Reden, nicht schweigen!

Dunkle Wolken können vorüberziehen – wenn man offen über seine Probleme spricht. (Foto: iStock)

Wenn es darum geht, offen über psychische Erkrankungen wie Depressionen, Burn-out, Angsterkrankungen usw. zu reden, herrscht das grosse Schweigen. Und wenn man sich doch öffnet, dann oft nicht gegenüber Fachleuten wie Ärzten oder Therapeuten, sondern am ehesten bei einem Familienmitglied oder einer befreundeten Person. «Psychische Erkrankungen gelten in unserer Gesellschaft immer noch als Stigmata», sagt Roger Staub, Geschäftsleiter der Stiftung Pro Mente Sana.

Dabei kenne doch fast jeder aus seinem Umfeld jemanden mit einer psychischen Erkrankung. Doch die meisten Menschen haben immer noch eine falsche Vorstellung, was diese bedeuten. Oft sind sie aus einer Alltagssituation wie Stress oder Überlastungssituation entstanden. Jedenfalls geben zwei Drittel der hiesigen Bevölkerung in einer repräsentativen Studie an, im Verlauf ihres Lebens schon einmal unter psychischen Beeinträchtigungen gelitten zu haben. Beinahe ein Fünftel gibt an, sich aktuell in einem länger dauernden emotionalen Tief zu befinden. Zeitgleich haben 70 Prozent der Studienteilnehmenden Angst davor, über ihr psychisches Tief zu sprechen.

Psychische Probleme wären gut behandelbar

In einer Gesellschaft, in der die eigene Leistungsfähigkeit – und damit die Angst zu versagen – scheinbar wichtiger ist als die eigene Gesundheit, sind diese Ergebnisse zwar erschreckend, aber nicht überraschend. Und gar vier Fünftel der Befragten, die zurzeit durch eine persönliche Krise gehen, befürchten, dass andere von ihrer Situation erfahren könnten. So gehören denn – neben Einkommen und Alkoholproblemen – psychische Erkrankungen zu den häufigsten Themen, über die nicht gesprochen wird. Auch wenn junge Menschen laut den Studienergebnissen zum Glück deutlich weniger Probleme haben, sich über diese Themen zu äussern.

Wer länger unter Migräne, Bluthochdruck oder einem gebrochenen Bein leidet, lässt dies doch auch ärztlich abklären. Warum also nicht bei psychischen Beschwerden, die meist gut behandelbar sind? Und nein, nicht nur mit Medikamenten – vor denen sich immer noch so viele Menschen fürchten –, sondern auch durch andere Massnahmen. Ich hoffe jedenfalls, dass die neue Kampagne von Pro Mente Sana mit der Frage «Wie gehts dir?» etwas bewirken kann. Dies, bevor es zu spät ist.

28 Kommentare zu «Reden, nicht schweigen!»

  • adam gretener sagt:

    Ich arbeitete 20 Jahre lang 60-Stunden-Wochen, die letzten 4 Jahre noch dazu meinen Vater bis in den Tod gepflegt. Dann hat es mir einfach eine Sicherung rausgehauen..

    Es hat mich enorme Überwindung gekostet nach Hilfe zu fragen, war ich doch immer der, welcher vorneweg rannte und den Karren zog. Ich versuchte die Not immer irgendwie zu verstecken.

    Dann kam der grosse Schritt und ich habe mich selbst für eine Woche ins KIZ eingeliefert nachdem ich die 40 Jahre alte Familienwohnung auflöste. Diese Erleichterung kann man sich gar nicht vorstellen wie es ist, dass man nun endlich mit jemandem reden kann ohne Angst zu haben, dass erniedrigende und abschätzige Sprüche kommen.

