Macht Reisen glücklich?

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Kürzlich, es ist noch gar so nicht lange her, stand ich vor dem Ubud Palace, dem alten Königssitz im Zentrum der kleinen Stadt Ubud auf Bali, Indonesien, unweit einer belebten Kreuzung. Ich stand dort mit Richie, dem besten Ehemann von allen, und wir warteten auf den Wagen, der uns zurück in die Fünf-Sterne-Blase des Como Shambhala Resort bringen würde. Die Szene war, wie gesagt, belebt und es war ausgesprochen schwülheiss und klebrig und auch nicht gerade leise, und einen Steinwurf von uns entfernt rangelten ein paar mutmasslich tollwütige Hunde um die fliegenumsurrten Küchenabfälle eines gegenüber liegenden Restaurants, und da sagte ich zu Richie: «Ich will nach Hause. Ich will zurück nach Europa.»

Wie war das möglich? Üblicherweise wird, gerade in Europa, die Insel Bali als Paradies wahrgenommen, ein schwimmender arkadischer Garten. Die Sehnsucht nach Spiritualität und elysischen Zuständen zählen zu den Hauptgründen dafür, dass Menschen nach Bali reisen – und zu den Hauptgründen dafür, warum Menschen überhaupt reisen: die Sehnsucht nach dem Anderen, dem Neuen, dem Anfang, welchem nach jenem etwas abgedroschenen Hermann-Hesse-Zitat ja bekanntlich stets ein Zauber innewohnt. Philosophen und Psychologen reden von Selbsterschaffung durch Bewegung und Selbstbegegnung im Aufbruch, davon also, auf der Reise, in der Ferne, auf sich selbst zu treffen, innere Reichtümer durch äussere Ereignisse zu entdecken. Der Mensch braucht Emotionen und Geschichten, und deshalb reist er. Er geniesst den Kulissenwechsel und erlebt im Unterwegssein zugleich eine andere Zeitlichkeit, einen anderen Rhythmus, neue Möglichkeiten, ein Versprechen auf ein noch nicht gelebtes Leben, eine bessere Zukunft, eine neue Welt, die ewige Verheissung, wie die schimmernd weissen Felsen flirrend am Rande des Horizonts. Alles gut, alles neu. Wie schön, pretty wundervoll.

Die klassischen Reisehysterien

Doch warum hatte ich dann genug davon? Warum nahm ich eine vermeintliche exotische Idylle, den spirituellen Sehnsuchtspunkt vieler Menschen, als unerfreulich wahr und wollte zurück, ins Vertraute, nach Hause? War ich dem Jerusalem-Syndrom anheimgefallen? Als solches bezeichnet die Wissenschaft eine Störung, bei der Reisende fernab ihrer Heimat plötzlich psychische Auffälligkeiten entwickeln und seelisch erkranken; das Ganze heisst deshalb Jerusalem-Syndrom, weil in der Heiligen Stadt, wo sich die Sehnsüchte und Reisewege zahlloser Menschen aus mindestens drei Religionen bündeln, pro Jahr rund hundert Besucher diese mysteriöse Erkrankung zeigen, dies jedenfalls ergab eine Studie des dortigen Kfar Shaul Mental Health Center. Die Betroffenen fallen dabei nach ihrer Ankunft oft unvermittelt in psychose-artige Zustände, sie leiden unter Nervosität, Schlaflosigkeit, Verwirrung, gern mit religiösen Wahnvorstellungen und Besessenheiten verbunden – um dann nach einigen Tagen oder nach einem Ortswechsel wieder völlig normal zu reagieren. Die Komponente der spirituellen oder religiösen Obsession unterscheidet das Jerusalem-Syndrom von anderen, sehr ähnlichen Formen von Reisehysterien (fachsprachlich «Voyager Syndromes» genannt). Es handelt sich hier gewissermassen, wenn man so will, um Seekrankheiten der Psyche, eine Überreizung durch das Neue. Bekannt ist insbesondere auch das Paris-Syndrom, eine vorübergehende psychische Störung und Exaltation infolge des Besuchs der französischen Hauptstadt, erlitten vor allem durch japanische Touristen, die, vermutlich infolge einer Kombination von Jet-Lag, Reisestress, Kulturschock und kognitiver Dissonanz (plus: Louis Vuitton), zeitweilig ihre innere Balance verlieren und Verfolgungswahn, Angstzustände und Herzrasen entwickeln (andererseits: Wer würde in Paris nicht Paranoia entwickeln?). Schliesslich gibt es noch meinen persönlichen Favoriten: das Florenz- oder Stendhal-Syndrom (im englischen Sprachraum auch bekannt als «Hyperkulturemia»). Dieses wiederum bezeichnet eine Art psychosomatischen Schock, der sich einstellt, wenn der Reisende in der Fremde mit einem Übermass an Schönheit konfrontiert wird (sei es Natur- oder Kunstschönheit). Florenz ist ein Ort, wo sowas passieren kann (Warschau, zum Beispiel, wohl eher weniger). Jedenfalls schrieb der französische Schriftsteller Henri-Marie Beyle, besser bekannt als Stendhal, 1817 über seine Reise nach Florenz: «Ich befand mich in einer Art Ekstase bei dem Gedanken, Florenz und den Gräbern so vieler Grossen so nahe zu sein» – und dann, nach dem Verlassen der Grabeskirche von Michelangelo, Macchiavelli und Galileo: «Als ich die Kirche verliess, klopfte mir das Herz; man nennt das in Berlin einen Nervenanfall; mein Lebensquell war versiegt, und ich fürchtete umzufallen.» Hier wird der Reiz zur Überreizung; die Immensität des Neuen überwältigt.

