Fahrprüfung

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Ich liebe Autos. Also jetzt nicht so Mobility-Kleinwagen oder Minivans oder Grossraumlimousinen oder so’n Zeug – nope, ich meine: richtige Autos, Sie wissen schon, den Rolls Royce Ghost oder den Lamborghini Gallardo, zum Beispiel. Im Moment wird das gerade schön ausgedrückt von Deichkind. Und ich fahre gerne Auto, wenn auch nicht besonders gut, sondern ungefähr so wie eine Zahnarztehefrau von der Zürcher Goldküste (no offence), wie sich gerade neulich wieder gezeigt hat, als ich besagte Goldküste mit einem Gallardo hinabfuhr und sich eine Schlange hinter uns bildete, weil ich nämlich so ungefähr 40 fuhr, weil ich nämlich den pseudologarithmischen Tachometer des Lamborghini zuerst mal kapieren musste. Doch ich schweife ab. Oder vielleicht auch nicht. Es geht mir nämlich heute, geschätzte Leserschaft, einerseits um die technischen Fortschritte in der Entwicklung des Automobils; nicht mehr fern scheint ja die Zukunft, wo Karossen zum Beispiel via Bluetooth untereinander vernetzt sind und Daten abgleichen und ganz unabhängig von der Kompetenz ihrer Fahrer Unfälle vermeiden. Bevor sie dann selbständig einparken (was ja zahllose Modelle ohnehin schon können; ebenso wie: Fussgänger erkennen oder den Fahrer warnen, wenn sie glauben, dass er müde wird). So weit, so gut. Fahrassistenzsysteme sind was Wunderbares. Aber auch die kommen, andererseits, nicht an gegen ein paar uralte Strukturen der menschlichen Psyche, die ja im Grossen und Ganzen noch auf Cro-Magnon-Ausstattung verharrt und also ihre eigenen lieblichen und idiosynkratischen Defekte hat; darunter solche, die sich skurrilerweise gerade in modernen Zeiten aktualisieren, wie unsere nun folgende komprimierte Übersicht der aktuellen psychischen Störungen und Verzerrungen des zeitgenössischen Autofahrers zeigt. Und damit sind wir beim Thema: Modern Drivers’ Disorders (MDD). Die fünf gängigsten Symptombündel wären die folgenden:

  1. Empty Car Park Syndrome (ECS): Hier? Oder lieber da?

    Der moderne Automobilist hat oft mit einem Mangel an Parkraum zu kämpfen – aber zu viele freie Parkplätze sind auch nicht gut. Weil das zu Entscheidungsschwierigkeiten führt. Wie jeder weiss, der schon mal durch ein ziemlich leeres Parkhaus gekurvt ist. Mit steigender Auswahl an verfügbarem Parkraum muss derselbe in einem komplexen mentalen Prozess anhand seiner wahrgenommenen Vor- und Nachteile auf einer Attraktivitätsskala eingeordnet werden. Liegt der Platz im Schatten oder in der Sonne? Kann man sich die Nummer gut merken? Ist er nah am Ausgang? Muss man da direkt durch die grosse Pfütze? Ist es ein sogenannter «through-er» ( = Fachbezeichnung für den Doppelplatz, der das Durchfahren dergestalt erlaubt, dass das spätere Verlassen des Parkplatzes im Vorwärtsgang möglich wird)? Für den parkplatzsuchenden Automobilisten ist dieser Selektionsvorgang in der Regel verbunden mit Stress und Emotivität, verschärft durch eventuelle Anmerkungen vom Beifahrersitz. Dem Empty Car Park Syndrome ist ausserdem, wie vielen Belastungsstörungen, eine eskalierende Tendenz eingeschrieben: Je länger man durchs halbleere Parkhaus kurvt, desto verlockender erscheint immer der andere Platz. Viele ECS-Betroffene beziffern die für eine Entscheidungsfindung optimale Auslastungsquote von Parkhäusern auf 75 bis 80 Prozent.

