Mein Krebs, meine Schuld?

Viele glauben, dass Stress zu Krebs führen kann und die «richtige» Einstellung zählt. Diese Überzeugung ist gefährlich.

Gefährliche Schuldfrage: Krebspatienten dürfen nicht denken, Sie hätten die Erkrankung verhindern können. Foto: iStock

In letzter Zeit zeichnet sich der fragwürdige Trend ab, schwere körperliche Erkrankungen auch auf psychische Ursachen zurückzuführen. Mit einem sogenannt gesunden Lebenswandel haben wir zwar durchaus die Chance, unser Leben zu verlängern. Doch es liegt nicht nur in unseren Händen, ob wir beispielsweise an Krebs erkranken – oder eben nicht. Die Gleichung: «Ich tue alles für meine Gesundheit, und darum habe ich auch ein Recht auf sie», tönt zwar logisch. Doch sie geht nicht auf. Denn sonst würde ein Ex-Junkie wie Keith Richards mit knapp 76 Jahren längst nicht mehr mit seiner Gitarre den Sound der Rolling Stones prägen, während der junge, scheinbar fitte Sportler auf dem Fussballplatz an einem plötzlichen Herzversagen stirbt.

Wenn es also mit einer ausgewogenen Ernährung, körperlicher Ertüchtigung und dem Verzicht auf schädliche Substanzen nicht möglich ist, eine Krebserkrankung zu verhindern, muss es doch – jedenfalls in der Vorstellung vieler Menschen – andere Gründe dafür geben, warum gewisse Menschen scheinbar unverwüstlich sind. Oder warum bei anderen, bildlich gesehen, ein Windhauch genügt, um ihr Lebenslicht für immer auszulöschen. Und weil wir dazu neigen, Unerklärliches und damit Beängstigendes mit vermeintlich logischen Begründungen zu erklären, bietet sich die Psyche als «Mitschuldige» bei der Entstehung schwerer Erkrankungen an.

Eine falsche Einstellung macht nicht krank

Im neuen Magazin «Leben» der deutschen Frauenzeitschrift «Brigitte» geht die diplomierte Psychologin, Psychotherapeutin und Autorin Stefanie Stahl diesem Phänomen nach. Immer häufiger würde Betroffenen suggeriert, dass sie eine «Mitschuld» an ihrer Erkrankung tragen. Und dies nicht nur wegen einer ungesunden Lebensführung, sondern auch weil sie eine «falsche» Einstellung hätten und es nicht schaffen würden, positiv zu denken. «Aus meiner Erfahrung mit Krebspatienten weiss ich: Das ist das Schlimmste, was man ihnen sagen kann. Denn es suggeriert ja: Es hat auch was mit dir zu tun. Daraus ergibt sich schnell einmal die Schuldfrage. Betroffene könnten sich vorwerfen: ‹Ich hätte es verhindern können›», schreibt die Psychologin in ihrem Artikel. Fakt sei, dass es zwar unzählige Studien zu diesem Thema gebe, aber keine einzige habe bisher einen direkten Zusammenhang zwischen Stress und Krebs feststellen können. Eine Aussage, die auch der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums auf seiner Website stützt: «Es gibt bei neueren Studien keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Stress oder Depression und einer Krebserkrankung.»

Trotzdem bleibt bei vielen die Überzeugung, dass die Psyche einen wichtigen Anteil bei der Entstehung einer Krebserkrankung habe. Dies zeigt auch eine Befragung unter 2000 Menschen zwischen 14 und 70 Jahren, die das Deutsche Krebsforschungszentrum durchgeführt hat. Rund 61 Prozent sind der Ansicht, dass Stress und Angst ein Auslöser von Krebs sein können. Auch wenn es um die Bekämpfung einer Krebserkrankung geht, sind 84 Prozent der Befragten der Meinung, dass durch «eine kämpferische Grundhaltung und eine positive Einstellung» bessere Heilungschancen möglich sind. Diese Forderung könne allerdings Patienten unter Druck setzen, da ihnen so das Gefühl und auch die Verantwortung suggeriert würde, dass sie den Verlauf der Erkrankung selbst in der Hand hätten. «Diese Schuldgefühle können wiederum weitere psychische Belastungen zur Folge haben – ein Teufelskreis, dem man unbedingt entgehen sollte», schreibt das Krebsforschungszentrum.

Manchmal stösst man eben auch an Grenzen

Das Schicksal ist nun mal nicht gerecht. Und es belohnt «gutes Betragen» nicht automatisch mit einem langen, gesunden Leben. Auch wenn sich viele Menschen nichts mehr wünschen als genau das. Doch der Kampf gegen die eigene Sterblichkeit können wir nur verlieren, selbst wenn wir durch medizinische Möglichkeiten mit 80 noch aussehen wie mit 50. Doch ist die Qualität der Lebensjahre am Ende nicht wichtiger, als eine möglichst lange Anzahl der Lebensjahre? Eine stabile Psyche kann zwar die Überlebenszeit nicht automatisch verlängern, aber die Lebensqualität in der restlichen Zeit des Lebens verbessern.

90+ zu werden – was durch meine genetischen Anlagen durchaus möglich ist –, finde ich zurzeit nicht wirklich erstrebenswert. Denn dies würde ja auch bedeuten, dass ich im Lauf meines langen Lebens von vielen geliebten Menschen Abschied nehmen müsste. Und was meine eigene Gesundheit betrifft: Ja, ich versuche, mich so gut wie möglich um meinen Körper und meine Psyche zu kümmern. Aber ich akzeptiere auch, dass ich mit meinen Bemühungen oft an Grenzen stosse. Und nicht nur, weil mein Einfluss auf die Entstehung von Krankheiten beschränkt ist, sondern auch, weil ich oft keine Lust habe, das zu machen, was dafür nötig wäre. Weil ein gutes Leben eben auch ausmacht zu faulenzen, wenn Bewegung angesagt wäre, zu schlemmen, statt sich zu kasteien. Oder sich dem Blues hinzugeben, wenn einem danach ist.

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