11 Tipps fürs gepflegte Nichtstun

Einfach mal Faulsein und die Gedanken schweifen lassen – wie diese Frau am Zürichsee. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Einfach mal faul sein und die Gedanken schweifen lassen – zum Beispiel am Zürichsee. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Ich neige zu einem gewissen Aktionismus. Das äussert sich beispielsweise darin, dass ich selbst in den Ferien Mühe habe, mal gar nichts zu machen. Liege ich dann für längere Zeit auf der faulen Haut, packt mich schnell das schlechte Gewissen, und ich überlege mir, was ich «Sinnvolles» tun könnte. Damit nerve ich nicht nur meine Umgebung, die nicht versteht, warum ich so schlecht loslassen kann, sondern ich ärgere mich auch selber über mich, denn ich habe selten das Gefühl, wirklich tiefenentspannt zu sein.

Ich liebe Herausforderungen, und positiver Stress erhöht bekanntlich die Aufmerksamkeit und fördert die maximale Leistungsfähigkeit des Körpers. Nun lassen sich positiver und negativer Stress leider nicht immer klar trennen. Darum habe ich mich vor einigen Wochen entschlossen, ganz bewusst regelmässige Pausen im Alltag einzulegen, in denen ich wenig bis nichts mache oder mich nur auf eine Sache konzentriere, die viel mit Musse, aber nichts mit Arbeit zu tun hat. Natürlich gelingt mir das nicht immer. In unserer Leistungsgesellschaft gelten Leute, die dem gepflegten Nichtstun frönen, schnell mal als faul. Und wer will das schon sein? Dabei hat die Hirnforschung herausgefunden, dass bestimmte Areale unseres Gehirns besonders fleissig sind, wenn wir eben nichts tun. Kreativität geht nicht immer mit Aktivität einher.

Das Resümee meiner «faulen Zeit»: Es ist extrem schwierig, loszulassen, vor allem wenn alles um einen herum auf Hochtouren läuft. Sich dann zurückzuziehen und zu sagen: «Nö, ich bin nicht dabei» braucht Überwindung. Ich darf mich auch nicht unter Druck setzen nach dem Motto: So jetzt entspanne ich! Denn das bewirkt bei mir genau das Gegenteil: Ich werde nervös. Es ist wohl das gleiche Problem, wie wenn man sich zum Beispiel Chips oder Schokolade verbietet – man denkt dann die ganze Zeit daran. Am besten gelingt mir das Nichtstun, wenn ich es ganz locker in meinen Alltag einbaue. Es soll ja Fachleute geben, die sagen, man solle sich Entspannungszeiten genauso wie berufliche Termine in die Agenda eintragen, aber das hat bei mir nicht geklappt. Genauso wenig wie Sex nach Fahrplan. Zu viel Druck.

Meine 11 Tricks, damit das Nichtstun im Alltag gelingt

1. Tagträumen

Am schönsten vor dem Aufstehen. Statt als Erstes online zu gehen, bleibe ich gemütlich liegen und lasse meine Gedanken schweifen. Ich bemühe mich, nicht an allfällige Pflichten zu denken, sondern die Momente im kuscheligen Bett ganz bewusst zu geniessen. Oft kommen mir dann im Dämmerzustand die besten Ideen. Den Kaffee im Bett, ohne Laptop, geniesse ich doppelt.

2. Atmen

In Stresssituationen habe ich oft das Gefühl, nicht durchatmen zu können. Und je mehr ich dann versuche, tiefer einzuatmen, desto mehr verkrampfe ich mich. Ich fläze mich also in einen bequemen Sessel oder aufs Sofa und lege beide Hände auf meinen Bauch. Dann beobachte ich, wie sich dieser hebt und senkt und denke dabei: «Es atmet mich.» Das mag ziemlich seltsam klingen, funktioniert aber, weil ich sämtliche Kontrolle abgebe und mich nur auf meinen Atem konzentriere.

3. Autogenes Training (AT)

Für mich das beste Entspannungsmittel. Autogenes Training ist ein auf Autosuggestion basierendes Entspannungsverfahren. Ich habe diese Übungen vor vielen Jahren gelernt, als ich unter Panikattacken gelitten habe. Eine Zeit lang habe ich sie sehr diszipliniert gemacht und dann wieder vergessen. Wie so vieles, mit dem man aufhört, wenn es einem wieder besser geht. Seit einigen Wochen mache ich jetzt wieder AT vor dem Einschlafen, und pfuse danach wie ein Herrgöttli. (AT wird in vielen Kursen überall angeboten.)

4. Zugfahren

Eine Zugfahrt (natürlich nicht in den Stosszeiten!), vor allem auf längeren Strecken, hat für mich etwas extrem Beruhigendes. Ich mache dann einfach nichts, und schaue der vorbeiflitzenden Landschaft zu.