Reisen als Geltungskonsum

Nun zeigen sich derlei Voyager-Syndrome allerdings mit Vorliebe am Anfang einer Reise – und meine Woge der Bali-Überreizung stellte sich ein, als ich schon über eine Woche auf dem Eiland gewesen. Also ist es wohl unwahrscheinlich, dass ich ein Opfer eines derartigen Krankheitsbildes wurde. Gerade vorher hatte ich Bangkok, Hong Kong, Abu Dhabi und Los Angeles bereist, und vielleicht hatte ich jetzt einfach genug. Genug. Genug. – Nun würden nicht wenige, vielleicht sogar die meisten Leute sagen, man könne gar nicht zu viel reisen, denn der Reiz des Neuen, der mit der Bewegung ja stets verbunden ist, sei unerschöpflich. In der Tat gilt heute, zu Zeiten, die ohnehin den flexiblen und mobilen Menschen postulieren, das Reisen gemeinhin quasi für die populärste Form des Glücks. Die Tourismuswirtschaft, die dieses Glück verkauft, ist einer der grössten Wirtschaftszweige der Welt. Ihr Angebot ist bunt, lustig und unermesslich. Dabei sind Reisephantasien für breite Bevölkerungsschichten noch gar nicht so lange realisierbar, erst seit Ende des 19. Jahrhunderts, als aufgrund des technischen Fortschritts Fahrten in fremde Länder und Regionen auf einigermassen komfortable Weise möglich wurden. In diesem Zeitalter der Industriellen Revolution, mit einem hübscheren Titel auch «Belle Epoque» genannt, begann das Bürgertum sich zu bewegen und eine Kultur der Unterhaltung zu entfalten, zu welcher auch das Reisen gehörte. Die Côte d’Azur, die italienische Riviera, die englische Kanalküste und die Kaiserbäder der Ostsee waren die ersten Reiseziele. Dort entstanden die ersten Hotels, dort traf sich die Haute Bourgeoisie und war unter sich. Beliebte Destinationen waren ausserdem die Weltausstellungen (der von 1889 verdanken wir bekanntlich den Eiffelturm, der heute die Japaner verrückt macht). Auch die Gründung internationaler Verbände und das Abhalten internationaler Konferenzen nahm zu.

Zu jener Zeit war das Reisen eine Sache des Sozialprestiges, aber mit dem Aufbruch in das Zeitalter des Massentourismus in der Mitte des 20. Jahrhunderts veränderte sich auch der Gehalt des Unterwegsseins. Der Reiz des Neuen blieb, doch kultursoziologisch wurde die Reise nun in erster Linie zum Konsumgut, und der klassische Geltungskonsum der feinen Leute (wie der amerikanische Soziologe Thorstein Veblen sie nannte) wurde mehr und mehr abgelöst durch das Konzept der Reise als eines Ausbruchs. Eines Ausbruchs aus dem tristen, fremdbestimmten Alltag für die geplagte werktätige Bevölkerung. Die deprivierten Massen wollten Ferien von ihrem Leben, Urlaub vom Ich, Freiheit auf Zeit. Sie wollten Erholung und Abwechslung konsumieren – und auf diese Weise versteht der Pauschaltourismus, der zeitgenössisch All-Inclusive Travel heisst, das Reisen bis heute. In dieser Welt ist das eigentliche Reiseziel zweitrangig – und damit wird auch der Reiz des Neuen ab- bzw. umgewertet. Man könnte auch sagen: Solche Touristen machen überall die gleichen Ferien; egal, wo sie hinfahren. Der geografische Ort tritt in den Hintergrund, und in den Vordergrund schiebt sich vor allem das Abwechslungsmotiv, das Motiv der vermeintlichen Freiheit, der Freiheit von Arbeit, von Zwängen, vom Alltag. Es gibt also hier in der Motivation einen deutlichen Unterschied zum klassischen, von aufklärerischen Idealen getragenen Konzept der Bildungsreise im Dienste der Selbstperfektionierung und Persönlichkeitsentwicklung.

