Wenn Ernährung zum Glaubenskrieg wird

Pures Gift oder ein Segen für die Gesundheit? Die Überzeugungen werden immer extremer. Foto: iStockphoto

Die Diskussionen über die Schädlichkeit von Kokosöl hat einen Höhepunkt erreicht. Ein Vortrag der deutschen Harvard-Professorin Karin Michels an der Uni Freiburg, in der sie das sogenannte Superfood als «reines Gift» bezeichnete, sorgte in den letzten Wochen für medialen Aufruhr. So klickten fast 1,4 Millionen User den Beitrag auf Youtube an.

Michels erhitzte die Gemüter so sehr, dass sie sich vor ein paar Tagen entschuldigte, die Aussage sei «pointiert» und «zugespitzt» gewesen sei. Diese Angelegenheit zeigt einmal mehr, dass es beim Thema Ernährung und Gesundheit längst nicht mehr nur um Fakten, sondern um Weltanschauungen geht. Und diese werden immer extremer. Nahrungsmittel sind entweder gut oder böse, sie werden gehypt oder verteufelt.

Trügerische Trends

«Das einfache Weltbild, dass unsere Ernährung der Schlüssel für eine perfekte Gesundheit ist, wird einmal mehr zementiert», sagt auch die diplomierte Ernährungspsychologin Sara Barcos.  Ja, natürlich soll eine Wissenschaftlerin wie Michels, die seit Jahren zu diesem Thema forscht, ihre fachliche Meinung abgeben. Aber warum tut sie das in einer ähnlich zugespitzten Form wie ihre Gegner, die dem Kokosöl schon fast Heil bringende Kräfte nachsagen? Es soll nämlich nicht nur beim Abnehmen helfen und den Alterungsprozess verlangsamen, sondern auch das Immunsystem stärken und Viren und Bakterien bekämpfen.

«Viele Fans heutiger Ernährungstrends geben vor, sie wüssten haargenau, wie man sich ernähren sollte. Die Regeln, die sie vermitteln, sollten den Konsumenten Struktur und Sicherheit geben», sagt Sara Barcos. Eine trügerische Sicherheit. Denn wenn etwas für den einen Menschen gut ist, heisst das noch lange nicht, dass es der andere auch verträgt.

Die Menge macht das Gift

Nicht einmal die Wissenschaft ist sich einig, ob und in welchem Masse die gesättigten Fettsäuren, wie sie zum Beispiel in Kokosöl vorhanden sind, unseren Organismus schaden können. So empfiehlt die American Heart Association (AHA) in ihren 2017 aktualisierten Empfehlungen, den Genuss von gesättigten Fetten möglichst zu minimieren. Andererseits zeigt eine Studie im Fachmagazin «American Journal of Clinical Nutrition», dass Menschen, die regelmässig gesättigte Fettsäuren zu sich nehmen, keineswegs eine höhere Anfälligkeit für Herzinfakt, Schlaganfall oder andere Erkrankungen haben.

Was die Verwendung von Kokosöl betrifft, gibt es aber durchaus Tipps, die man befolgen kann. Das Öl besteht aus fast 95 Prozent gesättigten Fettsäuren. «Öle und Fette mit einem hohen Anteil mehrfach ungesättigter Fettsäuren (Omega-3 und Omega-6) und sind sehr gesund, solange sie nicht stark erhitzt werden. Denn diese Fettsäuren oxidieren schnell und wandeln sich dann in schädliche Substanzen, sogenannte freie Radikale, um», sagt Sara Barcos. Für das Frittieren sollte Öl oder Fett also einen möglichst geringen Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren haben. Öle mit mehrfach ungesättigte Fettsäuren eignen sich vor allem für die kalte Küche.«Alternativen zum Anbraten sind raffiniertes Olivenöl, Holl-Rapsöl, oder HO-Sonnenblumenöl. Und für die kalte Küche zum Beispiel kalt gepresstes Olivenöl oder Rapsöl (nativ) und Leinöl», sagt Sara Barcos.

31 Kommentare zu «Wenn Ernährung zum Glaubenskrieg wird»

  • Peter Waldner sagt:

    Die Menschen (in unseren Gefilden) werden immer grösser, dicker und älter. Die Sorge um die Ernährung an sich ist kein Thema, schon gar nicht der Hunger.
    Wir ernähren uns mit dem Besten, was die ganze Welt zu bieten hat. Wir können problemlos das ganze Jahr über alle Gemüse, Früchte, Nüsse etc. erntefrisch kaufen – und sie uns auch leisten.
    Es geht uns also gut; so gut wie noch nie.
    Das einzig Ungesunde, unter dem wir zunehmend leiden, sind jene „Wissenschaftler“ und „Experten“, die – vermutlich mangels Beschäftigung – „Probleme“ erfinden und hochstilisieren. Dann treten die Fanatiker mit religiös anmutendem Wahn auf und verlangen, diese erfundenen „Probleme“ mittels Regeln und Verboten dringendst zu bekämpfen.

