Warum Schlafmangel dick macht

Von Kopf bis Fuss

Wenig Schlaf, aber grosser Hunger: Der Zusammenhang ist wissenschaftlich belegt. Foto: iStock

In den vier Jahren, in denen ich als Radioredaktorin arbeitete, nahm ich zwölf Kilo zu. Grund: meine unregelmässigen Früh-, Nacht- und Wochenenddienste. Ich schlief nicht nur unregelmässig, sondern auch viel zu wenig. Ich war jung, voller Energie und liebte meinen Traumjob. Aber ich hatte immer Lust auf Süsses und Kohlenhydrate. Damals wusste ich noch nichts über schwankenden Blutzucker und darüber, was länger andauernder Schlafmangel im Körper auslösen kann.

Wenig Schlaf macht Heisshunger auf Süsses und Fettiges. Erklärt wird dieser Effekt meist mit einem gestörten Hormonhaushalt. Doch es gibt auch Studien, die darauf hinweisen, dass das Belohnungssystem im Gehirn der Grund für diese Fresslust sein könnte. Ein Forschungsteam der Universität Köln hat diese Zusammenhänge untersucht und die Resultate der Studie jetzt im «Journal of Neuroscience» vorgestellt. Julia Rihm, die an der Kölner Universität im Bereich der Biologischen Psychologie forscht, und ihr Team haben 32 gesunde, schlanke Männer ins Labor geholt. An zwei Abenden wurde ihnen dort ein Essen serviert. Dann wurde ein Teil der Studienteilnehmer nach Hause geschickt, um dort normal zu schlafen. Der andere Teil blieb im Labor und wurde da wachgehalten.

Weniger Schlaf – mehr fettige Snacks

Am anderen Tag wurde bei allen Teilnehmern in der MRI-Röhre die Gehirnaktivität aufgezeichnet, während sie «eine neuroökonomische, wertbasierte Entscheidungsaufgabe» bearbeiteten. Dabei ging es um ihre Bereitschaft, für bestimmte Snacks oder für Nichtlebensmittel Geld auszugeben. Daneben mussten sie auf einer Skala ihr Hungergefühl bewerten. Und ihre Hormonwerte wurden gemessen. «Wir haben sowohl hormonelle Veränderungen als auch den Einfluss auf das Verhalten und Effekte auf das Gehirn erhoben», erläuterte Studienmitarbeiter Jens Peter in einem Bericht der Nachrichtenagentur DPA.

«Dabei stellten die Forscherinnen und Forscher fest, dass Schlafverlust den subjektiven Wert von Nahrungsmitteln im Vergleich zu Nichtnahrungsmitteln erhöht», fasst die «Die Zeit» die Erkenntnisse zusammen. «Obwohl das Hungergefühl in beiden Versuchsgruppen gleich gewesen sein dürfte, da die Teilnehmer sowohl in der schlaflosen als auch der geruhsamen Nacht die gleiche Zeit ohne Nahrung auskamen, zeigte sich doch ein deutlicher Unterschied: Mit Schlafentzug waren die Probanden gewillter, mehr Geld für Snacks als für Nichtnahrungsmittel auszugeben. Und dabei bevorzugten sie vor allem Lebensmittel mit vielen Kalorien: also vor allem Fettreiches.»

Ich erinnere mich: Je weniger ich geschlafen hatte, desto mehr gierte ich nach Schoggigipfeli, Spaghetti Carbonara, Doppelrahmglace, Cola usw.

Nur schon eine Nacht ohne Schlaf löst laut der Studie «einen Kreislauf aus, der ein essensspezifisches, neuronales Belohnungssystem in Gang setzt». Warum diese Bereiche des Gehirns bei übermüdeten Menschen stärker aktiviert werden, muss laut Jan Peters in weiteren Versuchen geklärt werden. Eines kann man jedoch sagen: «Anscheinend ist es im Querschnitt so, dass wenig Schlaf das Risiko für eine ganze Reihe von Gesundheitsproblemen erhöht, zu denen Adipositas gehört», fasste Jens Peter gegenüber der DPA zusammen.

Nachdem ich aufgehört hatte, beim Radio zu arbeiten, und sich mein Schlafrhythmus regulierte, verschwand nicht nur mein Heisshunger, sondern ich verlor auch meine überflüssigen Kilos innert kurzer Zeit wieder.

6 Kommentare zu «Warum Schlafmangel dick macht»

  • Adrian sagt:

    Tolle Artikel. Jetzt wäre nur noch von Nutzen, wenn man wüsste, wie man solchen Gelüste entschieden entgegentreten kann. Einfach nur sagen, man hänge den geliebten Job (Polizei, Krankenpfleger, Zugpersonal, und weitere Jobs mit unregelmässigen Arbeitszeiten) an den Nagel, um einen 0815-Zeiten-Job zu suchen, ist doch etwas zu einfach. Vermutlich kommt man dabei aber nicht um die benötigte „Disziplin“ herum und lege sich, wie ein Vorschreiberling schon erwähnte, ein paar kleine Kartoffeln in den Kühlschrank…

  • Pjotr Müller sagt:

    Und was, wenn Menschen schlecht schlafen, die sich mit Süssem und Salzigem den Bauch vollschlagen?

  • Arbeiter P. sagt:

    Da habe ich eine andere Lösung, je nach Arbeit und Stress habe auch ich hin und wieder ein Schlafmanko. Da schleiche ich auch in die Küche, habe dort immer einen Teller kleine, gekochte Kartoffeln, von denen 1 – 2 und wieder ab ins Bett. Habe in 15 Monaten 21 Kilo abgenommen. Daher, was nicht gegessen werden darf, ist nicht in meinem Haus.

  • sophie sagt:

    Jahrelang habe ich zu wenig geschlafen aber nie habe ich mit dem Kühlschrank angefangen. Es ist also nicht allgemein. Aber nachtsarbeitende Leute „trösten“ sich irgendwie mit dem zwischendurchessen.

  • annetta tamburini sagt:

    Da kann ich nur zustimmen. Auch im Pflegeberuf wird wegen dem Schichtplan und dem Zeitmangel fürs Essen an Gewicht zugelegt.

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