Die Sache mit der Scham

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Heute geht es für einmal nicht um die Unterschiede zwischen Mann und Frau, sondern um die Ebene, auf der wir alle gleich funktionieren. Heute geht es um Scham und zwar, weil ich in jüngster Zeit mit Frauen in ganz unterschiedlichen Rollen gesprochen habe und immer wieder ähnliche Geschichten zu hören bekam. Junge Frauen, berufstätige Mütter, Mütter, die zu Hause bleiben, anderen Frauen. Und alle haben ein schlechtes Gewissen. Fürchten, nicht zu genügen, so perfekt sie auch sind. Beklagen sich über Dinge, die sie nicht wagen zu verändern. Das weiss man. Bei einem dieser Gespräche fragte mich eine Mutter, ob ich glaube, das sei eine Generationenfrage. Im ersten Moment verstand ich sie falsch, nämlich dass sie voraussetzte, dass das mit der Sham und dem schlechten Gewissen früher  viel stärker verbreitet war. Aber dann korrigierte sie mich und meinte: Früher haben sich die Frauen über ein schlechtes Gewissen doch viel weniger Gedanken gemacht.

Der Wunsch nach Beziehung

Ich weiss nicht, wie es früher war. Aber es scheint, als teilten viele Frauen heute ein Geheimnis. Und das hat mit Scham zu tun, jedenfalls so, wie die Autorin Brené Brown das Phänomen beschreibt. Die Soziologin erforscht seit Jahren, wie Verletzlichkeit, Mut, Selbstwert und Scham funktionieren. Sie hat auch einen Bestseller darüber geschrieben und ihre Thesen bei einem Tedx-Talk erläutert.

Browns These ist folgende: Sie geht davon aus, dass der Mensch neurobiologisch dazu prädestiniert ist, Verbindungen einzugehen. Beziehung gebe unserem Leben Sinn und Zweck und unser Verhalten werde von der Sehnsucht danach gesteuert. Und gleichzeitig geht Beziehung immer auch mit Scham einher, die in allen Kulturen dasselbe bedeute: die Furcht vor dem Verlust von Bindung. Scham sei im Grunde die Angst, einer Bindung nicht wert zu sein, etwas an sich zu haben, das einen ausschliesst aus der Gemeinschaft. Scham deckt sozusagen unsere Blösse und diese Blösse ist laut Brown unsere Verletzlichkeit. Schliesslich bekommen wir alle mehr oder minder bewussten Vorstellungen auf den Weg, was richtig und was falsch ist, was gut und schlecht, wie wir sein sollten. Und oft steht das in krassem Gegensatz zu dem, was wir können und was wir wirklich sind.

Die Angst, nicht zu genügen

Scham mag ein universelles Phänomen sein, aber es gibt unterschiedliche kulturelle Strategien, damit umzugehen. Brown beschreibt, dass es in unserer Kultur üblich ist, sich unverletzlich und unnahbar zu zeigen, um sich vor Enttäuschung und Zurückweisung zu schützen. Niemand wolle seine Verletzlichkeit zeigen und ein Grossteil unseres Soziallebens drehe sich darum, die eigene Unsicherheit, Trauer und Scham zu überspielen und auszublenden. Oder sie zu betäuben. Weil man fürchtet, Ansprüchen nicht genügen zu können bei der gleichzeitigen Angst, dabei ertappt zu werden.

Die Botschaften der Scham, so Brown, werden auch um unsere Rolle als Mann oder Frau organisiert. Frauen sähen sich heute einer Vielzahl widersprüchlicher Erwartungen gegenüber, die wiederum Scham hervorrufen, wenn sie nicht einzuhalten sind. Seien das all die Schönheitsideale, die wir glauben erfüllen zu müssen, oder sei das die Vorstellung, gleichzeitig die perfekte Mutter und die starke, unabhängige Frau sein zu müssen. Dies alles ist so tief verankert, dass wir es oft gar nicht erkennen und stattdessen wegen allem Möglichen ein schlechtes Gewissen haben.

Von Männern erwartet die Gesellschaft, dass sie stark sind und alles meistern und keine Schwäche zeigen dürfen. Und weil Verletzlichkeit gerne als Schwäche interpretiert wird, ist es für Männer noch schwieriger, dazu zu stehen. Eine Angst, so Brown, die nicht in erster Linie von anderen Männern erzeugt wird, sondern von den Frauen, welche diese Ansprüche an den Mann stellen. Frauen haben dafür das Privileg, sich verletzlich zeigen zu dürfen – zum Preis, dass sie nicht wirklich ernst genommen werden. Während Männer einen fundamentalen Teil ihres menschlichen Daseins verleugnen müssen, um von Frauen als richtige Männer akzeptiert zu werden.

Brown plädiert dafür, zur eigenen Verletzlichkeit zu stehen, denn nur so sei Beziehung möglich und damit Halt. Und obschon das mit Schwäche identifiziert wird, braucht es dazu Mut.

Das mag ein frommer Appell sein. Aber es schadet sicher nicht, sich Gedanken darüber zu machen, wie wir mit Scham umgehen. Nicht nur im Hinblick auf die immer komplexeren Anforderungen einer sich segregierenden Gesellschaft. Oder der schwindenden Privatsphäre durch die Möglichkeiten der sozialen Medien.

Und ganz abgesehen davon, finde ich Browns Überlegungen inspirierend und tröstlich, weil sie simpel und einleuchtend ist und zeigt, dass wir alle dieselben Kämpfe kämpfen.

Im Bild oben: Kim Hyo-jin (r.) und Kim Kkot-bi im koreanischen Film «Ashamed». (Foto: Mountain Pictures)

25 Kommentare zu «Die Sache mit der Scham»

  • frau noergeli sagt:

    natürlich kämpfen wir alle die selben kämpfe, und schlussendlich, wenn man es noch weiter denkt, wollen wir alle eigentlich das selbe: geliebt werden und das, ganz gender unabhängig.

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