«Biofleisch ist nicht gesünder als konventionelles Fleisch»

Bernerplatte: (Keystone/Martin Ruetschi)

Ungesunde kulinarische Ausnahme: Metzgete. (Keystone/Martin Ruetschi)

Interview mit Michael Ristow, Arzt und Professor für Energiestoffwechsel an der ETH Zürich*.

Herr Professor Ristow, ich war gestern an einer Metzgete. War das für mich gesundheitsschädigend?

Wurstwaren, gepökeltes Fleisch sind sehr nitrithaltig, das ist noch ungünstiger als rotes Fleisch. Aber wenn das gelegentlich passiert, dann fällt das nicht ins Gewicht. Einzelne Aktivitäten wie diese haben da keinen messbaren Einfluss. Es ist alles eine Frage der Menge. Und ja, auch ich gehe hin und wieder an eine Metzgete.

Wie häufig essen Sie Fleisch?

Ich esse wenig Fleisch, im Durchschnitt nur einmal pro Woche. Ich mache das so selten, weil Fleisch verglichen mit anderen Lebensmitteln eher ungesund ist.

Die Schweizer essen durchschnittlich 53 Kilo Fleisch pro Jahr. Die WHO empfiehlt allerdings einen Fleischkonsum von nur 300 bis 500 Gramm pro Woche. Wir essen also klar zu viel.

Das betrifft nicht nur die Schweizer, sondern viele andere Länder auch. In Südamerika ist der Fleischkonsum noch höher als bei uns. Wir sollten das Fleischessen definitiv reduzieren, vor allem beim roten Fleisch. Hier empfehle ich einen Konsum von einmal die Woche, so wie das unsere Urgrosseltern intuitiv immer gemacht haben.

Warum ist das rote Fleisch so stark unter Beschuss gekommen?

Alle grossen Beobachtungsstudien, die über sehr lange Zeiträume gemacht wurden, sind zum Ergebnis gekommen, dass ein hoher Fleischkonsum mit erhöhtem Aufkommen von Krebs in Verbindung gebracht wird, insbesondere Dickdarmkrebs, aber auch Kreislauferkrankungen. Warum das so ist, darüber streitet sich die Wissenschaft. Das kann damit zu tun haben, dass eine zu hohe Proteinzufuhr ungünstig ist, oder, dass sich in Muskelfleisch Substanzen befinden, die krebsauslösend sind.

Es bestünde ja auch die Möglichkeit, dass der Staat stärker regulierend eingreift.

Ich bin nicht der Meinung, dass noch mehr Verbote sinnvoll sind. Man sollte die Menschen über neueste Erkenntnisse informieren, aber es muss eine individuelle Entscheidung bleiben, wie man mit diesem Thema umgeht.

Ich habe das Gefühl, dass wir, was unsere Ernährung betrifft, immer neurotischer werden.

Ja, und das betrifft nicht nur unseren Fleischkonsum. Auch was Gluten, Milchzucker und Laktose betrifft – die Ängste der Menschen sind extrem gewachsen.

Lebe ich als Vegetarier gesünder?

Ja, Vegetarier leben gesünder, jedenfalls hinsichtlich ihrer längerfristigen Gesundheit. Es gibt allerdings wenig Studien über die Lebenserwartung von Vegetariern, weil Vegetarismus als Lebenskonzept noch nicht lange genug existiert, jedenfalls nicht in den westlichen Staaten. Da braucht es schon Ergebnisse von 20 oder 30 Jahren.

Muss eigentlich ein Kind Fleisch essen, um gesund zu bleiben?

Nein, Kinder müssen kein Fleisch essen, um gesund zu bleiben. Es genügt hier durchaus eine Ernährung aus pflanzlichen Produkten und Proteinen aus Fisch und Milchprodukten. Die Vorgaben der WHO bezüglich des Fleischkonsums, die für Erwachsene gelten, eignen sich übrigens auch bei Kindern.

Könnte man mehr Fleisch essen, wenn es aus biologischer Landwirtschaft stammt? Dieses gilt ja als gesünder.

Biofleisch ist leider nicht gesünder als konventionell produziertes Fleisch. Die einzige mögliche Ausnahme ist im Bereich der Fleischproduktion, die Antibiotika einsetzt; da gibt es durchaus Probleme für Menschen, die unter Infektionskrankheiten leiden. Auch bei älteren Menschen ist Biofleisch dann sicher gesünder. Für die Umweltbelastung macht es allerdings einen signifikanten Unterschied. Fleischproduktion ist, was die Lebensmittelressourcen betrifft, äusserst ungünstig. Man muss das Zehnfache von pflanzlichen Lebensmitteln aufwenden, um eine Fleischmahlzeit zu produzieren. Je geringer der Lebensmittelkonsum weltweit ist, desto besser ist die Versorgung mit pflanzlichen Lebensmitteln.

michael_ristow* Professor Michael Ristow forscht an der ETH Zürich über den Stoffwechsel und seine mögliche Bedeutung für die Entstehung von Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht und Krebs, sowie dessen Bedeutung für die Alterung.

 

 

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Mit dem Online-Essrechner des «Tages-Anzeigers» und der «SonntagsZeitung» prüfen Leserinnen und Leser, wo sie im Schweizer Schnitt mit ihrem persönlichen Konsum stehen. Esse ich zu fettig? Trinke ich zu viel Alkohol? Und wie stehts mit meinem Wurstkonsum, der so schädlich sein soll wie das Rauchen? Als Datenbasis dient die alle fünf Jahre vom Bund durchgeführte Schweizerische Gesundheitsbefragung, die Angaben von 100’000 Schweizern und Schweizerinnen auswertet.

Von Kopf bis Fuss Fleischkonsum