Sozialsafari

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Der britische Fernsehkanal ITV, meine Damen und Herren, hat jüngst «Joanna Lumley’s Nile» wiederholt, ein Dokumentationsformat, bei dem diese famose englische Schauspielerin eine Reise von Alexandria bis an die Quelle des Nils im Herzen Afrikas unternimmt. Und auch ein paar Krokodilen, Flusspferden und Nashörnern begegnet. Letzteres erinnerte mich an eine eigene Afrika-Expedition, und ich möchte Ihnen Afrika gerne ans Herz legen, liebe Leser, und ganz besonders die Reiseform der Safari – selbstverständlich in ihrer politisch korrekten, nachhaltigen, ökofreundlichen Fünf-Sterne-Variante. Davon will ich Ihnen nun erzählen, vielleicht als Anregung für Ihre nächsten Ferien. Vorweg dies: In der zeitlosen Sitcom «Seinfeld» stellt Cosmo Kramer eines Tages fest: «Mother Nature is a maaad scientist!» Und ebendas kann man als Safariteilnehmer nicht nur mit Blick auf Flora und Fauna konstatieren (wobei Mutter Natur hier ihre Verrücktheiten, oder, sagen wir besser: Exzentrizitäten stets mit Effizienz verbindet) – sondern auch mit Blick auf die Reisegesellschaft.

Denn so eine Safari ist ja auch eine soziale Angelegenheit: Man bildet eine temporäre Gesellschaft unter Führung eines fachkundigen Guides, eine Art Familie im Grunde, sofern man «Familie» korrekterweise versteht als Schicksalsgemeinschaft mit leichtem Zwangscharakter. Ja, im unermesslichen und für uns mit dicker Nacht erfüllten Raum des Schicksalhaften werden einem irgendwelche Leute als Safari Buddies zugeteilt, und könnte man mit der Vorsehung feilschen, so würde man sagen: «Die? Die? Nee danke! Also wirklich, beim besten Willen nicht!» Und man fährt fort: «Was ist denn mit dem bastblonden Rugbyspieler da drüben, der von oben bis unten mit Honig eingestrichen ist, kann ich nicht den haben? Der muss doch auch irgendwo unterkommen…» «Klappe!», brummt das Schicksal, «der ist für Victoria Principal!» Und was hilft es, dass man noch ein wenig mault, in der Art wie: «Manno! Die grossbusigen Fernsehstars sind sonst schon im Vorteil – müssen sie auch noch die Rugbyspieler haben?», ach, was hilft’s, das Schicksal ging längst weiter, und dann quakt auch noch Victoria Principal dazwischen, ihr Leben sei nun wahrlich auch kein Zuckerschlecken, all die Scheidungen, Personalprobleme, Weltraumausflüge und endlosen Wohltätigkeits-Dinners, und dann sagt jemand: «Mein Gott! Selbst Sidney Sheldon erzählt kürzere Geschichten!», und dies ist der Leser, der füglich auf den Fortgang der Handlung drängt, und so will ich nur noch anfügen: Schicksal hin oder her, es ist ganz erstaunlich, was knapp dreihundert Porzellankatzen ausmachen können! Da sieht selbst eine triste Mietwohnung aus wie Graceland!

Wo waren wir? Richtig: Auf Safari! Genauer gesagt beim sogenannten Rhino Tracking, jener Form der Nashorn-Safari, bei dem man sich seinem Ziel, dem Spitzmaulnashorn, behutsam in der Kolonne zu Fuss nähert. Das ist die beste Methode, denn Spitzmaulnashörner haben einen exzellenten Geruchssinn und ein gutes Gehör. Dafür sehen sie überaus schlecht, sie sind irre kurzsichtig, schlimmer als Marilyn Monroe in «How To Marry A Millionaire». So dass man bei günstiger Witterung ziemlich nah ran kommt, sofern man keinen Krach macht. Folgen sie mir also ins Desert Rhino Camp, das in einem weiten Tal in der Buschsavanne der namibischen Provinz Damaraland liegt und eng zusammenarbeitet mit dem Save The Rhino Trust (SRT), einer Non-governmental Organization, die sich grosse Verdienste erworben hat um die Renaturierung und Rettung der Spitzmaulnashörner, die noch in den Neunzigerjahren akut vom Aussterben bedroht waren. Heute bietet das private Palmwag-Wildreservat, in dem das Rhino Camp liegt, dem Besucher die grösste freilebende Population von Spitzmaulnashörnern weltweit. Und die wollen wir uns nun einmal anschauen. Aber nicht nur die …

