Best-of: Machen Kohlenhydrate am Abend dick?

Soll man auf die späte Pizza verzichten? Die Meinungen gehen auseinander. Foto: Pexels

Ich habe Freundinnen, die nehmen nach 18 Uhr prinzipiell keine Kohlenhydrate mehr zu sich. Essen wir zusammen, dann darf bei ihnen ausschliesslich Proteinreiches wie Fisch, mageres Fleisch oder Huhn auf den Teller kommen. Dies kombiniert mit einem Salat («Aber bitte ohne Sauce!»).

Jedem das Seine: Solange ich meine Pizza trotzdem essen kann, niemand darüber motzt oder höchstens mal ein bisschen gierig rüberschielt, ist mir das egal. Trotzdem macht es mich neugierig, ob Kohlenhydrate abends gegessen wirklich dick machen. Der Verdacht: Wegen mangelnder Bewegung können sie nicht mehr verwertet werden und sollen so das Abnehmen blockieren.

Wahrheit oder Märchen?

Aber was sind Kohlenhydrate überhaupt? Sie gehören neben Fett und Protein zu den drei Makronährstoffen und bestehen aus Zuckermolekülen, die über das Blut in die Zellen gelangen und unserer Muskulatur und dem Gehirn als Treibstoff dienen. «Kohlenhydrate werden je nach ihrer Kettenlänge unterschiedlich schnell vom Körper aufgenommen», sagt die Ernährungspsychologin Sara Barcos. Kurzkettige Kohlenhydrate lassen den Blutzucker rasch ansteigen, die Bauchspeicheldrüse schüttet daraufhin das Hormon Insulin aus, das den Zucker in die Zellen einschleust, was zu einem erneuten Hungergefühl führe. Insofern können proteinhaltige Mahlzeiten durchaus länger sättigen.

Aber spielt es jetzt eine Rolle, ob wir die Carbs morgens, mittags oder abends zu uns nehmen?

Darauf gibt es aus ernährungswissenschaftlicher Sicht keine klare Antwort. So meinen die einen, dass der Körper über eine innere Uhr verfüge. «Zu welcher Uhrzeit man Kohlenhydrate isst, beeinträchtigt die Wirkung der Wachstumshormone und die Ausschüttung von Insulin, die am Abend Einfluss auf das Gewicht haben», sagt Professor Nicolai Worm, Autor der Publikation «Die Flexi-Diät: Abnehmen mit mediterranem Low Carb».

Besser als jede Diät

Doch auch die Liebhaber von Teigwaren, Reis und Brot können genauso gut argumentieren: So wurden an der Hebräischen Universität von Jerusalem in einer Studie über sechs Monate zwei Gruppen verglichen. Die Hälfte der Probanden konsumierte über den Tag verteilt Kohlenhydrate, während die andere Gruppe sie nur am Abend zu sich nahm. Das Resultat: Die Probanden der letzteren Gruppe nahm einiges mehr ab.

Warum also diese unterschiedlichen Ergebnisse?

«Das Problem bei Ernährungsstudien ist, dass es sich dabei um Beobachtungsstudien handelt und nicht, wie in der Medizin, um eine klinische Studie, bei der es um die Erforschung von Ursache und Wirkung (Kausalität) geht», sagt Sara Barcos. Hier wissen weder die Probanden noch die Experten, wer was bekommt. «Bei Ernährungsstudien werden die Teilnehmer meist über eine längere Zeit überwacht. Dies, um möglichst viele unterschiedliche Informationen zu sammeln.» Obwohl sie wertvolle Informationen enthalten, seien Beobachtungsstudien stärker von Befangenheit betroffen, so die Expertin.

Ob Kohlenhydrate am Abend genossen dick machen, bleibt also eine Glaubenssache und ist so individuell wie unser persönlicher Stoffwechsel. Wie in vielen anderen Fällen, scheint es auch hier das beste, auf das eigene Körpergefühl zu achten. Denn dieses sagt mehr aus als jede Diät und jede Studie.

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