Lang lebe die Leidenschaft

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Liebe wie im Kino ist eine Seltenheit, Leidenschaft, die über die Jahre andauert, noch seltener. Screenshot: «The Notebook», New Line Cinema

Am Anfang einer Beziehung kann man sich kaum vorstellen, dass die Anziehungskraft des Partners einmal nachlassen könnte. Man ist verrückt nach dem Körper des anderen, seiner Haut, seinem Duft. Kurz: Man könnte ihn vor lauter Lust auffressen. Doch die Realität zeigt: Spätestens nach vier Jahren Zweisamkeit strebt die Libido dem Tiefpunkt entgegen. Und die für die Leidenschaft zuständigen Hormone Dopamin und Oxytocin machen sich rar oder verflüchtigen sich gar.

Die Ratschläge, wie man die Lust am Leben erhalten kann, sind zahlreich: Einen gewissen Abstand halten, denn ein Zuviel an Nähe und Vertrautheit killt bekanntlich die Lust. Kein gemeinsames Schlafzimmer, eine offene Beziehung führen, regelmässiger Sex, auch wenn man keine Lust hat, Tantra, Paartherapien und vieles mehr. Allerdings: Rezepte gibt es nicht, wenn es um die Leidenschaft geht, denn jedes Paar hat seine eigene Geschichte, und manchmal ist eine bleibende, starke körperliche Anziehung auch ein Geschenk der Natur.

Ich erinnere mich da an ein Paar aus meinem Freundeskreis. Nennen wir sie Brigitte und Rolf. Brigitte erzählte gerne und in den schönsten Ausführungen, dass sie auch nach jahrelangem Zusammenleben noch immer beinahe täglich Sex hatte. Ihr Antrieb: regelmässiges Streiten. Brigitte erklärte das so: Durch Konflikte im Alltag würde bei ihr und ihrem Mann eine Spannung aufgebaut, die dann im Bett explodieren würde.

Der Freundeskreis nahm diese Offenbarung mit gemischten Gefühlen auf: Ungläubigkeit, Neugierde, Neid schwangen mit, wenn Brigitte von ihrem abwechslungsreichen Liebesleben erzählte. Und die meisten waren wohl der Meinung, dass sie sich einfach ein bisschen wichtig machen wollte. Doch die Jahre gaben den beiden recht. Inzwischen sind Brigitte und Rolf seit 28 Jahren ein Paar. Und gestritten wird zwar immer noch, aber nicht mehr so heftig und unversöhnlich wie in jüngeren Jahren. Und wenn ich die beiden heute treffe, ist die gegenseitige Anziehungskraft immer noch spürbar. Immer wieder berühren sie einander, werfen sich tiefe Blicke zu. Aus der Leidenschaft scheint eine tiefe Zärtlichkeit geworden zu sein.

Was aber tun, wenn man kein Streithansel ist und keine Lust auf regelmässige Versöhnung zwischen den Laken hat? Was übrigens auch so ein Mythos ist. Es mag zwar Leute geben, die ein aggressiver Umgang antörnt, viele aber fühlen sich durch Meinungsverschiedenheiten und Konflikte verletzt. Und ist man wütend auf den Partner, wird auch der Sex oft als schlechter empfunden.

Ist es nun aber möglich, Lustgefühle auch über lange Jahre aufrechtzuerhalten? Vergebene Liebesmüh, sagt die Wissenschaft. Spätestens nach vier bis fünf Jahren gehe die Erotik des Alltags verloren. Und die Forscher der Ludwig-Maximilian-Universität in München haben noch schlechtere Nachrichten: In einer Studie mit 3000 Menschen zwischen 25 und 41 Jahren wurde festgestellt, dass die sexuelle Zufriedenheit der Befragten bereits nach einem Jahr stark abnahm. Im weiteren Verlauf der Beziehung wurde die Libido immer schwächer, wie das Fachjournal «Archives of Sexual Behavior» berichtete.

Ein spannendes Detail: Kinder haben keinen negativen Einfluss auf den Befriedigungslevel. Die Studienautorin Claudia Schmiedeberg sagte gegenüber dem österreichischen Magazin «Woman»: «Das ist bemerkenswert. Wenn ein Paar Kinder hat, nahm zwar die Häufigkeit des Sex ab – aber es gab keine Korrelation mit der Zufriedenheit über das Liebesspiel.» Und für jene, die trotz fehlendem Sex in einer festen Beziehung bleiben wollen, hat Schmiedeberg einen Trost: «Der sexuelle Peak findet zwar im ersten Jahr statt, aber das bedeutet nicht, dass die Beziehung generell schlechter wird. Sie verändert sich nur.»

