Kein Zucker ist auch keine Lösung

Zwischendurch etwas Süsses zu naschen, ist noch lange keine Sünde. Foto: unsplash

Was macht fett, dumm und süchtig wie Kokain und ist ganz allein für die grossen Volkskrankheiten wie Diabetes, Herzkrankheiten und Krebs verantwortlich? Zucker. Natürlich! Weiss. Kristallin. Raffiniert böse und ungesund. Zucker ist das neue Heroin der Foodjunkies. Allerdings: Wissenschaftliche Beweise, dass dem so ist, gibt es nicht. Wäre Zucker eine Frau und wären wir im Mittelalter, dann sprächen wir von Hexenjagd.

Die Buchregale füllen sich aktuell mit Titeln wie «Für immer zuckerfrei», «Zuckerfrei – Die 40-Tag-Challenge» oder «21-Tage-Zucker-Detox». Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO fordert schon seit Jahren, dass wir unseren Zuckerkonsum drastisch reduzieren. Fettleibigkeit und deren Folgeerkrankungen sollen so bekämpft werden. Dabei fehlt der wissenschaftliche Beweis, dass Zucker tatsächlich dick oder krank macht.

Wenn das Leben doch so einfach wäre: Wir halbieren den Zuckerkonsum, und die Menschen werden dünner und gesünder. Was sich liest wie Science-Fiction, meinte die Weltgesundheitsorganisation WHO 2014 jedoch bierernst. Denn seitdem steht ein Richtlinienentwurf zur Diskussion, der die Empfehlung für den Zuckerkonsum von aktuell 10 Prozent des täglichen Energiebedarfs auf 5 Prozent halbieren will.

Fragwürdige Datengrundlage

In Früchten ist genau der gleiche Zucker enthalten wie in Fruchtsaft. Foto: iStock

Das heisst konkret: Beim weiblichen Durchschnittsbedarf von 2000 Kcal dürfen 100 Kcal aus Zucker sein. Und das ist nicht viel: Eine 0,33-Liter-Dose Cola liefert etwa 145 Zucker-Kilokalorien, 200 Milliliter Apfelsaft und frau hat etwa 90 Zucker-Kilokalorien intus. Mit Süsswaren, Kuchen und Desserts ists dann nichts mehr – und der pure Zucker im Espresso: künftig auch streng limitiert! Die WHO will jede Art von freiem und zugesetztem Zucker reglementieren, mit Ausnahme von Obst. Dabei ist in Trauben und Orangen der gleiche Fruchtzucker enthalten wie in den entsprechenden Fruchtsäften.

Die WHO beruft sich auf Tausende Studien, die einen Zusammenhang des Zuckerkonsums mit Fettleibigkeit und Zivilisationskrankheiten plausibel erscheinen lassen sollen. Zu 99 Prozent sind dies epidemiologische Studien, also der Klassiker der Ernährungsforschung: Beobachtungsstudien – die, wie inzwischen weitläufig bekannt ist, keinen Kausalitäten liefern können, sondern nur statistische Zusammenhänge zeigen. Daher wächst der Widerstand gegen diese Beobachtungsforschung auch aus den Reihen der Ernährungswissenschaftler.

Zahngesundheit im Visier

So hat eine Übersichtsarbeit eine weit verbreitete Fehlentwicklung offenbart: Die begrenzte Aussagekraft von Beobachtungsstudien wird von vielen Ernährungsforschern und Politikern unterschätzt. Aufgrund zahlreicher Schwächen dieser Untersuchungen mahnen die Autoren zu «grösserer Vorsicht bei Ernährungsempfehlungen», da diese primär auf Beobachtungsstudien basieren, die nicht durch klinische Studien bestätigt wurden. Diese Aussage wird in einer Fachzeitschrift der American Society for Nutrition untermauert. Viele Ergebnisse der Ernährungsforschung seien «völlig unglaubwürdig» – und auch eine «weitere Million Beobachtungsstudien» würde keine endgültigen Lösungen liefern.

Neben Adipositas und den korrespondierenden Zivilisationskrankheiten haben sowohl WHO als auch Ernährungsapostel noch die Gesundheit unserer Zähne im Visier: «Weniger Zucker gleich weniger Karies», so die Hypothese. Doch auch hier gilt: So einfach ist die Gleichung nicht. Denn es kommt bei der Kariesentwicklung wie bei allen Erkrankungen auf viele Faktoren an: Dauer, Intensität und Frequenz der Exposition spielen genauso eine Rolle wie andere Kohlenhydrate, die bereits im Mund zu Zucker umgewandelt werden, oder – elementar – Zahnpflege und Zahnarztbesuche. So hat ein Mensch, der seine Zähne schlecht pflegt, aber wenig Zucker konsumiert und nur unregelmässig zum Zahnarzt geht, sicher deutlich mehr Karies als ein «Süssigkeiten-Aficionado», der gut auf seine Mundhygiene achtet.

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