Sind Sie schön – oder nur hübsch?

Wallende Mähne, dunkel geschminkte Augen und Schmollmund: Instagram-Model Pamela Reif verkörpert Schönheitsideale aus dem Netz. Foto: Instagram/pamela_rf

Unschön: Die Coiffeuse meines Vertrauens war in die Ferien abgedüst und hatte mich mit einem halblangen Bob zurückgelassen, der an meinem Nacken klebte und auch sonst nicht viel hermachte. Ich besann mich auf frühere Kurzhaarschnitte, die bei 30 Grad äusserst angenehm zu tragen sind, und suchte mir eine neue Haarstylistin.

Bezaubernder Pixie-Haarschnitt: Jean Seberg mit Jean-Paul Belmondo in «A bout de souffle» (1960). Foto: PD

«Bitte schneiden Sie die Haare kurz und gestuft», bat ich sie beim obligaten Beratungsgespräch. «Minus zwei Zentimeter?», schlug sie vor. «Nein, ganz kurz», entgegnete ich. Als sie mich verständnislos anschaute, zeigte ich ihr auf meinem Handy ein Foto von Jean Seberg aus dem Film «A bout de souffle». Die Schauspielerin trug einen wirklich sehr kurzen blonden Pixieschnitt, kein Haar war länger als drei Zentimeter. Und sie sah damit einfach zauberhaft aus.

In den letzten Jahren ist der gesellschaftliche Druck auf Frauen, einem normierten Schönheitsideal zu entsprechen, nicht gerade kleiner geworden. Und momentan gehört zu diesem Ideal eben die lässig-lange Mähne à la Gwyneth Paltrow, Gigi Hadid, Pamela Reif oder Sylvie van der Vaart. Gerne kombiniert mit «Baby cheeks»: mit Hyaluron unterspritzten Wangen und einem jugendlichen Glow, der möglichst natürlich wirken soll, aber das Ergebnis aufwendiger Make-up-Konturierungen ist.

Die Psychoanalytikerin Ada Borkenhagen spricht im deutschen Magazin «Brigitte» vom «Hübschheitsideal»: «Schönheit lebt durch das Besondere. Hübschheit ist das, was die Schönheitschirurgie vorgibt.» Scheinbar geklonte Influencerinnen auf Instagram, die für Millionen von Frauen das heutige Schönheitsideal verkörpern, beweisen dies. Gefragt sind sonnengebleichte Beachwave-Locken, dunkel geschminkte Augen, ein blasser Mund. Natürlich hatte jede Zeit ihre Schönheitsideale, aber so genormt wie heute waren sie wohl noch nie. Und es sind auch nicht nur die jungen Frauen, die diesen Einheitslook anstreben.

Nach einer halben Stunde ist meine Coiffeuse mit ihrer Arbeit anscheinend doch zufrieden. Sie mustert ihr Werk von allen Seiten und meint wohlwollend: «Sie haben einen schön geformten Hinterkopf, und durch die kurzen Haaren kommt ihr interessantes Gesicht zu Geltung.»

Ein schöner Hinterkopf? Keine Jean Seberg, aber auch nicht schlecht. Ich fühle mich durchaus geschmeichelt und gebe ihr ein gutes Trinkgeld. Denn von hinten gut auszusehen, hat durchaus auch seinen Reiz.