  2. Sociable Car Syndrome (SCS): Wo ein Auto ist, da sind bald zwei.

    Um beim Parkieren zu bleiben: Viele Autofahrer schätzen es, wenn sie sich – trotz vorhandener Linien und Markierungen – beim Einparken an anderen, bereits stehenden Fahrzeugen orientieren können (so wie manche Leute bei Dunkelheit gerne hinter anderen Autos herfahren). Deshalb lässt sich regelmässig konstatieren, dass sich Automobile in Klumpen- oder Cluster-Formationen auf Parkplätzen ansammeln. Es handelt sich hier quasi um die massenverkehrstechnische Ausprägung eines formal vor allem in der Spieltheorie modellierten Phänomens, das auch als Bandwagon-Effekt bekannt ist und die Tendenz von Menschen bezeichnet, sich den voraussichtlich erfolgreichen Handlungsweisen anderer Menschen anzuschliessen. Beziehungsweise einfach das zu machen, was die anderen machen. Eine derartige Handlungsbestimmung zeigt sich im automobilen Massenverkehr beispielsweise auch bei der Beachtung von Geschwindigkeitsbeschränkungen oder der Spurwahl auf der Autobahn.

  3. Mass Car Confusion (MCC): Zu mir oder zu dir?

    Die Auswirkungen des Sociable Car Syndrome, d.h. des bündelweisen Auftretens von Fahrzeugen, führt in Verbindung mit der automobilwirtschaftlichen Massenproduktion unserer Tage zu dokumentierten Fällen, wo Fahrer den Versuch unternahmen, mit einem Wagen loszufahren, der gar nicht ihnen gehörte. Und zwar nicht aus böser Absicht, sondern weil sie ihren Wagen mit einem Fahrzeug gleicher Farbe und gleichen Modells verwechselten, das zufällig in der Nähe abgestellt war. Die zunehmende reale Verwechslungsgefahr mit Blick auf automobile Massenware erstreckt sich dank ausufernder Leasingfinanzierung bis ins Segment der oberen Mittelklasse (sowohl fahrzeugtechnisch wie soziodemographisch) und ist einer der Gründe für wachsende Individualisierungsbestrebungen des einzelnen Lenkers hinsichtlich der äusseren Erscheinung seines Autos, zum Beispiel durch Tuning oder Massanfertigungen, womit die entgegengesetzten Pole bezeichnet wären; die (gesellschaftliche) Mittelklasse bevorzugt zur Kenntlichmachung ihres fahrbaren Untersatzes eher kleinere Signale, wie eine Zuoz-Plakette oder einen Jesusfisch-Sticker.

  4. Technical Manual Fatigue Syndrome (MFS): Wer soll das lesen?

    Die heutigen Automobile sind, wie eingangs erwähnt, kleine bis mittlere technische Wunderwerke, und dies scheint unmittelbar folgende Konsequenz zu haben: zeitgenössische Automobil-Bedienungsanleitungen sind dick wie Telefonbücher – und wer bitte schaut heutzutage noch in Telefonbücher? Zeitlos hingegen ist folgender Zusammenhang: Je umfangreicher die Anleitung, desto kleiner die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich gelesen wird. Auf diese Weise sorgt der technische Fortschritt dafür, dass wir ihn ignorieren. Und allmählich auf eine Stufe kommen, wo wir beim Auto, wie bei anderen Gerätschaften (zum Beispiel unserem Mobiltelefon oder Gehirn), permanent bloss einen Teil des verfügbaren Potenzials nutzen.

  5. Ecocrite Green Pretentiousness (EGP): Ich fahre, also bin ich – vorbildlich.

    Das Auto ist in seiner Funktion als Persönlichkeits- und Potenzprothese seines Besitzers längstens erkannt und gewürdigt worden; seit einiger Zeit jedoch vollzieht sich in dieser Besetzung als Geltungskonsumobjekt ein Wandel: Es geht nicht mehr unbedingt in erster Linie darum, in der Aussenwirkung Kraft, Tempo und Stärke auszustellen, sondern, jedenfalls im Milieu der oberen Mittelklasse, um die Darstellung von Achtsamkeit und Korrektheit. Besonders: Umweltfreundlichkeit. Dabei ist vermeintliche Umweltfreundlichkeit vollkommen ausreichend. Sie muss nur erkennbar sein. Am beliebtesten in dieser Kohorte sind daher Fahrzeuge, die dem Lenker durch den sichtbaren Nimbus ihrer ökologischen Verträglichkeit moralische Überlegenheit verleihen und ansonsten keine weiteren Opfer, Aufwendungen oder Verpflichtungen verlangen. Zum Beispiel der Toyota Prius. Egal, ob der Strom vom Atom kommt. Der Prius ist der perfekte Zweitwagen für den neuen sozialen Typus des sogenannten Ecocrite (aus «Eco» und «Hypocrite»), also jenen Zeitgenossen, der zwar für die Fahrt zum Briefkasten einen Hybridwagen in der Garage hat, aber für den Jagdausflug doch lieber den Cayenne nimmt.

Im Bild oben: Lamborghini Gallardo. Foto: Kolin Toney