Wenn im Bett nichts mehr läuft

«Will er mich noch? Will ich ihn noch?»: Carey Hart und Popstar Pink. Foto: Ignat, Bauer-Griffin, GC Images

Pink ist ein Popstar, der dafür bekannt ist, selten ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ob in ihren Songs oder in Interviews, die 38-Jährige erzählt über persönliche Erfahrungen mit Drogen, Zurückweisung oder Liebeskummer. Allerdings nie auf vulgäre Art, bei der sich schnell einmal das Gefühl einstellt, dass sie nur auf billige Publicity aus ist, sondern so authentisch, dass man glauben könnte, sie sei eine Kumpelfreundin, bei der man gerne sein Herz ausschütteten würde. Im letzten August nutzte Pink beispielsweise die MTV Video Music Awards, um ihrer sechsjährigen Tochter Willow von der Bühne hinunter Mut zuzusprechen. Dies, weil das Mädchen das Gefühl habe, es sei «ein hässlicher Junge mit langen Haaren». Pinks Rede wurde so zur starken Botschaft gegen Bodyshaming.

Zweifel am Partner und an sich selbst

Ein paar Monate später ist Pink wieder in den Schlagzeilen mit einem noch heikleren Thema: der zeitweisen sexlosen Beziehung. Eine Partnerschaft, in der zwar Liebe, Körperkontakt und Zärtlichkeit da sind, aber eben der Sex fehlt. So offenbarte sie vor kurzem in einem Interview mit dem britischen «Guardian», dass sie und Ehemann Carey Hart, mit dem sie seit 15 Jahren – mit Unterbrüchen – zusammen ist, auch schon längere Durststrecken im Bett «überlebt» hätten. «Manchmal gibt es Zeiten, da hast du ein Jahr lang keinen Sex. Und du fragst dich: Ist das das Ende?», gestand sie.

Pink ist noch keine 40, rein statistisch gesehen eine Frau auf dem Höhepunkt ihrer Sexualität. In einer Umfrage der Verhütungs-App Natural Cycles unter 2600 Frauen zeigte sich, dass die Gruppe der Frauen mit 36 plus mit dem souveränsten Körpergefühl ausgestattet ist. Wenn also eine attraktive Frau wie Pink so offen über ihr Sexleben berichtet, warum ist es dann für andere Frauen und Männer so schwierig oder beinahe unmöglich, selbst im engsten Kreis offen über dieses Thema zu reden? Vielleicht, weil unsere Sexualität so stark mit unserem Selbstwert und Selbstverständnis zusammenhängt. Und Fragen, wie sie Pink sich selber gestellt hat: «Will ich ihn, will er mich noch?», eine grosse Tragweite haben können.

Die Wahrheit ist: Fast allen geht es so

2010 gaben im Report des Kinsey Institute zwischen 10 und 40 Prozent der Befragten an, trotz Beziehung oder Ehe kaum oder sogar nie Sex zu haben. Meiner Meinung nach ist diese Zahl völlig untertrieben. Ich weiss praktisch von keiner langjährigen Beziehung, von keinem Paare, das 15, 20, 25 Jahre oder noch länger zusammen ist, das noch regelmässig Sex hat. Und diese Beziehungen sind sicher genauso gut, schwierig, anstrengend oder langweilig wie andere Beziehungen auch.

Vertrauen und viel Nähe führen dazu, dass eine (langjährige) Beziehung spannungsloser werden kann. Und Sex braucht Spannung und Gegensätze, damit er lustvoll ist. Oder, wie eine meiner besten Freundinnen sagt: «Man kann in einer langjährigen Beziehung nicht gleichzeitig grosse Sicherheit und eine Amour fou erleben. Weil sich dies gegenseitig ausschliesst.»

Am Ende des Tages muss jedes Paar für sich herausfinden, wie es seine Intimität leben will. Aber es tut gut, wenn eine coole Frau wie Pink eine Realität aufzeigt, wie sie in unserer übersexualisierten Welt an der Tagesordnung ist.