Der grosse Yoga-Report

Hot Weather NYC

Ich bin überhaupt nicht so der Yogatyp. Dachte ich. Ich bin vielmehr der Typ, der sich lustig macht über Yoga-Hausfrauen und die Nase rümpft über geistlose Models, die glauben, auf ihrer Louis-Vuitton-Yogamatte zum Einklang von Körper, Geist und Seele zu gelangen – das geht doch gar nicht bei Geistlosigkeit. Yoga? Nee, nichts für mich. Ich bin ein furchtbar materialistisches, herrschsüchtiges und obendrein jähzorniges Wesen. Und das bin ich an einem guten Tag. Und jetzt? Befinde ich mich auf einer Yogamatte, zwischen Ujjayi und Patañjali, ächzend und schwitzend bei dem Versuch, vom Brett in den Hund zu ziehen. Gefangen im Limbus zwischen Dehnung und Erlösung, der Einheit von Atmung und Bewegung, gefangen in dem, was die Verhörexperten des Mossad wohl eine «stress position» nennen würden. Was ist geschehen?

Bali. Das ist geschehen. Alles begann auf Bali. Totales Klischee, ich weiss. Auf der lieblichen Insel Bali. Manche Leute bezeichnen sie als Paradies, voll lächelnder Gesichter, puderzuckerweisser Strände, mystischer Tempel, bezaubernder Sonnenuntergänge und graziös modellierter Reisfeldterrassen. Andere Leute bezeichnen Bali als das Mallorca Asiens. Beides ist irgendwie richtig und irgendwie auch nicht. Fest steht: Bali ist trotz Massentourismus und der folgenden Gegenwelle glitzernder Wellnesstempel irgendwie ein spiritueller Ort geblieben, selbst im Süden der Insel, wo der Tourismus in den letzten Dekaden die deutlichsten Spuren hinterlassen hat, und es ist in der Tat die besondere Spiritualität der Insel, die sie bezaubernd und einzigartig macht, eine ganz eigene Variante des Hinduismus, welche die sichtbare und unsichtbare Welt gleichermassen respektiert und nichts Aggressives hat, oder höchstens insofern, als dass das Leben selbst als Auseinandersetzung verstanden wird: eine immerwährende Schlacht zwischen den Dämonen und dunklen Mächten, die im Meere hausen, und den Göttern, welche die Vulkane bewohnen, von denen Bali so gewaltige Exemplare zu bieten hat.

Indonesiens lustigste Heimvideos

Wir waren also auf Bali, der beste Ehemann von allen und ich. Und wohnten zunächst in einem Resort mit malerischen Tropengärten, auf drei Hektaren am Rande des Städtchens Ubud mit Blick auf das Tjampuhan-Tal zwischen Reisfeldterrassen und Banyanbäumen. Und dort absolvierten wir die erste Yoga-Stunde unseres Lebens, im Open-Air-Yoga-Pavillon, mit spektakulärem Ausblick in den umgebenden Dschungel. Ich wusste bis anhin nicht viel über Yoga und hielt es für so eine Art Shirley-MacLaine-Vormittagsbeschäftigung; und ich dachte, wie die meisten Westeuropäer, bei dem Begriff Yoga nur an körperliche Übungen, die sogenannten Asanas oder Yogasanas. Ich meine, ich wusste schon, dass da irgendwelcher Eso-Klim-Bim im Hintergrund mitschwingt, und Ooom und so weiter, aber ich wusste nicht, dass Yoga im Grunde eine ganzheitliche philosophische Lehre darstellt. Der Begriff «Yoga» (dem Sanskrit entstammend) kann sowohl «Vereinigung» oder «Integration» bedeuten, als auch im Sinne von «Anschirren» und «Anspannen» des Körpers an die Seele zur Sammlung und Konzentration verstanden werden, auf dem Wege der All-Einswerdung. You get me, Shirl?