Tag 1

Wir landen auf dem Air Strip in der Savanne mit einer kleinen Propellermaschine, die wir uns mit Mathilde und Yoann aus Grenoble teilten, einem französischen Pärchen auf Hochzeitsreise. Safaris sind ein beliebtes Unterfangen für den Honeymoon und überhaupt eine Reiseform, die von den meisten Leuten paarweise angetreten wird. So auch von mir, denn ich befinde mich glücklicherweise in Begleitung von Richie, dem besten Ehemann von allen. (Wenngleich nicht auf Hochzeitsreise; wir haben damals lediglich einen Hochzeitsausflug gemacht, und der führte uns zu Cindy’s Diner an der Autobahn A3, aber das ist nun wieder eine ganz andere Geschichte.)

Das Desert Rhino Camp umfasst acht grosse Zeltbungalows mit Veranden sowie eine Lodge mit Feuerplatz unter freiem Himmel. Da wir später als geplant gelandet sind, reicht die Zeit nur noch für einen Spaziergang durch die Umgebung, bevor die Sonne untergeht. Nicht begleiten auf diesem Gang werden uns Bonnie und Ronnie, ein amerikanisches Ehepaar gesetzteren Alters und grösseren Gewichts. So ungefähr Nashornklasse. Ronnie hat gerade eine Operation am Fuss hinter sich und kann nicht gut laufen.

In Fünf-Sterne-Safari-Camps trifft man auf jenes Publikum, was fachsprachlich als «Upmarket Clientele» bezeichnet wird, und dies heisst: Leute mit Geld. Und dies wiederum heisst: Man kann hier nebenbei sehr schön die gewaltigen Klassenunterschiede in ein- und derselben Einkommenskohorte studieren. Ronnie und Bonnie beispielsweise wirken, als hätten sie ihr Vermögen mit einer Kette von Sanitätswarengeschäften im Mittleren Westen gemacht. Das heisst: Sie sind wahnsinnig nett, und zwar auf eine Art, die meine Grossmutter stets als patent zu bezeichnen pflegte. Das war ihr Wort: patent. Eine patente Person.

Hinsichtlich der Typen unterscheidet sich das Upmarket-Safaripublikum grob in zwei Kategorien: 1. Abenteurer jeden Alters (fachsprachlich: Adventure-Touristen), die auf der Suche nach kulturellem Austausch und lebendiger Naturerfahrung sind. 2. Vermeintliche Abenteurer jeden Alters, die was erleben wollen, aber nicht bereit sind, ihre Comfort Zone zu verlassen. Kategorie (2) ist mir grundsätzlich sympathischer, vielleicht auch, weil ich ihr selbst angehöre. Allerdings birgt diese Kategorie ebenfalls ihren guten Anteil an problematischen Exemplaren, vor allem Geschäftsmänner mittleren Alters, wie bei uns im Rhino Camp einen Herrn aus Portugal, der aussieht wie Silvio Berlusconi, mit dem Unterschied, dass er dauernd den Mund offen stehen lässt. Er wird begleitet von seiner kleinen, agilen, lächelnden Ehefrau, die den Eindruck macht, als wolle sie sich ständig für ihn entschuldigen.