Die Leidenschaft wird, im besten Falle, durch Vertrautheit, Freundschaft und Intimität abgelöst. Und durch gelegentlichen Sex. Im schlechteren Fall führt die «tote Hose» in eine Trennung. Bis das Ganze wieder von vorne anfängt. Und, das ist ja das Schöne am Verliebtsein: Kaum tanzen die Hormone wieder, könnte man schwören, es sei für immer.

28 Kommentare zu «Lang lebe die Leidenschaft»

  • Felicitas Beck sagt:

    Man darf sich von irgendwelchen ForscherInnen und Forschern nicht für dumm verkaufen lassen. Leidenschaft entsteht im Kopf und wer nicht darauf gefallen ist, der/die wird auch noch nach Jahren Beziehung in der Lage sein das Feuer zu entfachen, das der Leidenschaft Vorschub leistet. Und wer glaubt, Leidenschaft sei etwas Alltägliches, der glaubt auch an die perfekte Beziehung.

  • Eduardo sagt:

    Für die meisten der oben angesprochenen Pseudoprobleme würden sich die vielen Alleinstehenden herzlich bedanken.

  • Marcel Zufferey sagt:

    Kommt vielleicht noch erschwerend hinzu, dass wir Schweizer nicht gerade der Inbegriff von Leidenschaftlichkeit im Sinne von Kontrollverlust sind, ganz im Gegenteil. Wir haben unser Leben gerne im Griff, sprechen, wenn wir neue Menschen treffen, hauptsächlich über unsere wirtschaftliche Funktionalität (Beruf, Arbeit) und tun uns eher schwer mit Spontanität, die wirklich von Herzen kommt. Nein, speziell emotional sind wir nicht, darüber kann auch der Besuch vom Caliente-Festival in Züri nicht hinweg täuschen, wo wir, oder zumindest einige von uns, jeweils den ganz heissen Latin Feger raus hängen. We’re business people, die praktisch sämtliche Lebensbelange in schon fast beängstigender Manier rational und vor allem stets vernünftig abhandeln. Aus diesen Zutaten kann keine Hitze entstehen!

    • Fabian sagt:

      Eine kubanische Freundin hat 7 Geschwister. Alle vom selben Vater, aber 7 verschiedenen Müttern. Hier würden wir das hemmungslos herumvö..ln nennen. Oder heisser Latin Feger, je nach Perspektive.

  • Sina Müller sagt:

    Ich mag es nicht sonderlich, wenn die Verliebtheits-Hormone schwirren, drum stresst es mich nicht im geringsten, dass wir durch diese Phase schon lange durch sind – im Gegenteil, ich war erleichtert, als sich endlich die Vertrautheitsphase eingestellt hat. Aber was die Leidenschaft angeht, also ich finde, da durchläuft man sowohl persönlich als auch in einer Beziehung Wellen – ich habe nicht den Eindruck, dass die Leidenschaft in den ersten Monaten grösser war als jetzt, dafür kann sie aber auch jetzt, nach über 10 Jahren, nach wie vor wieder aufflackern. Und zum Glück hat man zwischendurch auch mal Ruhe davor, das wäre ja unglaublich anstrengend…

  • Diego sagt:

    Ich kenne niemanden mit Kindern, der zufrieden ist mit seinem Sexleben.
    Wenn Frauen mit Kindern erzählen, bei ihnen wäre sexuell alles i.O., sollte man den Mann auch noch nach seiner Meinung fragen…

    • Sina Müller sagt:

      Wie bereits unten erwähnt: in meinem Freundeskreis sieht es bei denen ohne Kinder sogar noch schlimmer aus als bei denen mit… Und die haben noch nicht mal eine „Entschuldigung“/Erklärung dafür…

  • Christ sagt:

    Hurra, ich leide mit voller Leidenschaft unter dem Geschenk der Natur! Was gibt es herrlicheres als eine ehrliche authentische Frau, welche mir die 2 tollsten Söhne gebahr und wir heute 14 Jahre Ehe feiern. Ab und zu einen angeregten Krach auf akzeptablem Niveau kann ja mal vorkommen, aber ihr Duft da ist für mich immer noch ungeschlagen und und und ….