Hingegen stellte ich ziemlich schnell fest, dass das Ganze, besonders unter tropischen Bedingungen, recht schweisstreibend ausfallen kann und man für gewisse Yoga-Stellungen mit Vorteil soviel Arme haben sollte wie Vishnu. Nach der ersten Yoga-Stunde unseres Lebens sagte ich zu Richie: «Ich bin überzeugt, dass uns der Yogalehrer mit seinem Mobiltelefon gefilmt hat, als er sagte, wir sollen die Augen schliessen. Und zwar für ‹Indonesiens Lustigste Heimvideos›. Weil wir so unglaublich schlecht waren.» – Indessen war dies nicht die letzte Yogastunde des Bali-Aufenthalts. Wir zogen um in den Como Shambhala Estate. Dieses Resort, von einigen Fachleuten zu den besten der Welt gerechnet, versteht sich als sogenanntes Health Retreat. Und ist damit paradigmatisch für zweierlei: das zeitgenössische Ideal der Persönlichkeitsoptimierung sowie, zweitens, die Transzendierung des Wellness-Begriffs. Wellness per se ist nämlich gar nicht mehr schick, sondern längst eine Art Volkssport der Mittelklasse geworden; in jedem Flughafenhotel kann man sich inzwischen heisse Steine auf den Rücken legen lassen, so dass sich Distinktion nur noch erreichen lässt, indem man Wohlbefinden scheinbar noch radikaler, ganzheitlicher, oder, zeitgenössisch ausgedrückt: holistisch definiert. Genau das ist der Ansatz des Como Shambhala Estate, im balinesischen Dschungel oberhalb des Städtchens Ubud sehr malerisch an den schluchtigen Säumen des Ayung-Flusses gelegen, eine Anlage, die sich in Würdigung der Spiritualität des Ortes der Rund- und Grunderneuerung ihrer zahlenden Gäste verschrieben hat. Der Minimalaufwand dafür beträgt drei Übernachtungen. Ein neuer Mensch in vier Tagen. Und das geht natürlich nicht ohne Yoga.

Wir waren für das sogenannte Bespoke Programme gebucht, was sozusagen als massgeschneiderter Wiederbelebungsplan zu verstehen ist und Folgendes beinhaltet: individuell zugeschnittenes Ernährungsschema, Konsultation mit einem Ayurveda-Doktor, Massagebehandlung nach dessen Verschreibung, Teilnahme am allgemeinen Aktivitätenprogramm. Bei all dem stand einem ein Personal Assistant zur Seite. Unsere Persönliche Assistentin hiess Karti und überreichte uns den Wochenplan, der von Yoga über Tai Chi und Pilates bis hin zum «Vedanta Philosophy Talk» und «Healthy Lifestyle Coaching» eine Fülle von möglichen Aktivitäten umfasste. Und so also kam es zur nächsten Yoga-Lektion im nächsten Freiluftpavillon (und zwar um halb acht Uhr morgens; eine Zeit, zu der ich selten wach bin). Dies verschaffte uns, nebst der Gelegenheit zu innerer und äusserer Balance (oder Ansätzen dazu) einen hübschen Einblick in das Upmarket-Health-Retreat-Publikum: zwei Russinnen mit zahlreichen Pailletten am Körper (das breite Becken der einen verdeckte meist die Instruktorin), eine schwangere Australierin, Lucy und Alex aus Singapur, die gestern mit uns den Estate Walk absolvierten, sowie ein schmächtiger nordamerikanischer Nerd (der einzige, der behauptete, schon mal Yoga gemacht zu haben, obschon er ziemlich schlecht war, und nach der Stunde eine Diskussion mit der Instruktorin begann, und ich konnte mir schon vorstellen, wie er anschliessend unter «Sports» in sein Online-Dating-Profil schrieb: «Tantra Yoga» – aber wahrscheinlich war es bloss meine überschwappende westliche Negativität, die mich zu solchen Einbildungen führte). Wahrscheinlich hatte er auch schon einen Yoga-Namen, der Nerd. So wie in dieser einen Szene in «2 Broke Girls», wo eine der Hauptfiguren, Max, in einem gentrifizierten Coffee Shop in New Yorks Williamsburg auf eine sehr weisse und sehr middle-class-mässige junge Dame trifft, die ebendort als Barista tätig ist und zu Max sagt, sie hiesse «Semhar».

Semhar: It means «light of the tiger» in Sanskrit.

Max: Oh Gees.

Semhar: It’s my yoga name.

Max: Help me, God!

