Machen Ferien krank?

Soll unter anderem gegen Rheumabeschwerden helfen: Mann beim Sandbaden in Siwa, Ägypten. Foto: Asmaa Waguih (Reuters)

Geplant waren: ein Crawlkurs. Lange Velotouren. Kochen, und zwar gesund. Meinen Medienkonsum runterfahren, dafür mindestens fünf Bücher lesen. Endlich den Kleiderschrank ausmisten und die Terrasse neu anpflanzen.

Die Realität: 1. Tag: Kopfschmerzen. 2. Tag: Temperatur und kratzender Hals. 3. Tag: Stimme weg. 4. Tag: Nackenschmerzen. 5. Tag Depressive Verstimmung über meinen Zustand. 6. Tag: Kapitulation mit anschliessender Bettruhe.

Fazit: Meine erste, heiss ersehnte Sommerferienwoche war ein Reinfall. Statt im Schwimmbad gute Figur zu machen, lag ich bei 30 Grad schwitzend im Bett. Das Einzige, was mich tröstete, war die Tatsache, dass ich keine teuren Ferien gebucht hatte. Denn die Vorstellung, die Tage einsam im Hotelzimmer zu verbringen, während um mich herum der Bär tanzt, ist unerträglich.

Dies habe ich übrigens auch schon erlebt. Nachdem ich über zwölf Monate (ohne einen einzigen Krankheitstag) durchgearbeitet hatte, wollte ich mir vor ein paar Jahren etwas Besonderes gönnen. Von Marbella habe ich nichts gesehen. Dafür schloss ich Bekanntschaft mit einem netten Arzt, der mich täglich besuchte und mich schliesslich wegen einer schweren Grippe ins Spital einweisen wollte.

Aus Entspannung wird Stress

Warum aber wird man in den Ferien krank? Vor allem Menschen, die arbeitsmässig ein hohes Pensum haben und am oberen Level laufen, sind davon betroffen. Holländische Psychologen um Ad Vingerhoets von der Tilburg University haben dieses Krankheitsphänomen in ihrer Studie «Leisure Sickness» genauer untersucht und sind zu diesem Resultat gekommen: Der Körper mancher Menschen hat sich im Lauf der Zeit an die Daueranspannung und damit an einen stetig hohen Adrenalinspiegel gewöhnt. Das führt dazu, dass das Immunsystem auf Hochtouren arbeitet. Diese Menschen empfinden Leerlauf und Entspannung als Stress. Und unter chronischem Stress verändert sich das Immunsystem. Es wird anfälliger für bakterielle und virale Infekte, Entzündungen und Autoimmunerkrankungen.

Und es ist ja nicht so, dass wir, wenn wir arbeiten, immer topfit sind. Allfällige Beschwerden werden dann oft unterdrückt oder durch Stress überdeckt. Wenn wir aber in den Ferien sind, fallen Spannung und Druck ab, Körper und Psyche melden sich. Und es kann einen sogar noch weitaus schlimmer treffen: Gerade in den ersten Tagen ist das Risiko für Herzinfarkte, aber auch andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich erhöht im Vergleich zu den anderen Tagen der Ferien. Laut Manfred Schedlowski, Professor am Institut für medizinische Psychologie des Universitätsklinikums in Essen, ist der Stress in den Tagen vor den Ferien eine der Hauptursachen für Krankheiten in den ersten Ferientagen.

Wie kommt man von 100 auf 0?

Doch was kann man gegen die Leisure Sickness tun? Wichtig ist es, nicht bis im letzten Moment bei der Arbeit Vollgas zu geben oder sogar noch vorzuarbeiten. Allerdings verträgt es auch nicht jeder, von 100 auf 0 zu schalten. Daher macht es Sinn, in den ersten Tagen der Ferien noch einen gewissen Rhythmus beizubehalten, und nicht alle Beschäftigungen auf Eis zu legen. So umgeht man auch die Gefahr, in ungewohnt langen Ruhephasen plötzlich die grosse Leere zu spüren.

Ich habe in meiner zweiten Ferienwoche jedenfalls meine To-do-Liste runtergefahren. Weniger «Pflichten» und mehr Spass. Und für meine nächsten Ferien gilt: Nicht bis im letzten Moment arbeiten, loslassen und endlich erkennen: Der Laden läuft auch ohne mich.