  • Bettina sagt:

    Ich weiss ja nicht was diese Kampagne, welche in letzter Zeit in dieser Zeitung und anderen Medien für einen Zweck verfolgt. Da wird ununterbrochen sugeriert, dass es völlig normal sei, wenn man nach (nur) 4 Jahren die Lust am Partner verliert. Seitensprungseiten werden gepusht und die Menschen, welche fremdgehen sind die Normalen! Was soll denn das? Wahre Liebe besteht aus anderen Werten als nur Sex. Und dijenigen welche eine offene Beziehungen führen, ich kenne das aus Erfahrung: einer leidet immer dabei und früher oder später zerbricht die Beziehung daran.

    • Pati sagt:

      Ich finde solche Artikel eher beruhigend als zum Seitensprung anregend. Im Sinne von „ich bin völlig normal, es geht andern auch so“. Das nimmt doch den Druck von der Vorstellung eines Sexlebens mit 5 mal Sex pro Woche. Abgesehen davon, für uns Frauen ist doch der Wunsch nach Sex in langjährigen Beziehungen meist geringer als beim Mann. Für meinen Mann auf jeden Fall ist es immernoch sehr schwer zu akzeptieren, dass es nicht mehr so läuft wie in der ersten Verliebtheitsphase und er macht sich noch viel häufiger Gedanken, dass einfach nur mit uns etwas nicht stimmt und der Rest der Welt täglich mehrmals Sex hat. Auch daher bin ich froh um solche Studien!
      Und zu guter Letzt bezüglich Fremdgehen: was ich/er nicht weiss, macht ihn/mich nicht heiss!

  • Hotel Papa sagt:

    When the glamour wears off, or merely works a bit thin, they think they have made a mistake, and that the real soul-mate is still to find. . . And of course they are as a rule quite right: they did make a mistake. Only a very wise man at the end of his life could make a sound judgment concerning whom, amongst the total chances, he ought most profitably to have married! Nearly all marriages, even happy ones, are mistakes: in the sense that almost certainly (in a more perfect world, or even with a little more care in this very imperfect one) both partners might have found more suitable mates. But the ‚real soul-mate‘ is the one you are actually married to.
    J.R.R. Tolkien

    • Carolina sagt:

      It helps immensely if the supposed ’soul mates‘ are both adults and not victims of expectations the other can never fulfill…..
      🙂

  • marusca sagt:

    Solche Brigitten und Rolfe, die „begeistert“ über ihr Liebesleben schwadronieren gibt es zuhauf; es sind nämlich genau diejenigen, die mit grosser Wahrscheinlichkeit gar nichts erleben ausser gähnende Lehre. Das Liebesleben zweier Menschen ist für mich sowieso immer noch eine sehr intime Angelegenheit, die nur die beiden, bestimmt aber nicht Hinz und Kunz etwas angeht. Und ehrlich gesagt, mich interessiert es nicht im Mindesten, zu vernehmen, was andere, wann und wie oft im Bett anstellen.

    • marusca sagt:

      Sorry, ich weiss – es hätte Leere heissen müssen.

    • Peter sagt:

      Marusca, in jeder Freundinnen- (und etwas weniger: Freundes-) Runde wird übers Sexleben gesprochen. Nicht in Details, aber doch ob überhaupt noch was läuft oder nicht (Und meiner Erfahrung nach, was ich so höre und mitbekomme, hat ein grosser Teil der Paare mit jungen Kinder nur mehr selten bis wenig Sex). Es ist völlig legitim, darüber mit Freunden zu sprechen.

  • edith schmidt sagt:

    Jung und fleissig frischverliebt, mit leidenschaftlichem liebeskummer, diesen dann zu hause, bei meiner familie auslassend , herumtobte, ich sei leidenschaftlich entliebt und mich ärgerte, dass die ganz grossen gefühle bereits wieder vorbei waren, da sagte meine mutter zu mir: das wort leidenschaft sage ja geradezu das, was es verursache! also leidenschaft : schafft leiden! so oder so, ob er sich entliebt hatte oder ich, es stimmte! beide leiden.. denn auch wut ist leiden oder sich ausklinken ist leiden. was mir aber wirklich enorm wichtig erscheint für eine lange beziehung, ist vertrauen und ein sich auf den anderen verlassen können! ganz sicher gehört dazu ein genussvolles, körperliches miteinanderumgehen. liebe ist wenn man nie vergisst das der andere erfrischend anders ist. edith