Prakruti ist nicht fair

Die nachmittägliche Yogastunde hingegen leitete Dr Deepak. Das klingt wie ein Rapper, war aber der Ayurveda-Arzt, von Richie und mir allerdings «Doctor Spaceman» genannt, nach dem gleichnamigen Charakter aus «30 Rock», weil er mir in der vorangegangenen Konsultation erklärt hatte, ich könne unbesorgt gelegentlich eine Zigarette rauchen, das sei mit meinem Prakruti problemlos vereinbar, während Richie nur schon durch den Anblick einer Zigarette sofort nikotinsüchtig würde. Prakruti ist nicht fair. – Doctor Spaceman breitete zahllose Mobiltelefone um seine Yogamatte aus, war mir aber lieber als die Pranayama-Atemmeditationstante vom Morgen, die uns beigebracht hatte, unsere Dome übereinanderzustapeln und uns auf unser Zwerchfell zu konzentrieren und dass der Atem unser Freund wäre. Die Tante war mir ein bisschen zu sehr im Gleichgewicht; bei welcher Gelegenheit ich wieder einmal feststellte, dass mir nicht selten gerade die etwas unausgeglichenen Menschen die lieberen und interessanteren sind. Sofern sie nicht völlig von irgendeinem Besinnungsweg konsumiert werden, so wie die übergewichtige Tribade im Spandex-Anzug neben mir, die der gesamten Yoga-Klasse ungefragt von ihrer überdominanten Mutter erzählte. Und indem ich diese Gedanken anstellte, holte ich mit der Yoga-Rolle aus, um eine riesige fauchende Ameise zu erledigen, die sich vom Dschungel hereingeschlichen hat – und in letzter Sekunde von der Tribade gerettet und vor die Tür gesetzt wurde. Dort ward sie sogleich von einer fauchenden Eidechse verschlungen. Das ist Prana!

Und ehe wir es uns versahen, waren wir wieder zuhause in Zürich, und da entschlossen Richie und ich uns, Yoga noch ein bisschen weiterzubetreiben, weil meine Personal Trainerin fand, es wäre eine gute Ergänzung zum Krafttraining und etwas mehr Beweglichkeit könne schliesslich nicht schaden, und auch für Richies Boxtraining erschien das als gute Ergänzung. Und überhaupt ist es ja nie verkehrt, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. «Wir müssen eine Lehrerin finden, die nicht zu esoterisch ist», sagte ich, «aber trotzdem eine Frau. Hier in Westeuropa sind mir Männer als Yogalehrer zu weich. Und schon gar nicht will ich irgendso’n Homoyoga – ich will Hausfrauen! Reale Hausfrauen. Allerdings nicht so deprimierende Hausfrauen, die wirklich arbeiten, sondern – Zürichberghausfrauen. Mit Louis-Vuitton-Yogamatten! Die ihre Brillanten für die Yogastunde nicht abnehmen.» Und so machten wir uns auf die Suche. Und wir fanden: Darthie.

Dehnen unter Anleitung?

Darthie selbst ist allerdings keine Zürichberghausfrau im soziologisch strengen Sinne und heisst auch gar nicht wirklich Darthie, sondern wir nennen sie bloss so, als Kurz- und Koseformform von Darth Vader, weil Darthie, unsere schlanke und feingliederig gebaute Yogalehrerin, die sich so grazil und leicht bewegt und biegt, als ob sie nichts an sich zu tragen hätte, bei den Yogasanas ungefähr genauso geräuschvoll atmet wie Darth Vader. (Bei unserer ersten Darthie-Stunde dachte ich, das wäre irgendeine CD als Hintergrundgeräusch, so wie es ja auch Walfischgesänge auf CD gibt, zum Beispiel; ich konnte nicht fassen, dass solche Geräusche aus so einer zierlichen Person rauskommen können. Allerdings lernte ich beim Yoga schnell, dass auch aus feenhaften Wesen noch ganz andere Geräusche rauskommen.) Ich mag Darthie. Sie ist eine DTEP (= down to earth person) und keinesfalls zu esoterisch. Wir machen Hatha Yoga, eine der fünf klassischen Yoga-Arten. Darthie macht die Übungen mit und leitet sie zugleich verbal an. Hatha Yoga ist das, worunter der westliche Sprachgebrauch eher körperbetonte Yoga-Praktiken zusammenfasst. Also das, was ich früher, als Yoga-Ignorant, immer als «Dehnen unter Anleitung» bezeichnet habe, und irgendwie trifft es das auch immer noch. Doch das ist nicht zuletzt genau das, was ich will – oder besser: was ich brauche, denn ich hasse Dehnen und mache es nach dem Kraft- oder Ausdauertraining nur unter Zwang. Und vielleicht empfinde ich die Asanas deswegen oft als pretty anstrengend; Yoga ist in der Tat viel anstrengender, als es aussieht, genau wie Golf, über das ich auch immer behauptet habe, es wäre die Sportart, die dem Sitzen am nächsten käme, bis zu meiner ersten Golfstunde, die auf der lieblichen Insel Mauritius stattfand … ich scheine irgendwie dauernd Zeugs auf Inseln anzufangen, aber das ist ein anderes Thema.

