Weshalb sich Menschen trennen

Sex, Angst oder Pflichtbewusstsein: Welche Kriterien unsere Entscheidung für oder gegen ein Beziehungsende beeinflussen.

 

Gefangen in einer unglücklichen Beziehung? Vielen fällt es schwer, sich tatsächlich zu trennen. Foto: iStock

«Liebling, du musst mich wissen lassen: Soll ich bleiben, oder soll ich gehen?» sangen The Clash 1982 in ihrem Hit «Should I Stay or Should I Go», der es nach der Wiederveröffentlichung 1991 auch bis auf Rang 4 der Schweizer Hitparade schaffte. Das Dilemma der Figur im Song ist direkt aus dem Leben gegriffen: «Wenn ich gehe, wird es Ärger geben; wenn ich bleibe, wird er sich verdoppeln.» Diese Erkenntnis haben viele Menschen, die in einer Beziehung stecken, in der sie nicht (mehr) glücklich sind. Trotzdem bleiben sie.

Warum das so ist, hat die kanadische Sozialpsychologin Samantha Joel erforscht. Und ist zu einem erstaunlichen Resultat gekommen: Es zeigte sich nämlich, dass Menschen, die über das Ende oder die Weiterführung einer Beziehung entscheiden, nicht nur ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse berücksichtigen, sondern auch jene des Partners. Und dann in der Beziehung bleiben, weil sie der Meinung sind, dass ihr Partner die Beziehung will und sie braucht. «Je mehr die Menschen dachten, dass ihr Partner von der Beziehung abhängig sei, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Trennung einleiten würden», fasste Joel die Studie zusammen, die im «Journal of Personality and Social Psychology» veröffentlicht wurde.

Aus Rücksicht auf den Partner in der Beziehung bleiben?

Samantha Joel, Assistenzprofessorin an der Western University im kanadischen Ontario und an der University of Utah in den USA, leitet das Relationship Decisions Lab, das sich ganz der wissenschaftlichen Erforschung von Entscheidungen in Beziehungen widmet. In früheren Studien haben sich als Gründe, eine nicht befriedigende Beziehung nicht zu beenden, vor allem Eigeninteressen manifestiert. Dabei sei es etwa um die Menge an Zeit, Ressourcen und Emotionen gegangen, die in die Liebesbeziehung investiert worden sind. Auch hätten sich Menschen dafür entschieden, in einer unerfüllten Beziehung zu bleiben, weil ihnen die Alternativen – etwa allein zu sein oder wenig Aussicht auf einen neuen Partner zu sehen – weniger attraktiv erschienen.

Die neue Studie mit insgesamt mehr als 1800 Teilnehmern habe aber gezeigt, dass die Entscheidung hinsichtlich einer unglücklichen Beziehung auch uneigennützige Faktoren berücksichtigt. «Bei Leuten, die fanden, dass der Partner in der Beziehung sehr engagiert sei, war es weniger wahrscheinlich, dass sie eine Trennung angingen», sagte Joel. Sie hätten ihrem Partner nicht wehtun wollen, und es sei ihnen nicht egal gewesen, was er wollte. Dabei wisse man allerdings nicht, wie realistisch die Einschätzungen seien: «Es könnte sein, dass die Person überschätzt, wie engagiert der andere Partner ist und wie schmerzhaft die Trennung wäre.» Es könne zwar durchaus sein, dass der Entscheid zugunsten der Beziehung diese verbessern könne. Dann wäre es ein guter Entscheid gewesen. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, verlängere man damit nur eine schlechte Beziehung. Und: «Wer will schon einen Partner, der nicht wirklich in der Beziehung sein will?», gab Joel zu bedenken.