  • Othmar Riesen sagt:

    Mein Rat: lasst Euch von niemandem etwas vorschreiben, schon gar nicht von den Besserwissern. Esst war Ihr wollt, wann Ihr wollt, schaut dass Ihr gesund bleibt, täglich auf die Waage, jährliche Blutchecks. Nichts ist schlimmer als Missionare und Oberschullehrer. Leider sind da die Schweizer/innen federführend.
    Beste Grüsse
    O.R.

  • Jacques Zimmer sagt:

    Man soll Kokosöl ja auch gar nicht essen, damit es einem gut tut. Man reibt es ein (überall, auch in der Intimregion); gibt schöne geschmeidige Haut, Haare und Fingernägel, wirkt gegen Pilze und Bakterien (und daher auch gegen schlechte Körpergerüche). Deodorant, Hautcreme, Zahnpasta, Rasierschaum, sogar Gleitmittel 😉 – kann man sich alles sparen und durch natürliches Kokosöl ersetzen, am besten in Bio Qualität und aus erster Pressung ( „virgin“) .

    • Gertrud sagt:

      Genau. Kokosöl ist ein Wundermittel für äussere Anwendung und wurde kaum je als Superfood von Influencern und Youtubern deklariert.

    • Vierauge sagt:

      stimmt, für die äussere Anwendung ist Kokosöl (und andere Pflanzenöle) sehr gut. Als Zahnpasta (da würde dann Abrasivstoff und Fluorid fehlen) ist es allerdings weniger geeignet; wenn schon, dann kann man vor dem Zähnebürsten damit die Zahnzwischenräume ausspülen.

      Allerdings sollte dazu die raffinierte (Bio-)Qualität verwendet werden. Kaltgepresste Virgin-Öle enthalten generell nicht-fettige Stoffe, v.a. Proteine, die Kontakt-Allergien auslösen können.

  • Rolf Rothacher sagt:

    Es gibt nur EINE EINZIGE Form der richtigen, gesunden Ernährung:
    Esse das, was dort angebaut und produziert wird, wo du und deine Eltern geboren sind.
    Warum? Unsere DNA wird mitbestimmt durch Kompomenten, die sich den Lebensbedingungen und so auch der Ernährung anpassen.
    Wer in seinem Stammbaum nie Leute aus der Karibik gekannt hat, für den sind Kokosnüsse mit Sicherheit nicht die richtige Nahrung. Er bringt eine Komponente in seine DNA, mit der sich frühere Generationen noch nicht herumschlugen. Das Experiment kann ihm vielleicht Vorteile bringen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es ihm Nachteile bringt, ganz einfach, weil sich sein Körper erst darauf einstellen muss.

  • Jessas Neiau sagt:

    „Auf Youtube tobt ein Konflikt ums Kokosöl. Er zeigt, wie schnell wir heute beim Essen emotional werden.“ Wer ist wir? Ich werde beim Essen satt, nicht emotional. Bestenfalls steigert sich kurzfristig mein Appetit. Aber sind das die echten Emotionen? Und nein, bei mir geht die Liebe auch nicht durch den Magen – denn würde sie das tun, dann würde sie auch durch den Darm gehen etc.

  • Heidi Herrmann sagt:

    Ich kann in dem Video von Prof. Michels nichts „zugespitztes“ sehen. Kokosöl ist ungesund, das ist erwiesen. Das American Journal of Clinical Nutrition hat in seinem Expertenausschuss 7 von 12 Mitgliedern mit grossen Interessenkonflikten, weil sie von der Zuckerlobby, CocaCola, Mars, Pepsi, etc bezahlt werden. Andere seriösen Studien gibt es nicht. Es ist übrigens auch nicht wahr, dass mehrfach gesättigte Fettsäuren durch erhitzen gefährlich werden. Sie gehen einfach kaputt und sind dann nicht mehr so hochwertig. Prof. Michels empfiehlt deshalb Oele mit einfach gesättigten Fettsäuren zum Erhitzen, die sind normalerweise billiger. Olivenöl hat eh schon sehr viel einfach ungesättigte Fettsäuren und ist sehr geeignet zum kochen, raffinieren macht es nur schlechter und billiger.