Neben den fünf klassischen Yoga-Arten gibt es bekanntlich in unserer hochdifferenzierten Wellnessgesellschaft auch noch so Hybrid-Varianten wie zum Beispiel Bikram Yoga, Jivamukti Yoga, Yogilates (my favourite) oder Frauenyoga, wobei eigentlich beinahe jede Yoga-Variante als Frauenyoga anzusprechen ist, denn rund achtzig Prozent der Yogis in der westlichen Welt sind weiblich, also Yoginis. Im Westen gilt Yoga einfach immer noch als nicht sehr männlich, wahrscheinlich wegen der spirituellen Komponente. Immerhin war Yoga ursprünglich ein rein spiritueller Weg, der vor allem die Suche nach Erleuchtung durch Meditation zum Ziel hatte. Und weil Yoga aus Indien stammt, liegen die Wurzeln der Yoga-Philosophie im Hinduismus und Teilen des Buddhismus. Die vielen Asanas, also Körperübungen, entstanden demgegenüber erst im Laufe der Zeit. Ihr vorrangiges und ursprüngliches Ziel war es, den Körper so zu kräftigen und zu mobilisieren, dass er möglichst beschwerdefrei über einen längeren Zeitraum im Meditationssitz (etwa dem Lotussitz) verweilen konnte. Also waren die Körperübungen anfänglich noch der Spiritualität untergeordnet. Mit der Zeit jedoch erkannte man immer mehr die positive Wirkung der körperlichen Übungen auf das gesamte, also auch das rein physische Wohlbefinden des Menschen, und so wurden die Asanas auch in ihrem eigenen Anspruch als Körperschule weiterentwickelt. Wobei es beim Yoga ja eben keine Trennung der Sphären gibt, wozu ich folgendes Bild im Interweb gefunden habe (Metaphern sind wichtig beim Yoga): Das Individuum wird als ein Reisender im Wagen des materiellen Körpers gesehen. Der Wagen ist der Körper, der Kutscher der Verstand, die fünf Pferde die fünf Sinnesorgane, der Fahrgast die Seele, und das Geschirr heisst im Indischen «Yoga».

Es geht ums Jetzt

Soviel zur Metapher. In praxi sehen Darthies Lektionen wie folgt aus: Darthie beginnt mit einem kurzen Gedanken zur Einheit von Körper, Seele und Geist, indem sie zum Beispiel eine Stelle aus dem Yoga-Sutra des Patañjali vorträgt, dem wichtigsten Ursprungstext und Leitfaden des Yoga, das dessen philosophische Grundlagen, die Essenz des Yogawegs, sehr komprimiert zusammenfasst. Patañjali war ein indischer Gelehrter, der mutmasslich im 2. Jahrhundert vor Christus lebte – sofern er überhaupt je gelebt hat. In der indischen Mythologie gilt er als Inkarnation des Schlangenkönigs Shesha, gern als Mischwesen aus Schlange und Mensch dargestellt – und eine solche Physis wäre, wenn Sie mich fragen, für die meisten Yoga-Übungen von Vorteil. Sei’s drum. Im Yoga-Sutra wird Yoga als achtgliedriger Weg dargestellt, und die acht Aspekte sind die folgenden: Yama (Moral, Ethik), Niyama (Selbstdisziplin), Asana (körperliche Disziplin), Pranayama (Beherrschung des Atems, mentale Disziplin), Pratyahara (Sich-nach-Innen-Ausrichten, Disziplin der Sinne), Dharana (Konzentration), Dhyana (Meditation), Samadhi (Ekstase, Versenkung, Verwirklichung des höheren Selbst). Alle acht Glieder des Yoga bilden eine untrennbare Einheit. Oft wurden sie als Stufen einer Entwicklung interpretiert, eigentlich beziehen sie sich jedoch auf verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens, so dass sie nicht nacheinander zu praktizieren sind, sondern vielmehr einen ganzheitlichen Übungsweg darstellen. Die Yogasanas etwa sollen stets das Zusammenspiel von Körper, Geist, Seele und Atem verbessern, sie sind auch eine Methode der Reinigung und Besinnung. Eine Aufwärtsentwicklung ist nur insofern ein treffendes Bild, als dass Samadhi, die All-Einheit, das letztendliche Ziel des Yogaweges repräsentiert: die völlige Ruhe des Geistes. Selbstvervollkommnung. Aber will man das? Ruhe ist doch auch immer ein bisschen – leblos. Und Selbstvervollkommnung – das Ende.

