Auch das noch

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«Wer keine Überraschungen mag, soll nicht auf Reisen gehen» – das könnte von Marie von Ebner-Eschenbach sein (ist es aber nicht). Tatsache ist, dass ja gerade die Aussicht auf Überraschungen einen der wesentlichen Bewegungsmotoren des reisenden Menschen darstellt. Allerdings ist mit «Überraschung» in diesem Sinne nicht unbedingt die heftig transpirierende und hochexpansive Person gemeint, die plötzlich den Sitz neben Ihnen im Flugzeug einnimmt. Aber auch solche weniger hübschen Überraschungen kommen vor, auf Reisen. Gegen einige kann man sogar Vorkehrungen treffen. Damit Sie also in Zukunft besser gerüstet sind, folgt hier, meine Damen und Herren, in Vorbereitung der Hauptreisezeit, die Vermeidungsliste der heftigsten unliebsamen Knalleffekte unterwegs – jeweils mit dem Notbehelf dazu. Zum Ausdrucken, Ausschneiden und Mitnehmen.

  1. Der unliebsame Sitznachbar

    Egal, in welchem Verkehrsmittel, vom Gulfstream bis zum Fiat 500: Reisen ist ein soziales Erlebnis. Man schliesst Bekanntschaften, man lernt die Kultur und Umgangsform fremder Menschenschläge kennen, und vielleicht tauscht man sogar Daten aus. Oder sonstwas. Das alles kann sich, wie viele schöne Sachen, in sein grausames Gegenteil verkehren, zum Beispiel durch den Sitznachbar From Hell (SFH), zum Beispiel jene rücksichtslose Figur, die auf einem engbestuhlten Kurzstreckenflug 150 Minuten lang mit Ihnen Kniedrücken veranstaltet. Oder in einem ungehemmten Mitteilungsdrange die Schleusen ihrer Beredsamkeit öffnet und Sie mit ihren unmassgeblichen Privatmeinungen über Gott und die Welt strapaziert. Oder beides.
    Behelf:
    a) Ignorieren: Täuschen Sie Fremdsprachigkeit vor. Oder Schlaf.
    b) Vorbeugen: Schaffen Sie mehr Raum zwischen sich und Ihren Reisegenossen: Buchen Sie eine höhere Beförderungsklasse.
    c) Konfrontieren: Wenn gar nichts mehr hilft, drücken Sie einfach zurück. Mit dem Knie.

  2. Die unbestimmte Verspätung

    Nicht nur Streiks und technische Schwierigkeiten, sondern auch wirklich höhere Gewalten wie Vulkanausbrüche sorgen für Stockungen und Ausfälle in der Mobilität des modernen Menschen, die derselbe schon voreilig für grenzenlos hielt. Die Folge sind: Verspätungen. Und deren Folgen bestehen unter anderem in versäumten Anschlüssen, verpassten Terminen und strapazierten Nerven. Also: Stress.
    Behelf:
    a) Zeitpolster (aber wer hat das schon)
    b) Xanax
    c) ATP. Das steht für: Accentuate The Positive. Denken Sie daran, wie viele interessante neue Bekanntschaften Sie in der Schar Ihrer gestrandeten Mitreisenden schliessen können. Eine stressbelastete Alltagssituation wie ein Bahnstreik oder Flugausfall ist zudem für die Beziehungsanbahnung viel besser als Internet-Dating, weil Sie den eventuellen Partner gleich in einer Krisenlage testen können. Lovely.

  3. Die plötzlich versiegenden Mittel

    Stellen Sie sich vor: Sie stehen bei Gucci im Desert Hills Outlet Paradise vor den Toren von Palm Springs und Ihre American Express Platinum Card funktioniert plötzlich nicht mehr. Oder ein Bündel Dong-Scheine fliegt Ihnen durch einen jähen Windstoss aus den Händen und in den Fluss, mitten in Saigon, beim Verlassen des Hotel Majestic.
    Behelf:
    a) Anruf bei American Express und Limit raufsetzen lassen
    b) Travelers Cheques (die werden tatsächlich noch benutzt)
    c) Notverkauf Ihrer Rolex, die allerdings in Saigon niemand für echt hält

  4. Das verlorene Gepäck

    Passiert meistens mit dem Flugzeug. Besonders wenn Sie die Flugzeuge wechseln. Besonders wenn Sie dies in London-Heathrow tun. Später dann stehen Sie irgendwo auf der Welt am Band und warten. Und warten. Warten. Vergebens.
    Behelf:
    a) Nicht über Heathrow fliegen. Aber das ist eigentlich schade. Heathrow ist so ein netter Flughafen.
    b) Notfallset Unterwäsche im Handgepäck
    c) Einfach alles neu kaufen. Oder sowieso von vornherein weniger mitnehmen.

  5. Die plötzlich verleidete Gesellschaft

    Das ist das Schlimmste. Mark Twain hat gesagt: «Es gibt kein sichereres Mittel, festzustellen, ob man einen Menschen mag oder nicht, als mit ihm auf Reisen zu gehen.» Das stimmt. Und kann bedeuten, dass man Leute, die man vorher so ganz OK fand, plötzlich als Abgesandte des vorderen Höllenzirkels empfindet, nachdem man im Verlaufe eines mehrtägigen Trips immer vertrauter wurde mit ihren kleinen Unarten, Makeln und Nachlässigkeiten – Petitessen vielleicht, die an sich nicht besonders viel aussagen, aber doch furchtbar sein können als Kennzeichen der Beschaffenheit einer Seele.
    Behelf:
    a) Bereits bei Planung der Reise für alle Beteiligten Distanz- und Rückzugsmöglichkeiten sicherstellen.
    b) Immer nur mit der Besseren Hälfte verreisen.
    c) Nie mit der Besseren Hälfte verreisen.

Soweit dazu. Jetzt sind Sie gerüstet. Einigermassen. Soweit man das sein kann. Und falls Sie doch einmal wieder unterwegs mit Unwägbarkeiten konfrontiert werden, zum Beispiel plötzlich fehlenden Mietwagenkategorien oder Codeshare-Flügen mit Cambodia Angkor Air (die ich übrigens total OK fand), dann denken Sie daran: Jede Überraschung bringt uns weiter. Oder, in den unsterblichen Worten von Gil Chesterton: «It hurts now, but over time you turn that pain into biting sarcasm which you use to hurt others.»

Im Bild oben: Eine Frau ist im Flughafen Heathrow in London gestrandet, 16. Mai 2010. (Reuters/Luke Mac Gregor)