    • Rolf Rothacher sagt:

      Diese Diskussion um ungesättige oder gesättige Fettsäuren geht eh an allen Realitäten vorbei. Die ETH hat vor kurzer Zeit durch eine Studie festgestellt, dass ein Körper, der Sport treibt, mit den als ach so gesund verschrienen ungesättigten Fettsäuren weit weniger profitiert, als ein Körper ohne diese ach so gesund machenden Fettsäuren.
      Die Religiosität der Menschen geht in unserer westlichen Gesellschaft zurück. Einer Kirche wollen sich immer weniger verschreiben. Also sucht ihr Glaube sich ein neues Betätigungsfeld. Viele wählen dazu die Ernährung. Warum? Weil man auch hier kaum etwas gesichert beweisen kann, weil jeder auf seinen Thesen und Beobachtungen beharren darf, weil auch die Wissenschaft sich hier ständig und immer wieder widerlegt.

      • Peter Aletsch sagt:

        ‚weniger profitiert‘ heisst: die Erkrankung droht weniger? Wäre alles klar : früher, als alle laufen, hacken, graben, schaufeln, sägen mussten, gab es kaum Kreislaufkrankheiten. Steht sogar im ersten Fitnessbuch von Dr. Cooper: Schweizer Bergbauern, die Unmengen an Milch Rahm Käse assen, wurden dadurch nicht geschädigt.

  • jeanpierre.neidhart sagt:

    Die ganze Debatte zeigt doch auf, dass auf die Ernaehrungswissenschafter selber auch keine Ahnung haben und dann jeder einfach das publiziert was am ehesten seinem anerzogenen Weltbild entspricht. Solche Menschen als Experten zu bezeichnen ist einfach nur ignorant.

    • Rolf Rothacher sagt:

      Oscar Wilde hat es vor langer Zeit auf den Punkt gebracht: „Ein Experte ist ein gewöhnlicher Mann, der – wenn er nicht daheim ist – Ratschläge erteilt.“
      Für mich ganz besonders gut am Spruch: Zu Hause hat der Experte nichts zu sagen oder zu bestimmen. Dort lebt er bloss als Mensch.

  • zweistein sagt:

    Karin Michels, die Harvard University, die American Heart Association, das American Journal of Clinical Nutrition und der TagesAnzeiger sind alle 100%ige Assets der Jüdischen Mafia und ihrer zionistischen Geheimdienste. Lügen, faken, hoaxen, verwirren ist deren Kerngeschäft.

    Kurz: Kokosöl ist gesund.

  • Nina sagt:

    Aus meiner Sicht ist Bewegung wichtiger als die Ernährung. Wir haben nun mal einen eher sitzenden Life Style. Diese ganze Übermedialisierung hat zu viel Unsicherheit beigetragen. Deshalb fehlt der gesunde Menschenverstand. Wir vertrauen lieber dem Food Porn vom Insta-Influencer als uns selbst. Dabei hat der Food Hype die Situation der Nahrungsmittelarmut in ärmeren Länder gerade nicht verbessert.

    • Rolf Rothacher sagt:

      Nein, wir verfallen dem Food-Porn von Instagramm aus demselben Grund, warum wir längst zu Medikamenten-verdauenden Ungeheuern geworden sind: Wir sind viel zu faul, um auf unseren eigenen Körper zu hören, suchen stattdessen den einfachen, schlanken, problemlosen Weg. Ob Influencer oder Arzt, hauptsache, er verspricht uns eine Lösung, zu der wir selber kaum etwas beitragen müssen.
      Selbstverständlich ist einzig die mangelnde Bewegung (nicht Leistungssport, sondern einfach nur 10 km Spazierengehen pro Tag) der Grund für 95% aller Zivilisationskrankheiten. Doch sich deshalb aufraffen? Und losmarschieren? Sicher nicht.

      • Jennifer sagt:

        Bin ich froh, muss ich mich nicht insta grämen.
        Ich habe Olivenöl, Sesamöl für die Exotik und manchmal brate ich Spiegeleier in Butter. Kokosaroma gibt es mal als Kokosmilch, und sonst hab ich genügend Plantagen gesehen, um auf die Kokosverheissungen nicht abzufahren. Je mehr „trendige“ Kochrezepte ich sehe, Fooby usw., all das abgefahrene Gourmetzüügs, umso weniger hab ich Lust darauf. Mein Geheimtip: Roggenknäcke mit Frischkäse ist auch gut. ; )

  • Peter Aletsch sagt:

    Kokosoel wurde sicher auch hochgelobt, weil es fremdartig – exotisch ist. Wieder der/das ‚edle Wilde‘. Man stelle sich Kokospalmen in unseren Gärten und Parks vor : die Nüsse würden so wie die meisten Äpfel gar nicht gesammelt, und die Bäume sowieso verboten wegen herabfallenden Schädelknackern.