5. Nassmachen

Wasser hatte für mich schon immer etwas Beruhigendes, egal ob ich schwimme oder zu Hause in der Badewanne liege – es versetzt mich schnell in einen schwerelosen Zustand. Wenn ich abends dusche, stelle ich mir vor, wie ich den Alltag abspüle. Danach fühle ich mich innerlich und äusserlich gereinigt.

6. Ausschalten

Ich mag es nicht, wenn es in der Wohnung ganz still ist. Dachte ich jedenfalls bis vor kurzem. Jetzt verzichte ich an gewissen Abenden total auf eine Geräuschkulisse. Eine Zeit ohne jegliches Gedudel und natürlich ohne Smartphone, Fernsehen und Computer empfinde ich nun als extrem entspannend. Gelingt mir allerdings nur an ein bis zwei Abenden pro Monat.

7. In sich hineinhören

Man kann es nennen, wie man es will. Es geht dabei um eine ruhige Innenschau, einen stillen Dialog mit sich selber oder einem geliebten Menschen, der vielleicht auch schon verstorben ist, zu führen. Bevor ich einschlafe, spreche ich in Gedanken ein kleines Nachtgebet, das ich seit meinen Kindertagen kenne. Dann fühle ich mich geborgen.

8. Tierische Freuden

Manchmal, wenn ich meine Hunde Louis und Millie streichle und kraule, vergesse ich Raum und Zeit. Wenn ich beobachte, wie sie dies entspannt geniessen und in völliger Zeitlosigkeit leben, beneide ich sie ein bisschen. Bekannt ist aus zahlreichen Studien ja auch, dass das Streicheln und sogar nur das Betrachten von Tieren eine entspannende Wirkung hat. Menschen, die regelmässig Umgang mit Tieren haben, werden als glücklicher wahrgenommen.

9. Anspannungen loslassen

Bin ich ängstlich oder nervös, spanne ich automatisch meine Muskeln an. Am schlimmsten war das immer beim Fliegen. In einem Kurs gegen Flugangst habe ich gelernt, zu entspannen, indem ich bewusst Muskelpartien loslasse, von den Füssen über Waden, Bauch, Schultergürtel bis hinauf zum Gesicht. Dieses Loslassen lindert Ängste und beruhigt ungemein, auch wenn man nicht im Flugzeug sitzt.

10. Grün tut gut

Eigentlich bin ich eine Stubenhockerin, nicht besonders sportlich also. Doch manchmal packt es mich, und ich brauche meine Portion Grün. An einem schönen Sommermorgen oder Abend durch den Wald zu gehen und meinen Gedanken nachzuhängen, ist Balsam für meine Psyche. Andere brauchen für diesen Effekt eine Stunde Joggen, bei mir werden die Wohlfühlhormone schon bei einem kurzen Spaziergang angeregt. Apropos Grün: einen ähnlichen Effekt hat übrigens für mich auch das Hegen und Pflegen von Pflanzen auf meiner kleinen Terrasse.

11. Bewusst geniessen

Wer nicht geniesst, der wird ungeniessbar. Musse und Genuss gehören für mich untrennbar zusammen: egal, ob es sich dabei um ein Glas feinen Wein, ein gutes Essen oder eine wohltuende Massage handelt. Einfach im Moment zu bleiben und diesen mit allen Sinnen zu geniessen, ist wunderbar entspannend.

 

5 Kommentare zu «11 Tipps fürs gepflegte Nichtstun»

  • Lori Ott sagt:

    Das Problem hatte auch Mani Matter in seinem Lied „lob vor fuulheit“ beschrieben, das mit folgender Strophe endet:

    jitz mues i aber hurti höre
    ds lob vo dr fuulheit hie z’beschwöre
    i ha’s scho jitz um d’wirkig bracht
    dir gloubet mir ja gwüss ke zyle
    wil i ja sälber mittlerwyle
    es sibeströphigs lied ha gmacht

  • edith schmidt sagt:

    üben hilft leider… meine erfahrung! loslassen, gelassen sehen und atmen was kommt, ist nicht einfach.. grandios entspannen ist fast schon moderner sport.. spirit nach anwendungsformular.. schwierig… aber eben üben sollte man, denn wenn mal erlernt oder besser erprobt und auch das resultat genussvoll! erkannt hat, dann ist man gerne mal unkonzentriert und faul.. ein zustand der neue energien freisetzt und auch! gedanken brauchen ferien! ! lasst uns das relaxen üben! kommt gut! edith

  • Sandra sagt:

    Das finde ich jetzt wirklich nützlich. Zuerst dachte ich; jetzt muss man den Leuten sogar noch erklären, wie entspannen geht. Aber einige Tipps sind wirklich gut und auch überraschend. Und Herzig 😉

  • Gerber sagt:

    Sehr gute Tipps. Nichts Neues, aber sehr wertvoll!

  • Beat sagt:

    Dankeschön. Allein zu Wissen, dass es anderen oft ähnlich geht, tut gut. Die eine oder andere Idee werde ich bei Gelegenheit auch mal versuchen.

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