Familiäre Verpflichtungen verbinden

Aber was sind denn eigentlich die wichtigsten Gründe für eine Trennung? Dieser Frage ging Samantha Joel schon in einer früheren Studie nach. In einer anonymen Umfrage nannten sowohl Personen, für die das Thema Trennung aktuell war, als auch solche, die sich nicht trennen wollten, Gründe für das Gehen und für das Bleiben in der Beziehung. Dies ergab eine Liste von 27 Gründen für das Bleiben und 23 Gründen für das Gehen. Die Liste wurde in einem Fragebogen verwendet für Personen, die sich überlegten, ihre Beziehung oder ihre Ehe zu beenden. Und, es wurde kein Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Aussagen gemacht.

Als die drei wichtigsten Argumente für das Bleiben in der Beziehung zeigten sich da: emotionale Intimität, die Investitionen in die Beziehung und Pflichtbewusstsein. Die Top-drei-Gründe für das Gehen waren: Probleme mit der Persönlichkeit des Partners, Vertrauensbruch und Rückzug des Partners. Bei dieser Befragung zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen verheirateten und unverheirateten Paaren. Bei den Verheirateten spielten für das Bleiben verstärkt Gründe wie familiäre Verpflichtungen und Angst vor Unsicherheit eine Rolle. Bei Nichtverheirateten seien eher Aspekte wichtig wie: emotionale Nähe, Freude an der Beziehung und Dinge am Partner, die man mag.

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7 Kommentare zu «Weshalb sich Menschen trennen»

  • Reiner Zufall sagt:

    Vertrauensbruch …. genau.
    Gerade selbst erlebt. Seit 2.5 Monaten in einer neuen Partnerschaft und die Partnerin trifft ihren Ex und hat Sex mit ihm. Echt ein tolles Gefühl, solch eine Demütigung!
    Ich frage mich, was ich da nicht gesehen habe bei der Wahl der Partnerin.

  • Janina sagt:

    Weil sie unterschiedlich ticken.

  • werner boss sagt:

    Man trennt sich, weil man so bequem alle Lasten auf dem zurück lassen kann, das sich eigentlich nicht trennen wollte. Hochgestochene Argumentationen die für eine Trennung sprechen, findet man heute zu Hauf in der Einschlägigen „Literatur“. Wobei der einfache Grund ja nur eine neue sexuelle Beziehung ist!

  • Othmar Riesen sagt:

    Wenn man sich trennen möchte, soll man stets auch bedenken: the grass is always greener on the other side of the hill. M.a.W. denkt man, das alles nachher besser wird. Keineswegs! Alle Menschen kochen mit Wasser. Alle haben Fehler. Meine Partnerschafts-Gespräche bestätigen: immer wieder ist es besser, den jetzigen Partner mit allen Fehlern und Warzen zu akzeptieren, als auf einen Traumpartner/in zu hoffen, den/die es nie geben wird. Mein Rat: richtet Euch in Eurer Partnerschaft entsprechend ein. Eine andere wird mit 95% Sicherheit nicht besser werden. Wie heisst der alte deutsche Spruch: lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Klar, das alles gilt nicht, wenn man auch beziehugnslos glücklich sein kann.

  • Liliane Freisinniger sagt:

    Man könnte auch sagen: Je grösser die eigene Unfähigkeit zur Veränderung, desto wahrscheinlicher, dass wir unsere eigene Wichtigkeit für den Partner überhöhen und das „gebraucht werden“ als Freispruch von der eigenen Verantwortung benutzen.

  • Ruedi Ballmer sagt:

    Nicht uninteressant. Mir scheint aber der Wert von (einfach durchzuführenden) Fragebogenuntersuchungen dieser Art für begrenzt. Allzuvieles läuft in Beziehungen unter der Bewusstseinsschwelle. Wir täuschen uns über uns selbst, wir legen uns hinterher etwas zurecht oder verstehen Wichtiges erst Jahre später.

    • Ralf Schrader sagt:

      1/3 aller Entscheidungen sind bewusst, der Rest unbewusst. Mit empirischen Methoden erfährt man nur das Bewusste.

      Empirische Sozialforschung ist Esoterik.

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