliche Erkrankungen auch auf psychische Ursachen zurückzuführen.“ Für die Psychischen Krankheiten scheint diese Aussage noch nicht angekommen zu sein: „Zu langes Sitzen schlägt auf die Psyche: Menschen, die sich wenig bewegen, leiden häufiger unter Depressionen.“ Depressive sind faul und darum selber schuld. Kopfschüttel…

  • Die/Das/Der Gender-Krankheit*erIn sagt:

    Da haben gewisse Griesgrämige aber gar keine Freude, wenn die Menschen wegen mehr Bewegung 1. mehr CO2 ausstossen und 2. lustiger werden, weil die Depressionen verfliegen.

  • Heide Decurtins sagt:

    Liebe Frau Aeschbach – Danke für diesen Gedankenanstoss. Laufen, sich bewegen tut dem Körper und der Seele gut. Als ich kurz vor der Pensionierung meinem Job verlor, begann ich zu laufen, jeden Tag und beim Laufen entwickelte ich Ideen. Obwohl ich starke körperliche Schmerzen hatte, lief und lief ich unentwegt. Oft hatte ich das Gefühl, dass ich mich nur noch dahinschleppen konnte. Doch ich gab nicht auf. Heute laufe ich täglich meine min 10’000 Schritte und fühle mich wohl. Doch wenn ich die Jogger sehe, die sich auf dem harten Asphalt in der Stadt abmühen und somit ihre Gelenke überstrapazieren, würde ich den gerne zurufen, lauft lieber ………….

    • Silvia Aeschbach sagt:

      Liebe Heide, dann gratuliere ich Ihnen, dass Sie durchgehalten haben.
      Und Sie sind mir ein Anstoss, endlich meinen eigenen Hintern zu «lupfen»,
      denn ich höre immer wieder, auch im Freundes- und Kollegenkreis,
      dass nur schon flottes Spazierengehen auf die Dauer sehr viel bringt!
      Herzlich Silvia

    • Olivier Fuchs sagt:

      „Obwohl ich starke körperliche Schmerzen hatte, lief und lief ich unentwegt. Oft hatte ich das Gefühl, dass ich mich nur noch dahinschleppen konnte. Doch ich gab nicht auf.“ So einfach ist es selten. Was waren denn die Ursachen für die Schmerzen, und wie wurden sie weggebracht? Falls eine chronische Krankheit im Bewegungsapparst herrscht, kann man den Sport vergessen, ausgenommen Rückenweh, oder nach Gelenkersatz.

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