In Kategorie (1) gehören hingegen Rod und Todd. So haben wir die beiden etwas blutarmen Amerikaner genannt, von denen der eine irgendwas mit Software-Entwicklung zu tun hat und die – Brüder sind. Ich sagte ja: Safaris werden gern paarweise angetreten. Rod und Todd sehen recht langweilig aus, ungefähr so wie der zeitgenössische Typus des Hochverräters.

Unsere Guides heissen Aloysius und Gotlod und fassen die kleine Gruppe quasi ein bei unserem Abendspaziergang, indem der eine an der Spitze, der andere am Ende des Zuges läuft. Allerdings müssen wir oft genug stehenbleiben und warten, weil Silvio auf Motivsuche ist. Die Kamera hat bei modernen Safarigästen die Flinte ersetzt, und es ist erstaunlich, was die Leute alles ablichten: Gräser, Spuren, Steine, Sand, ja: Sand! So kann man hinter der Linse das Leben versäumen. Indessen debattiere ich mit Richie, ob Silvio vielleicht jener Charakter ist, der bisweilen fünfzehn Minuten für ein Foto braucht und vor dem uns in unserem vorherigen Camp die Reisejournalistin Mary Gostelow beim Abendessen warnte. Was zeigt, wie einem bei einer Safari, bei der man mehrere Camps besucht (was die meisten tun), alsbald ein gewisser Ruf vorauseilt.

«Was ist wohl unser Ruf?», überlegt Richie.

«Die Taylor-Burtons von Hirslanden?», überlege ich.

«Nein», sagt Richie, «wohl eher Myron und Twinkle Finkelstein.»

Tag 2

Heute ist grosser Rhinotrackingtag mit Picknick. Die Tracker, also die professionellen Nashornspurensucher, sind schon mal raus gefahren, um uns nachher das Aufspüren der Tiere zu erleichtern. Während nun die Guides noch einen kleinen Vortrag halten über Aufmachung und Auftreten für die Exkursion (keine leuchtenden Farben, keine Unterhaltungen beim Anpirschen, immer im Block laufen, damit das Nashorn denkt, man sei ein Strauch), stelle ich in Gedanken die Kriterien für die ideale Safaritruppe zusammen, die ich anschliessend meinem Ehemann auseinandersetze: Man braucht jemanden, der schlecht zu Fuss ist, wie Ronnie, damit man so nah wie möglich mit dem Auto an alles ranfahren kann. Ferner braucht man eine ältere Dame im Team, wie Bonnie, die eine schwache Blase hat, damit man ihr die Schuld geben kann, wenn man vor jedem zweiten Busch halten muss, obschon man eigentlich auch selbst regen Gebrauch davon macht. Und, da wir davon sprechen, man braucht jemanden, der ganz allgemein die Hassfigur übernimmt (Silvio) sowie jemanden, der nur brüchig Englisch redet und damit die Konversationsenergie des Guides absorbiert (man will schliesslich nicht jede Sukkulente erklärt bekommen). Sowie einen Nerd wie Rod oder Todd, der auch noch die bestgetarnte Eidechse entdeckt.

«Wir müssen vermeiden, mit Silvio in einen Wagen zu kommen», sage ich.

«Aber», wendet Richie ein, «wer soll dann die Hassfigur sein?»

«Das übernehme ich!», lautet mein Angebot.

«I thought so», erwidert der beste Ehemann von allen.

Anschliessend entsteht eine wundervolle Situation: Alle wollen uns. Vor der Lodge stehen zwei offene Range Rover, einer gesteuert von Aloysius, der andere von Gotlod, und alle wollen zu uns in den Wagen. Wir enden schliesslich mit Rod und Bonnie und Ronnie.

«Endlich sind wir mal das beliebteste Pärchen!», flüstere ich meinem Ehemann zu.

«Und wie passt das zu deiner Rolle als Hassfigur?», flüstert Richie zurück.