Jedenfalls spürte ich bisweilen inneren Widerstand, wenn Darthie beispielsweise über den erstrebenswerten Zustand der Wunschlosigkeit sprach, Sinn und Selbst bezähmend, nichts hoffend, ohne Besitz. Für mich sind Wünsche und Hoffnungen ein wichtiger und legitimer Antrieb der Seele. Schon eher könnte ich mich damit abfinden, dass die analytische Wahrnehmung der Dinge in ihren Grenzen lediglich ein menschliches Raster darstellt, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. (Immanuel Kant hat im Grunde nichts anderes gesagt.) Dagegen steht im Yoga die ganzheitliche, intuitive und auf den Moment bezogene Wahrnehmung. So spricht Darthie, und dann lockern und recken wir uns und beginnen allmählich mit dem, was Darthie «Körperarbeit» nennt: Atemübungen, dem Spüren des Körpers und zugleich dem Zurückziehen der Sinne ins Hier und Jetzt. Besonders in dieser Anfangsphase (und dann wieder in der Endphase) der Lektion spricht Darthie das, was ich als «Yoga-Lingo» bezeichnen möchte, und das hört sich ungefähr so an: « … der Beckenraum ist offen und geräumig und gewiegt von Atem … » Es geht jetzt ums Jetzt. Es geht um Leere und Offenheit und das Jetzt. Und das Jetzt dauert mir manchmal eine Idee zu lange, besonders wenn Darthie während einer Übung ein bisschen umhergeht und die Stellung mancher Teilnehmerin verbessert, und während sie dies tut, verharren wir alle im Tauchenden Otter oder Hängenden Storch, bis Ursi ihre Ferse richtig setzt, und dann wird es langsam painful, und dann frage ich mich bisweilen: Hat eigentlich das Grossmünster schon geschlagen?

Nach einer guten Stunde folgt noch eine Phase der Tiefenentspannung und dann enden wir, wie wir begannen: mit Namaste. Und, idealerweise, in einer Haltung der inneren Gelassenheit. «Mehr Gelassenheit!», wie schon Frank Costanza sagte. Bloss will sich die bei mir nicht immer so recht einstellen. Viele Menschen, die ich kenne und die Yoga betreiben, finden es dabei am schwierigsten, sich mental auf den Augenblick und die jeweilige Übung zu focussieren und an nichts anderes zu denken. Dies wiederum ist irgendwie nicht so wirklich mein Problem, das Wichtigste scheint mir hier einfach, sich im Moment nicht darüber aufzuregen, falls man gelegentlich gedanklich abschweift. Ich für meinen Teil kann sagen, dass die Gelegenheit, sich eine Stunde lang in einem gesetzten Rahmen vorzugsweise mit augenblicklichen inneren und äusseren Bewegungsabläufen zu befassen, für mich eine der Hauptmotivationen für Yoga darstellt. Darüber hinaus habe ich neulich Richie erklärt, dass die 75 Minuten Yoga pro Woche wahrscheinlich denjenigen Block meiner gesamten wöchentlichen Wachzeit repräsentieren, in dem ich am wenigsten spreche.

«Was ist, wenn du allein bist und arbeitest?», fragte Richie daraufhin.

«Du weisst doch, dass ich gern mit mir selbst rede, Kleines», erwiderte ich.