    • marie sagt:

      ja, leidenschaft schafft leiden. da ist so. und genau da ist der hase begraben: es ist genau diese einsicht und erkenntnis, die es braucht, um die leidenschaft am leben zu erhalten, dass es eben das eigene leiden, so wie die des anderen schaffen kann. das geht gerne unter im hormonrausch. und dann tut es weh, so richtig weh und das unter umständen für sehr lange zeit. und manchmal büssen dann sogar untbeteiligte. eines der stärksten, der unbeschreiblich schönsten, berauschendsten aber auch entsprechend gefährlichsten gefühle, die es überhaupt gibt.
      ich freue mich auf den nächsten rausch, aber habe ebenso grössten respekt davor.
      einen wunderschönen sonntag allerseits!

  • Markus L. sagt:

    Ich bin Single, und treffe einmal die Woche eine Frau, welche in einer Familie mit Mann und Kindern lebt. Es gibt immer eine Weg, um leidenschaftlichen Sex zu haben.

    • Simon S. sagt:

      …einfach nur eklig ein solches Verhalten…von beiden Seiten!

      • Dieter Neth sagt:

        Einmal pro Woche? Lohnt doch kaum der Mühe, auch wenn es noch so leidenschaftlich sein sollte! Aber egal. Nirgends wird sooft gelogen wie beim Quatschen über Sex. Vielleicht nur noch in Umfragen über Sex. Ich könnte hier gar keine Daten liefern. Wir haben leider nicht Tagebuch geführt über wie oft, wieviel Leidenschaft drin war und wie toll es jetzt dieses Mal gewesen ist. (Skala 1-10). Aber die Kinder haben uns nicht gestört, soviel glaube ich noch zu wissen. Aber jetzt, so mit 50, schafft man die frühere Kadenz definitiv nicht mehr, da hilft auch neues Verliebtsein nichts.

      • Beatrice sagt:

        @Dieter, echt jetzt? mein partner war, als ich ihn kennenlernte, knapp 50. wir hatten in der verliebtheitsphase jede freie minute sex, auch mehrmals pro tag, die nacht durch (also mehrmals hintereinander). die extreme geilheit ist nach 5 jahren nicht mehr so extreme aber nur so zum sagen: auch mit 50 geht noch die post ab wenns passt! ich selber bin manchmal etwas unglücklich darüber, dass nach 5 jahren der turbosex einer anderem stadium der liebe weicht. ich schätze die vertrautheit, die tiefe verbundenheit, emotionale sicherheit etc. aber ich bin ein sehr leidenschaftlicher mensch mit einer enormen sexuellen energie und von mir aus könnte es täglich sex geben auch wenn mir bewusst ist, dass dann die gefahr gross ist, dass es mehr ein rein-raus ist als wirklich guter sex mit tiefgang

    • Daniel Hauser sagt:

      Das einzige, was hilft: sich regelmässig auswärts austoben.

      • Beatrice sagt:

        @Daniel,

        ohje, bemitleidenswert.

        deine lust mag ja kurzzeitig befriedigt sein aber das kanns auf dauer ja nicht sein, oder?

        ich moechte ja nicht einfach voegeln sondern moechte liebe machen mit einem mann, den ich von herzen liebe.

        wenn ich lust habe, mein mann aber nicht, dann tobe ich mich nicht einfach mit einem anderen aus, sondern machs halt selber.

        wenn es aber ein dauerproblem sein sollte, dass du nicht auf deine kosten kommst bei deiner frau, dann wuerde ich mal generell ueberlegen ob du so weiterleben willst! lieber eine trennung als lebenslang betruegen und fremdgehen.

      • Carolina sagt:

        Immer diese ‚guten‘ Ratschläge von Leuten, die ihre eigene Lebenswirklichkeit für die einzig erstrebenswerte halten! Vielleicht hat ein Daniel eine ansonsten gute Ehe, die er nicht aufs Spiel setzen will? Vielleicht gibt es da eine Krankheit, veränderte Prioritäten oder generell eine andere Haltung zum Thema. Wenn ich etwas gelernt habe, dann das: Paare sind unterschiedlich, das Bild, das sie nach aussen vermitteln, relativ nichtssagend. Sex ohne Liebe UND auch Liebe ohne Sex sind für viele Realität und niemand zwingt sie dazu.

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