Warum Frauen anders führen müssen

bm1

Frauen sollen nach ganz oben, sollen Chefetagen erobern und zeigen, dass sie es genau so gut können – so das Mantra, das wir in den vergangenen Jahren immer wieder hörten. Der Wirtschaft zuliebe. Und auch den Frauen zuliebe. Tatsächlich nimmt der Anteil weiblicher Führungskräfte zwar langsam, aber immerhin stetig zu. Streberhaft wie wir Frauen sind, sind wir schon tief und an verschiedenen Fronten in Männerdomänen eingedrungen, wo wir nun versuchen zu beweisen, dass wir es genau so gut können, wenn man uns nur lässt. Und tatsächlich sind Chefinnen heute bereits gar nicht mehr so selten und auch in prestigeträchtigen Berufen anzutreffen. Vielleicht mehren sich deshalb auch die Ratgeber, Erfahrungsberichte und Studien über weibliche Chefs und Führungskräfte. Denn Sie ahnen es – die Eroberung eines Chefsessels ist für eine Frau mühsam genug, aber wenn sie erst mal drauf sitzt, ist es noch lange nicht vorbei.

Denn Frauen, die sich zu sehr wie Frauen verhalten, sind als Chefs nicht akzeptiert. So sollen Frauen etwa laut einer neueren Studie möglichst auf zu viel Fröhlichkeit verzichten – zumindest, wenn sie mal im mittleren Management angelangt sind. Für Praktikantinnen ist ein gewinnendes Auftreten noch nicht heikel, aber wenn eine Frau in Konkurrenz zu Männern tritt, dann wird ihr Lachen schnell mit fehlendem Führungswillen gleichgesetzt. Am vorteilhaftesten sei es für Frauen, wenn sie auf ihre Leistungen stolz sind und es auch zeigen.

Chefinnen sollen auch sogenannt «männliche» Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen und Platzhirschgebaren mitbringen, ausserdem müssen sie es verstehen, mit Männern kumpelhaft aber nicht zu jovial zu verkehren, bei Bedarf aber auch bei ihren Gockelkämpfen mitzuspielen und aus Prinzip den grössten Parkplatz und das grösste Büro zu verlangen. So jedenfalls beschreibt es eine anonyme Autorin in ihrem Buch «Ganz oben» über ihre Zeit an der Spitze eines grossen deutschen Wirtschaftsunternehmens. Zu viel Aggression ist aber auch schädlich, da dies häufig als Hysterie ankommt. Ideal ist dazu, wenn die Chefin nicht zu klein und nicht zu gross ist, nicht zu hübsch und nicht zu hässlich, sondern Durchschnitt, wenn sie eine relativ tiefe Stimme hat und weder launisch noch zickig ist. Alles in allem ist es am besten, wenn sie guter Durchschnitt ist, nicht gross auffällt, ihre Arbeit aber fleissig erledigt. Ihr absurdester Tipp betrifft Verhaltensstrategien, wenn die Managerkollegen nach dem Geschäftsabschluss noch das Bordell besuchen und man sich danach in einer Bar zu einem Drink trifft. Interessiertes Nachfragen bietet sich dabei an, so rät da die Anonyma, aber keinesfalls solle man das Verhalten hinterfragen.

Schön und gut, nun bin ich aber nicht ganz sicher, wie zielführend diese Tipps letztendlich sind. Muss eine Frau, die es auf die Unternehmensführung abgesehen hat, wirklich das männliche Sozialgebaren studieren und gut genug kennen, um alle Fettnäpfchen zu umschiffen? Lässt sich daraus ein Verhaltens-Manual für Managerinnen bastelt, das Frauen erlernen und in den entsprechenden Situationen einfach abrufen können? Und was sollen Frauen tun, die eine zu hohe Stimme haben, zu gross oder klein sind?

Die Antwort ist letztlich wohl simpel genug: Ja. Wollen Frauen Karriere machen, müssen sie sich den herrschenden Gepflogenheiten anpassen. Ich glaube, dass jede Chefin auf ihrem Weg nach oben ihren eigenen Stil erlernen und immer wieder reflektieren muss, welche Sonderstellung sie dabei als Frau einnimmt – und zwar im negativen wie im positiven Sinn. Wer seine Sonderstellung geschickt einzunehmen mag, kann daraus nämlich auch Vorteile gewinnen, wie Madeleine Albright in einem bestechenden Interview mit der FAZ erläuterte. Sie bringt es wie folgt auf den Punkt: Frauen in Führungspositionen müssen damit leben, dass sie anders beurteilt werden, als Männer. Was bei Männern als Zeichen von Sensibilität gelte, werde bei Frauen oft als «emotionales Verhalten» abgekanzelt, und wo Männer ehrgeizig genannt werden, ortet man bei Frauen schnell Zickigkeit, wenn sie etwas wollen. Doch daran gewöhne man sich und man solle sich hüten, das persönlich zu nehmen, rät Frau Albright.

Und damit hat sie wohl recht. Frauen, die an die Spitze wollen, tun gut daran, ihre Sonderstellung zu reflektieren und sich die richtige Sozialkompetenz zuzulegen, um nicht gleich in der ersten Runde rauszufallen. Aber sich darüber aufzuregen oder zu beschweren, dass man andere Standards erfüllen muss, bringt rein gar nichts. Auch Männer haben sich Regeln zu unterwerfen, wenn sie an die Spitze wollen. Nur haben sie den Nachteil, dass sie keine alternative Rolle entwickeln können. Frauen hingegen schon. Darin liegt, wenn sie es einmal geschafft haben, ihr Vorteil.

Im Bild oben: Judi Dench als «M» im Bond-Film «A Quantum of Solace». (Foto: MGM)