Yoga Is As Yoga Does

Vielleicht bin ich einfach zu kompetitiv. Ich liebe Wettbewerb. Sofern ich gewinne. Im Yoga geht es allerdings nicht ums Übertrumpfen, sondern um Erleuchtung, Aufklärung, die Zusammenführung des äusseren und inneren Daseins, wie Niles Crane es ausdrückte. Das ist gut und schön und downright wundervoll, aber ich kann trotzdem nicht verhehlen, dass ich gelegentlich frappiert bin, wie gelenkig auch solche Hausfrauen sind, die gar nicht danach aussehen. Ich weiss nicht, was die nebenher noch alles betreiben, wahrscheinlich Pilates, Spinning, Krav Maga – jedenfalls sind da manche anscheinend fitter als ein Navy Seal! Und stehen noch lange als Baum, während ich schon längstens neben ihnen umgestürzt bin. So graziös wie möglich, natürlich. Am aller-gelenkigsten ist, selbstverständlich, Darthie – die mir übrigens manchmal ihre Füsse auf die Hände stellt oder sich auf mich lehnt, damit ich beim Hund noch weiter in die Dehnung komme, denn im Gegensatz zu den meisten der Krav-Maga-Housewives bin ich immer noch nicht biegsam, ich bin mehr wie Kirstie Alley. Oder wie Elvis Presley. Von dem stammen die Zeilen:

You tell me just how I can take this yoga serious

When all it ever gives to me is a pain in my posteriors.

So singt Elvis in seiner Rolle als Lieutenant Ted Jackson den Song «Yoga Is As Yoga Does» in dem hinlänglich belanglosen Film «Easy Come Easy Go» von 1967, und ich bin in gewissen Momenten im Yoga auch ungefähr so gut wie Elvis in der dazugehörigen Filmszene (Sie können das auf Youtube sehen), ich ächze und rutsche über die Matte, Schütze, Kobra, Embryo, Kamel, und Darthie sagt: Erzwingt nichts, nehmt nicht mich zum Vorbild, jedes für sich, hört auf euren Körper. Und ich kippe sanft zur Seite und denke währenddessen: Wenn ich auf meinen Körper hören würde, würde ich vermutlich den ganzen Tag Pizzas und Pornos konsumieren und wäre bestimmt nicht hier.

So betreiben wir jetzt Yoga seit beinahe drei Jahren – und ich habe das sichere Gefühl, ich mache keinerlei Fortschritte. Balance, Ausdauer und Harmonie unterliegen bei mir, wie so viele Sachen, gewissen Tagesformschwankungen, aber grundsätzlich bin ich, körperlich und mental, mutmasslich genauso unflexibel wie vorher. Und trotzdem höre ich nicht auf. Weil ich es irgendwie mag. Ich mag es irgendwie, aus diesem materialistischen Alltag gezogen zu werden, wo man Dingen und Geschäften hinterherläuft, und mich Körperhaltungen, Bewegungsabläufen, inneren Konzentrationspunkten, Atemführung, Mantras und Chakren zu widmen. Bevor ich mich dann von der Yogamatte erhebe und um die letzten Ralph-Lauren-Bettbezüge im Ausverkauf bei Selfridges kämpfe. Und mich auf diese Weise wieder von einem künstlichen, vorübergehenden High zum nächsten hangle. Und vielleicht ist das ja schon ein Fortschritt und eigene Form der spirituellen Harmonie. Nicht das mit dem Einkaufen, das habe ich schon immer gemacht. Sondern die bewusste Wahrnehmung dieses Bruchs, den das Beschreiten des Yoga-Wegs bedeutet, vielleicht liegt darin ja bereits eine beruhigende, ausgleichende Wirkung und innere Einkehr, ein Hinweis auf jene universale, ideelle Ganzheit, die genutzt werden kann, das eigene Verhalten gegenüber den Mitmenschen zu reflektieren, um es positiver zu gestalten. Natürlich sind auch jene Augenblicke schön und lebenswert, wo jemand beim Asana ein Pupsgeräusch hören lässt, ein Klassiker beim Yoga, an dem ich immer wieder Spass habe, Sie müssen verzeihen, ich bemühe mich ja stets, stylish und classy zu sein, aber bestimmte Winkel meines Gemüts sind wohl eher schlicht. Oder sehen aus wie eine ziemlich miese Gegend von Los Angeles. Aber denen verdanke ich auch ganz heitere Momente ideeller Ganzheit.

Im Bild oben: Tausende machen während der Sommersonnenwende Yoga auf dem Times Square in New York, 20. juni 2012. (AP/Mark Lennihan)