Die Beigaben des Selbst

Doch egal, worauf sich das spezifische Entdeckungsinteresse des reisenden Menschen richtet – ob nun die Lockung des Fremden oder die Flucht aus dem Bekannten im Vordergrund steht – stets lebt das Reisen von jenem Stimmungspaar aus Sehnsucht und Antizipation, jener eigentümlichen Mischung, die Fernweh heisst. Übrigens benötigt man weder Riesentouren noch die inszenierten Erlebnisse sogenannter Abenteuerreisen für grosse Eindrücke; denn wie der Reiz des Neuen sich verfängt, das hängt von der inneren Bühne ab, den Beigaben des Selbst. Eben darin, dass das Neue auch direkt vor der Tür warten kann, so dass der Besinnungsweg unter Umständen sehr kurz ausfällt, darin besteht die Ironie der Mobilität in der Postpostmoderne, welche die ureigene, dem Reisen zugrunde liegende Ambivalenz von Fremde und Nähe schwebend aufzuheben scheint und den Reiz des Entdeckens sehr grosszügig streut. Was freilich nichts daran ändert, dass jeder Reisevorgang, und sei er noch so bescheiden, seine eigenes Tableau der Differenzen und Differenzierungen begründet und dass in einem ewigen dialektischen Kontrast zum Fernweh, dieser seltsamen Empfindung, das andere grosse Sentiment steht: die Sehnsucht nach Zuhause. Zuhause aber kann auch in der Fremde sein. So verbindet man den Reiz des Neuen mit dem Zauber des Gewohnten, was nun wieder eine ganz eigene, reizende, lebensgefühlerhöhende Gegensätzlichkeit darstellt. Denn die Tiefe in der Wiederholung ist ja ein ganz besonderer Faktor in der Psychologie des Raum-Zeit-Kontinuums, quasi das entschleunigte Komplement zum besonderen Zauber des Anfangs. Das Zuhause in der Fremde ist gleichsam die zweite Stufe des Reisens, weil es, jenseits der Überwältigung durch neue Eindrücke, jenseits der Gratwanderung zwischen Selbstkontrolle und Selbstaufgabe, zwischen Verunsicherung und Neuorientierung, die der Vorstoss ins Ungewisse ja immer auch bedeutet, den gepflegten Rückzug möglich macht. Oder, in den Worten der wunderbaren Essayistin Fran Lebowitz: «To put it rather bluntly, I am not the type who wants to go back to the land; I am the type who wants to go back to the hotel.»

Damit endet unsere Tour. Nur so viel noch: Schliesslich, auch das gehört zu Reisen als Lebenskunst, schliesslich sind Reisen auch immer ein Aufbruch ins Innere, Trips durch die Seele, wenn man so will, über den Kontinent des Selbst … und vielleicht sieht der ja bei mir an einigen Ecken aus wie eine ganz miese Gegend von Los Angeles. Da muss man weltoffen sein, bereit für die Revision, das Ändern, Erkunden, Einrichten von Welten – und eventuell war das ja das Problem. Damals, vor kurzem, vor dem Ubud Palace. Als ich einfach nur nach Hause wollte, in die kühle, komfortable Stadt Zürich. Möglicherweise bin ich trotz aller Expeditionen einfach immer noch nicht weltoffen genug …

«Mach dir keine Sorgen, Kleines», aber sprach Richie, der beste Ehemann von allen, als ich diesen Verdacht äusserte, «du bist weltoffen genug, thanks very much. Im Übrigen ist das Leben keine Reise, sondern eine Sitcom. Das habe ich neulich in einer Folge von ’til Death gehört. Und zwar von Mayim Bialik, die da eine Psychologin spielte.»

«Wenn das Leben eine Sitcom ist», erwiderte ich, «dann ist das hier die schlimmste Folge, seitdem ich dabei bin.»

Im Bild oben: Ein Balinese in einer traditionellen Kriegertracht in Ubud, 24. Juli 2004. (Keystone/Suzanne Plunkett)