«Männer leiden stärker unter Liebeskummer als Frauen»

Nicht nur «der grosse Gatsby» (Leonardo DiCaprio) trauert seiner Liebe Daisy nach, auch viele andere Männer tun sich mit Trennungen schwer. Foto: Warner Brothers

Nicht nur «der grosse Gatsby» (Leonardo DiCaprio) trauert seiner Liebe Daisy nach, auch viele andere Männer tun sich mit Trennungen schwer. Foto: Warner Brothers

Herr Seidler, Sie haben zwei Jahre lang an der Studie «Traumatische Trennungen von Liebesbeziehungen» gearbeitet. Normalerweise behandeln Sie Kriegs- und Erdbebenopfer oder Soldaten mit Traumata. Wie passt jetzt Liebeskummer dazu?
Schwerer Liebeskummer ist vergleichbar mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Und so kamen in meine Ambulanz immer wieder Menschen, die furchtbar litten. Sie konnten nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, nicht mehr arbeiten. Der Kummer frass sie richtiggehend auf.

Liebeskummer wird ja oft belächelt, und jene, die unter ihm leiden, werden oft mit Floskeln wie «Andere Mütter haben auch hübsche Töchter» oder «Du bist doch besser dran ohne ihn» verharmlost. Sie aber reden von «traumatischen Erfahrungen».
Das Wort Liebeskummer wird dem, was vielen Menschen widerfährt, nicht mal in den Ansätzen gerecht. Für viele ist eine Trennung ein regelrechtes Vernichtungserlebnis. Gestandene Frauen und Männer leiden so, dass sie unfähig sind, ihren Alltag zu bewältigen. Sie verlieren ihren Job, ihre Wohnung und können sogar obdachlos werden.

Wie kamen Sie zu Ihren Studienergebnissen?
Wir stellten einen Fragebogen ins Internet. Innert einer Woche hatten wir 700 vollständige Datensätze, viele von Männern ausgefüllt. Liebeskummer scheint ein Riesenthema zu sein.

Der Psychiater und Psychoanalytiker Günter H. Seidler leitete die Traumaambulanz der Universität Heidelberg und ist Experte für Liebeskummer.

Der Psychiater Günter H. Seidler leitete die Traumaambulanz der Universität Heidelberg und ist Experte für Liebeskummer.

Gehen Frauen und Männer anders mit schwerem Liebeskummer um?
Männer sind gefühlsduseliger. Mit einer Trennung fertigzuwerden, fällt ihnen oft schwerer, weil ihnen, gesellschaftlich gesehen, das Leiden nicht zugestanden wird. Vor allem die «harten Hunde» leiden sehr. Frauen konnten sich schon evolutionär den Kummer nicht erlauben. Wenn ihre Partner verunglückten, waren sie oft noch im gebärfreudigen Alter und mussten sich neu orientieren. Und sonst gab es noch die Alternative Kloster.

Immer wieder erlebt man, dass Frauen nach Trennungen länger allein bleiben, sich also viel mehr Zeit lassen, eine neue Beziehung einzugehen.
Ja, das bestätigt nur die Theorie, dass Männer den Schmerz nicht verarbeiten, sondern sich oft in eine neue Beziehung flüchten.

Gibt es einen gemeinsamen Nenner von leidenden Frauen und Männern?
Ja, viele erlebten in der Kindheit traumatische Ereignisse, Trennungen oder Todesfälle.

Sie behaupten, nicht nur der Charakter einer Person sei dafür verantwortlich, wie sie leide, sondern auch der Charakter des Partners, dem sie hinterhertrauere.
Wir haben das, vor allem auch bei Männern, immer wieder gesehen. Sie litten am meisten, wenn ihre Partnerin «seelisch anschmiegsam» war. Solche Frauen füllen viele Lücken, verfügen über wenig Eigenständigkeit. Man kann in sie «hineinschlüpfen» wie in einen Handschuh und alle Sehnsüchte hineinlegen. Im Grunde wirken sie wie eine Droge. Nach einer Trennung von einer solchen Partnerin reagierten viele Männer selbstdestruktiv, viele wurden zu Alkoholikern.

Muss Trauer immer therapeutisch behandelt werden?
Nein, denn Tränen sind keine Krankheit. Das Problem ist: Heute dürfen schlimme Gefühle einfach nicht mehr stattfinden, der Mensch muss funktionieren. Das sogenannt Böse und Schlechte wird in der heutigen Gesellschaft verdrängt, darum verzweifeln auch so viele, weil sie den Schmerz nicht leben dürfen. Natürlich gibt es schwere Fälle, die eine therapeutische Behandlung brauchen. Aber vielfach ist Psychotherapie eine reine Illusionspflege.

Apropos Illusion, was halten Sie von dem Satz «Lass uns Freunde bleiben»?
Nicht viel. Vielleicht kann man das Jahre später. Aber will man das noch? In stark idealisierten Beziehungen ist es so, als würde man einem Alkoholiker immer wieder Schnaps hinstellen. Eine endlose Qual.