  • christopher robert sagt:

    Je mehr etwas oder jemand gehypt oder verteufelt wird, umso mehr zeigt sich die Verunsicherung der Leute. Egal ob Nahrungsmittel, Religion oder Politik: Je extremer die Standpunkte werden, umso grösser ist die Unsicherheit.
    Sobald ein gewisses Mass an Unsicherheit überschritten ist, sind die Leute leider nicht mehr für sachliche Argumente zugänglich. Fakten sind neutral, Hype ist entweder gut oder böse. Bei jeder Nicht-Zustimmung fühlen sich die Leute persönlich angegriffen.
    Lange Zeit habe ich versucht zu erklären und zu vermitteln. Wenn die Hysterie (wie jetzt bei Kokosöl) eine gewisse Schwelle überschritten hat, klinke ich mich aus und verwende meine Energie für andere Dinge, werde zum Beobachter, der fasziniert und erschreckt den grossen Kindern zuschaut.

  • Andy Stoecklin sagt:

    Wann welche Nahrungsmittel in welchem Umfang die Erhaltung der Gesundheit fördern oder eben schädigend wirken kann heute sehr einfach nachgelesen werden.
    Dabei kann leider nicht mehr einfach nur das Nahrungsmittel benannt werden. Veränderte Bedingungen bei der Aufzucht von Tieren und Pflanzen, verändern die Inhaltsstoffe, so dass die im Volksmund vorhandene Meinung über deren Inhaltsstoffe nicht mehr Zeitgemäss ist.
    Interessant finde ich den Aspekt die Gesundheit nur auf die Nahrungsmittel zu reduzieren, jeder gebildete Mensch und vor allem Wissenschaftler wissen doch dass es das Gesamtkonzept aus Psyche, Bewegung und körperliche Ertüchtigung, Nahrung und negative Einflussfaktoren wie Umweltgifte, Rauchen, Alkohol, Medikamente, und anderes die Gesundheit beeinflussen!

  • Ralf Schrader sagt:

    Der Begriff ‚Gesundheit‘ ist im religiösen Kontext entstanden und bis heute ein religiöser Begriff geblieben. Wie alle Begriffe, die keine Mehrzahlform haben, beschreibt ‚Gesundheit‘ nichts Gegenständliches, sondern eine Kategorie. Gesundheit kann man nicht objektivieren, also nicht mit Fakten belegen. Gesundheit kann man noch nicht einmal erleben. Gesundheit erlebt man erst, wenn sie einen verlässt.

    Deshalb bleibt Gesundheit, wie auch Glück, im Bereich der Religion oder Weltanschauung. Die Medizin hat 3000 Jahre lange versucht, den Begriff für sich nutzbar zu machen, die Präventionsforschung seit 50 Jahren. Beides ist erfolglos geblieben und daran wird sich nichts ändern. Auch die Kombination von ‚gesund‘ und Ernährung lässt sich nicht objektivieren.

    • Peter Aletsch sagt:

      Falsch. Es gab zwar einige die Infektionskrankheiten betreffende Speise- und Reinheitsgebote sicher zumindest in den nah- und fernöstlichen Religionen. Aber der neue Begriff von Gesundheit kam um 1970 auf, als man entdeckte, dass anders als früher nicht die körperlich hart arbeitende Unterschicht früher als nötig auf einen Schlag verschied, sondern die ‚reichlich ernährten‘ sitzend ‚Tätigen‘ . Z. B. die sitzenden Busfahrer gegenüber den auf- und absteigenden Billetkontrolleuren in den Londoner Doppeldeckern.

      • Ralf Schrader sagt:

        Ein neuer Gesundheitsbegriff ab 1970 wäre mir fremd und wird in keinem der gängigen Lehrbücher der Gesundheitswissenschaften genannt. Gesundheit projiziert man nicht auf Krankheit und Tod, sondern auf Wohlbefinden und Kohärenzgefühl. Es ist vorrangig eine subjektive und generalisierende Kategorie und so Kern der WHO- Definition von 1948. Inzwischen natürlich präzisiert.

      • Peter Aletsch sagt:

        Nicht Gesundheit an sich, sondern erhaltene und verbesserte durch Training. Das war vorher unbekannt, aber auch unnötig bis zur Fresswelle. Dr. Cooper, Mr. Fixx. Ich habe nie vergessen die erste Sendung im SRF ca. 1975, wo zwei Zwillingsbrueder verglichen wurden durch Dr. Howald, Magglingen. Der Rennende erwarb sich tieferen Puls!

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.