  • Dr. Teofilo Folengo sagt:

    Ich bin Chefarzt an einem universitären Spital. Ich hatte einmal einen jungen, absolut brillianten, enorm fähigen, kenntnisreichen Assistenzarzt. Plötzlich entwickelte er eine schwere endogene Depression. Das ist gleich schlimm wie eine Leukämie, und ebenso lebensgefährlich. Er wurde suizidal, und konnte sich zum Glück selber diagnostizieren und wies sich selbst in die Psychiatrie ein. Er blieb ein halbes Jahr in eine geschlossene Abteilung. Er fing sich dann aber wieder auf. Ich habe ihn wieder eingestellt, als er wieder auf die Beine kam. Jetzt, mehrere Jahre später, ist er mein bester Mitarbeiter, und ich prognostiziere ihm eine hervorragende akademische Karriere.

  • Rinny sagt:

    Ich: w, 45, in leitender Stellung im Spital.

    Es gibt Tage, bei denen ich diese nur auf dem Sofa verbringe.

    Das sage ich nicht aus Mitleid oder die weiter oben erwähnte Opferrolle, sondern um anderen Mut zu machen zu sich zu stehen.

    • maia sagt:

      Für mich ist das völlig normal – ich kenne kaum jemand der/die das nicht tut.

      • Trixi sagt:

        Sorry, aber das ist genau eben keine hilfreiche Antwort! Wenn ich die Schreibende richtig verstehe, dann geht es nicht um „mal einen faulen Nachmittag auf dem Sofa verbringen“, weil man es will, sondern weil nichts anderes geht. Das ist der Unterschied zwischen „mal nicht so gut drauf“ und ernsthaften psychischen Problemen. Ich hoffe, dass die initial Schreibende Unterstützung hat und wünsche ihr alles Gute!

      • maia sagt:

        @Trixi: „…….weil man es will, sondern weil nichts anderes geht“ – genau diese Tage meinte ich! und ich kenne diese nur zu gut!

  • Monika Mathers sagt:

    Ich (70) litt dieses Frühjahr an einem Burnout. Ich verbrachte sieben Wochen in einer Klinik. Wir wurden nicht als Opfer bemitleidet, sondern erhielten eine ganzheitliche „Behandlung“: Einzel- und Gruppentherapie, Bewegung aber auch Theorie was im Körper vorgeht und wie wir damit umgehen sollen. Diese Wochen waren so gut für mich, dass ich so eine Zeit eigentlich jedem, auch gesunden, Menschen gönnen würde.
    Als Politikerin habe ich meine Krankheit ganz offen kommuniziert. Das hat mir viel Hochachtung eingebracht und auch meiner Wiederwahl vor einer Woche nicht geschadet.

  • Lina sagt:

    Der Content im Artikel ist nun mittlerweile allen klar. Macht euch besser Gedanken wieso es nicht öffentlich gemacht wird. Steht man dazu, gilt man als nicht belastbar, findet kaum eine Arbeit.. Also lieber still sein, leiden und hoffen dass man nicht darauf angesprochen wird damit man seinen Job behalten kann. Zumindest als Alleinstehende hat man nicht viele Optionen oder kenn ihr eine Organisation die einen finanziell über die Runden hilft?

    • Ralf Schrader sagt:

      Wer überhaupt noch erwerbstätig sein kann, hat keine nennenswerte psychische Störung.

    • Jon Snow sagt:

      Das Sozialamt. Die öffentliche Hand erst dann hilft, wenn man bereits ein emotionales Wrack ist. Weitgehend nutzlose Kurse, Beratungen und so weiter gibt es am Laufmeter, aber auch nur geringe finanzielle Hilfe ist quasi nicht zu kriegen.
      Ein Ergebnis unserer gutbürgerlichen Gesellschaft, nehme ich an. Dumm, denn Prävention wäre billiger…

  • Marco bolliger sagt:

    Solange die Wirtschaft fast keine psychisch kranke Leute einstellt, müssen wir auch nicht darüber reden weil unser System völlig verlogen ist. Solange Politik und Wirtschaft nichts unternimmt, wird sich auch nichts ändern.