Die Guides stehen in Funkkontakt mit den Spurensuchern, die melden, wo sie frische Abdrücke gesichtet haben. Dabei ist, wie immer auf Safari, falscher Alarm nicht selten, d.h. es kann durchaus passieren, dass man eine Zeit lang schweigend und in Blockformation im Grase verharrt, um endlich auf Wink des Guide wieder ins Auto zu steigen und es an der nächsten Stelle zu versuchen. Doch schliesslich, nach einem kleinen Marsch durch die Savanne, sehen wir in einer Insel aus Büschen und Strauchwerk: Getaway. So heisst ein notorisch scheuer Nashorn-Bulle, Jahrgang 1990 (sämtliche Tiere sind katalogisiert). Getaway steht im Busch, wir ihm gegenüber, bewaffnet mit Kameras und Ferngläsern, dazwischen knapp hundert Meter Grassland. Getaway kann uns nicht sehen. Trotzdem bewegen wir uns minimal und vorsichtig und flüstern höchstens, wie Aloysius, unser Guide, der begeistert wispert «Endlich ein Netz!» und sein Mobiltelefon schwenkt.

Am Nachmittag, nach der Picknickpause, sind die Spuren schwerer zu finden, wir fahren lange durch die Landschaft, was ja auch schön ist. Doch dann verlassen wir kurz den Wagen, um die perfekt getarnten Küken eines Perlhuhns am Boden zu beobachten, und als wir wieder aufblicken, sehen wir: Big Ben. Big Ben ist ein gewaltiger, knapp 30-jähriger Spitzmaulnashornchefbulle, und er ist direkt in unserer Nähe stehen geblieben. Die Witterung ist günstig, so dass wir sogar noch ein bisschen näher rangehen können. Big Ben blickt in unsere Richtung, man sieht, wie er die Ohren justiert, um Signale aufzufangen, aber wir geben keinen Mucks vor uns. Mutter Natur in all ihrer Glorie. Oder hier wohl eher: Vater. Vater Natur.

Tag 3

Neben Südafrika ist Namibia das einzige Land, in dem Schutzmassnahmen für das Spitzmaulnashorns wirklich greifen. Das liegt auch an den relativ stabilen politischen Rahmenbedingungen. Heute ist der Tag unserer Abreise und ich sitze an der Frühstückstafel neben einer blonden Dame aus Ohio. Die Dame trägt hochprofessionelle Safari-Garderobe sowie einen 500-Dollar-Blow-Dry; der Himmel weiss, wie sie den in der Buschsavanne organisiert hat. Die Dame ist nicht glücklich mit der Wahl Barack Obamas zu ihrem Präsidenten, und als ich frage, wieso, antwortet sie, sie sei Republikanerin. Und als ich frage, wieso, macht sie mit drei Fingern der rechten Hand das Gut-betucht-Zeichen und sagt: «Because we’re rich. And there are no rich Democrats.»

«There are some in Bel Air», erwidere ich und denke: Eigentlich sollte die Camp-Leitung einen nicht nur einen Liability Waiver im Hinblick auf Raubtierattacken unterzeichen lassen, sondern auch Social Liability Waiver für die psychischen Kosten solcher Dialoge.

Dann aber machen wir noch eine kurze Tour. Wieder trennen wir uns in Gruppen auf, und unsere Gruppe sieht ein frisch geborenes Zebrababy, das gerade laufen lernt.

«Ha! Damit hätten wir die andere Gruppe übertrumpft!», stelle ich fest.

«Das ist kein Wettbewerb, Kleines», sagt Richie und klopft mir beruhigend auf den Oberschenkel.

«Du hast Recht», antworte ich, «das ist kein Wettbewerb. Wenn es allerdings ein Wettbewerb wäre, wäre es ein triumphaler Erfolg für uns.»

Im Bild oben: Zwei Spitzmaulnashörner in Namibia. (Foto: Flickr/Park Street Pro)