Vergleiche vergiften das Leben

Beklagt ihren «dicken, alten Hintern»: Model Chrissy Teigen mit Ehemann und Musiker John Legend. Foto: Jordan Strauss (Invision/AP/Keystone)

Ich freue mich auf den den Herbst. Ich liebe es, wenn der Sommer seinen Höhepunkt überschritten hat und eine leichte Melancholie in der Luft liegt. Das Licht ist nicht mehr so grell, die Temperaturen sind angenehmer, die Bräune verblasst langsam. Und kuschelige Materialien wärmen die Haut. Endlich endet der Freizeitstress, und ich kann an einem trüben Tag ohne schlechtes Gewissen im Bett rumlümmeln. Ehrlich gesagt habe ich auch genug verwaschene Jeans-Shorts, bunte Trägershirts und ausgetretene Schlappen gesehen.

Verzichten kann ich auch auf die unzähligen Bikinifotos auf Instagram und Co. Schon lange posten nicht nur prominente Frauen ihre fast nackten Körper; sich möglichst nahtlos braun gebrannt zu präsentieren scheint zum weiblichen Volkssport geworden zu sein. Früher gaben sich die Stars und Sternchen die Ehre, heute geben sie sich nur noch die Blösse. Und werden so zum Vorbild von Millionen von (jungen) Mädchen und Frauen. Alle Gedanken und Anstrengungen scheinen sich nur noch um den perfekten Körper zu drehen. Und natürlich um den virtuellen Applaus der Community. Als würde Selbstbewusstsein und Selbstwert allein von einem makellosen Körper abhängen.

Die Klagen eines Topmodels

Wie absurd dieser Trend ist, zeigte sich vor ein paar Tagen, als das Topmodel Chrissy Teigen in einem Interview mit dem US-Magazin «Glamour» sagte, sie müsse jeweils weinen, wenn sie die Instagram-Fotos anderer Frauen anschaue. Sie fühle sich dann nur noch hässlich. Es ist scheinbar kein Trost für die 31-Jährige, dass die meisten Frauen diese Perfektion nur mithilfe von technischen Hilfsmitteln erreichen. «Ich bewege meinen alten Hintern auf die sozialen Medien und schaue mir Photoshop, Facetuning und diese ganzen Apps an … und fühle mich unglaublich unzulänglich», sagt Teigen.

Chrissy Teigen zählt zu den attraktivsten Frauen der Welt. Sie ist Ehefrau des erfolgreichen Sängers John Legend (39) und Mutter einer süssen, kleinen Tochter. Und ich frage mich: Wenn schon eine so vom Glück verwöhnte Frau solche Zweifel an ihrem Körper hat, wie soll es denn uns Normalos mit all unseren vermeintlichen Schwachstellen gehen?

Aussichtsloser Kampf

Es sind allerdings nicht die geschönten Körper, die uns zu denken geben sollten, sondern die ewigen Vergleiche – mit anderen Frauen –, die unser Leben zunehmend vergiften. Natürlich wissen wir um die künstlich geschönte Perfektion, doch das hindert uns nicht, den Gradmesser von Zufriedenheit an Äusserlichkeiten festzumachen.

Es ist ein aussichtsloser Kampf. Und es wäre Zeit, ihn zu beenden und Frieden zu schliessen. Mit sich und seinem Körper. Der Herbst wäre ein guter Zeitpunkt dafür.

6 Kommentare zu «Vergleiche vergiften das Leben»

  • Peter sagt:

    Schönheit ist oberflächlich, subjektiv und vergänglich und wenn man nur eine „hübsche Fassade“ zu bieten hat, bleibt nicht viel wenn mal die Falten und anderen Anzeichen des Alterns eingesetzt haben. Eine schöne Persönlichkeit hingegen ist unvergänglich.

  • Markus Moreno sagt:

    Sehr geehrte Frau Aeschbach, besten Dank für einen ausgezeichneten Artikel. Er betrifft eine ganz zentrale Frage einer erfolgreichen Partnerschaft. Nämlich: soll man immer hinüber schielen auf andere Leutchen, die offenbar besser, schöner, klüger, interessanter, reicher sind. Meine Philosophie in meinem Leben: the grass is always greener on the other side of the hill. Es gibt 10’000 Leute, die noch besser sind als meine Partnerin. Doch ist letztlich fraglich, ob das alles bei diesen Leutchen wirklich zutrifft. Da habe ich lieber in meinen Armen jemanden, der/die genauso ist, wie ich die Person liebe und wie ich sie kenne. Mit allen Macken und Fehlern – die ich ja genauso habe. Und jene schönen, klugen, interessanten Leutchen jenseits des „hills“ können mir gestohlen bleiben.

  • Franz Gödl sagt:

    Vergleichen fördert das Trennungsbewusstsein und das ist bekanntlich bi-polar, also dia-bolisch.

  • Clara Goodwin sagt:

    Es geht nicht nur ums Vergleichen, sondern auch um die Erwartungen, die man ans Leben so stellt. Es liegt in unserer Natur, dass wir altern, wieso sich dagegen wehren? Mein Körper ist alles andere als perfekt, trägt mich aber sehr gesund durchs Leben. Ich bin ihm äusserst dankbar dafür und trage ihm Sorge. Er darf auch die Spuren des Alterns und der drei Schwangerschaften zeigen – ich sehe diese als „Orden des Lebens „. Ich muss nicht alles haben, um glücklich zu sein.

    • Lia sagt:

      vielen Dank! Dies ist genau meine Ansicht. Als ich kürzlich kund tat, dass ich meine weissen Haare weder färben noch zupfen werde, wurde ich angestarrt, als wäre ich nicht ganz bei Sinnen..

      • Lina Peeterbach sagt:

        Hah, wie schön :))) Ich (38) trage seit ca. 15 Jahren stolz meine sich stets mehrenden grauen Haare. Inzwischen sind es wirklich viele, inklusive einiger ganz dicker Strähnen (ca. 30 Prozent meiner Haare sind grau). Es ist unglaublich, wie viele Menschen meinen mich darauf ansprechen zu dürfen. Da gibt es alles, zwischen „hast du eine Allergie?“ über „das ist ja schon mutig, aber wenn du müde bist macht es dich halt doch recht alt“ (der kommt übrigens von meiner Mutter!), bis hin zu „mit dir würde ich gerne mal ein Vorher-Nachher-Styling machen“. Unter dem Strich ist alles anmassend. Ich bin ich, wie die Natur mich gemacht hat. Was soll daran falsch sein?

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