    • Ralf Schrader sagt:

      Im DSM 5 wird im Regelfall zwischen leichten, mittelschweren und schweren psychischen Störungen (nicht Krankheiten!) unterschieden. Ich halte es für ausgeschlossen, ab einer mittelschweren Störung noch erwerbsfähig zu sein.

      Beim Gros der 90% Patienten mit einer nur leichten Störung ist Erwerbsfähigkeit mit geringen Einbussen möglich, meist sogar ohne dass die geringe und temporäre Leistungsminderung auffällt. Aber wenn es auffällt, wird es häufig mittelschwer und geht mit Verlust der Erwerbsfähigkeit, meist dauerhaft, einher.

  • Beat Bannier sagt:

    Die Technisierung unserer Leben zwingt uns immer mehr in einen Rahmen, der zusehends einengt. Originalität und Individualität gelten mittlerweile schon als verpönt. Gleichzeitig wird uns von Medien und Technikkunst das rundum glückliche und zufriedene Zahnrädchen vorgehalten, mit dem insgeheim Vorwurf, seine Probleme nicht mit der richtigen Frisur/ Joghurt in den Griff zu bekommen, sei ein Versager.
    Gerade junge Frauen werden mit unlösbaren Forderungen belastet, Karriere, gute Mutter und der Selbstverwirklichung in einem sekundären Lebensbereich, „Hobby“, dass sie nur scheitern können.
    Ich war 8 Jahre regelmässig beim Psychiater, der gute Mann, Gott hab ihn selig, hat mir meine Frage nach der Diagnose nie beantwortet, eben um die Stigmatisierung durch sich selbst und andere zu umgehen.

    • jon snow sagt:

      gerade die werbung, die sie ansprechen, dürfte viel schaden anrichten, wird aber kaum je angesprochen.
      da werden milliarden ausgegeben, um menschen komplexe einzureden… wieso ist sowas überhaupt legal?

  • Juerg sagt:

    Ein psychisch Kranker kann für sein Umfeld sehr belastend sein. Und zwar dann, wenn er/sie völlig in einer Opferrolle aufgeht und nicht bereit ist an sich zu arbeiten, an den eigenen Denkmustern, Lebensstil, Ernährung, Sport etc. Selbstreflektion kann anstrengend sein. Ein Betroffener lebt emotional auf Kosten seiner Liebsten, das ist für eine gewisse Zeit ok, danach ist es schlicht seine Pflicht selbstkritisch an sich zu arbeiten und seine Genesung in die eigenen Hände zu nehmen. Beschränken sich seine Anstrengungen jahrelang auf selbstmitleidiges Gejammer und die Einnahme von Psychopharmaka, dann breche ich aus Selbstschutz jeglichen Kontakt ab.

    • marianne pomeroy sagt:

      Das psychisch Kranke in einer Opferrolle aufgehen ist ein generelles Vorurteil. Die Meisten, wie auch ich, suchen sich sehr wohl professionelle Hilfe und leiden meistens im Stillen.

    • René Krison sagt:

      Hallo Jürg

      Waren Sie schon einmal psychisch ernsthaft erkrankt?

    • Benjamin Zibble sagt:

      … ihr primitives pauschales Votum von wegen irgendwelchen Opferrollen soll wohl genau Sie von jeglicher Empathie befreien… Gell? Ja eigentlich sollten derart dumm dreiste Ansichten von sich und anderen in dunklen Kellern ausgeplaudert werden… Psychische Krankheiten sind nun mal zu einer Warnung dessen geworden das der menschliche Organismus am Ende seiner natürlichen Kräfte angekommen ist… mehr Ausbeuten geht nicht. Was bleibt ist, das man die derart krank geschufteten Menschen noch verhöhnt… aber zum guten, es sind nicht alle so und an diese habe ich mich gehalten. Die anderen so wie Sie habe ich kaum jemals vermisst den die machen einen noch kranker als man schon ist. Aber arbeiten Sie mal schön Selbstkritisch an sich weiter…

      • Peter sagt:

        Wie wärs mit Sachlichkeit und ein bisschen Reflexion?

