Wie merke ich, ob der Orgasmus vorgespielt ist?

Nicht was es scheint: Bis zu 60 Prozent aller Frauen täuschen Orgasmen vor. Foto: Raisa Durandi, Zürich

Nicht, was es scheint: Bis zu 60 Prozent aller Frauen täuschen bisweilen ihren Partner. Foto: Raisa Durandi

Wie kann ich sicher sein, dass mich eine Dame beim Sex nicht täuscht?

Eigentlich schade, wenn es so weit kommt, dass man dem Gegenüber etwas vorspielen muss – gerade wenn es sich um ein solch intimes und potenziell erfüllendes Ereignis wie den Liebesakt handelt. Doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Laut Studien geben 50 bis 60 Prozent der Frauen an, ab und an einen Orgasmus vorzutäuschen, wobei die Gründe hierfür vielfältig sind (etwa, um dem Mann ein gutes Gefühl zu geben oder die eigene Unsicherheit zu überspielen).

Übrigens berichten auch 18 Prozent der Männer davon, gerne mal auf ein Täuschungsmanöver auszuweichen. Frauen, genau wie Männer, unterscheiden sich nicht nur in der Intensität und Erlebnistiefe, mit der sie einen Orgasmus erfahren, sondern auch darin, welche spezifischen Verhaltensreaktionen sie zeigen. Physiologisch gesehen läuft der Orgasmus jedoch bei allen Frauen mehr oder minder ähnlich ab. In den 60er-Jahren entwickelte das Forscherteam Masters und Johnson den sexuellen Reaktionszyklus, in dem es die live im Labor beobachtete sexuelle Reaktion des Menschen in vier Phasen teilte. Dabei ist jede dieser Phasen durch bestimmte körperliche Veränderungen gekennzeichnet.

Rote Flecken beim Sex-Flush

Dabei stellt die dritte Phase den Orgasmus dar, bei dem die Durchblutung der Geschlechtsorgane den Höchstwert erreicht und die Muskeln und Nerven maximal angespannt sind. Gleichzeitig kommt es zu unwillkürlichen rhythmischen Muskelkontraktionen des Genitalbereichs, die der Entladung der sexuellen Spannung dienen. Auch die Gebärmutter zieht sich rhythmisch zusammen, ebenso der Schliessmuskel des Pos. Dies geht einher mit der Steigerung des Herzschlags, des Blutdrucks und der Atemtätigkeit. Neben den körperlichen Reaktionen äussert sich der Orgasmus im Wahrnehmen einer Art Ekstase und im Gefühl des Überwältigtseins.

Was die Verhaltensreaktionen angeht, so sind diese – wie bereits erwähnt – sehr individuell. Einige Frauen sind beim Orgasmus laut und schreien die halbe Nachbarschaft zusammen, anderen muss man einen Spiegel unter die Nase halten, um sicherzugehen, dass da noch Blut in den Adern fliesst. Einige zittern, vibrieren, andere verfallen in eine Art Starre und können sich kaum mehr bewegen. Man kann sich also nie wirklich sicher sein; so was wie absolut sichere Indikatoren gibt es nicht. Klar, die Atemfrequenz steigt und mit zunehmender Lust kommt es meist – muss aber nicht – zu verstärkter Feuchtigkeit. Einige zeigen einen sogenannten Sex-Flush, bei dem es an Körper und Gesicht aufgrund der verstärkten Durchblutung zu roten Stellen kommt.

Vorsicht bei harmonischer Gesichtsakrobatik!

Es gibt aber auch mögliche Kontra-Indikatoren. Ist die Gesichtsakrobatik während des Orgasmus zu harmonisch und geschneidert, lässt dies schon mal Zweifel an der Echtheit der Leidenschaft aufkommen. Genauso wie wenn die Frau, kaum berührt, schon in absolute Ekstase verfällt. Statt sich während des Sexualakts jedoch auf solch mögliche Hinweise zu versteifen, würde ich, um Transparenz zu schaffen, die Partnerin direkt darauf ansprechen. Sagen sie ihr, dass Ihnen ihre sexuelle Befriedigung wichtig ist und Sie gegebenenfalls gerne eine «Anleitung» für das ganz individuelle «Erfolgsrezept» hätten.

Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet einmal wöchentlich eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf sexologisch@tages-anzeiger.ch.