      • Ralf Schrader sagt:

        Bleiben Sie bei dem Begriff ‚psychischen Störungen‘, Ben. Im DSM und im ICD spricht man nur von psychischen Störungen, auch wenn die manchmal, allerdings selten, Krankheitscharakter bekommen können.

        Möglicherweise gibt es in schweren Formen tatsächlich auch psychische Krankheiten, aber das lässt sich derzeit weder be-, noch widerlegen. Deshalb verwendet man den Begriff ‚psychische Krankheit‘ nur noch umgangssprachlich, nicht in der medizinischen und/oder gutachterlichen Terminologie.

    • Peter sagt:

      Bitte nicht generalisieren, oft ist es jedoch so. Unterstützen ja, aber nicht aufopfern und selber in die Abwärtsspirale geraten.

  • Hausi sagt:

    Eigentlich gibt es nur eine Lösung all unserer Krankheiten gerecht zu werden: das Spital-PoloPolo: Die Hälfte der Bevölkerung ist Patient, die andere Pfleger – und alle 30 Tage oder so wird gewechselt.

    • Benjamin Zibble sagt:

      … schrieben Sie jetzt aus Ignoranz und mangelndem Verständnis und totalem Unwissen oder war das am Ende irgendwie lustig… irgendwann bleibt in dem Spiel auch für Sie mal ein Stuhl zu wenig zum sich setzen und rein ist man in dem Spielchen einer verlorenen Gesundheit und Integrität seiner Persönlichkeit. Ich empfinde saloppe Sprüche über kranke Menschen sollten als Diskiminierend und Beleidigend eingestuft werden und nicht als schlechter Scherz… sind Sie auch dafür?

    • Ralf Schrader sagt:

      Es kommt zumindest in absehbarer Zeit dazu, dass das gesamte Potential der Erwerbsfähigkeit in den entwickelten Industriestaaten nicht ausreicht, um den Personalbedarf der Alten- und Krankenpflege abzudecken.

  • Angie sagt:

    Es ist einfach , darüber zu schreiben. Aber es bleibt schwer, als Betroffener darüber zu sprechen , Kampagnen hin oder her. Was sich zuerst ändern müsste ist die Ellbogen -Ego -Gesellschaft.

  • Dominic sagt:

    Ich habe meine Vorgesetzten über meine Depressionen informiert, seit dem werde ich gemieden. Mit über 50 werde ich immer mehr in Arbeit und Projekt gedrängt wofür ich weder ausgebildet noch angestellt bin während dem in mein Fachgebiet neue Leute über sehr lange Zeit eingearbeitet werden müssen. Unter diesem ständigen Druck bin ich krank geworden. Schlafen kann ich kaum noch eine Nacht und ich nehme Antidepressiva. Reden bzw. informieren hat mir nichts gebracht, alles wurde nur noch schlimmer. Mit über 50 eine neue Stelle zu finden ist auch nicht so einfach. Einziger Trost ist in letzter Zeit der Gedanke das ich zum Teil selber entscheiden kann wie lange ich hier bleiben will, in dieser Welt, wie lange ich mir das antun will. Hoffentlich machen andere bessere Erfahrungen mit Offenheit.

    • Bruno Müller sagt:

      Ja, ich würde auch nicht darüber reden. Das Verständnis ist nur vordergründig, danach wird man abgesägt. Wichtig ist, zu reagieren, bevor man ganz abgerutscht ist: Job wechseln, weniger perfekt arbeiten, Beziehung vielleicht beenden. Im Grunde spürt jede und jeder diesen Punkt, wenn man wirklich etwas ändern muss, und auch noch die Kraft dazu hat. Die Bersuchung ist dann: Es geht schon, es ging ja bis jetzt auch, einfach noch mehr anstrengen…. Das ist der Grundfehler, das man bei Problemen reflexhaft reagiert: „More of the same“. Ich sage das aus der Perspektive, das dass ich meine Karriere tadikal beendet habe, als noch nicht zu spät war. Und ich denke, es hat mich gerettet.

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