Das ideale Selbst

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Ich gehöre durchaus und überhaupt nicht zu diesen Leuten, die behaupten, nie fernzusehen oder gar keinen Fernseher zu besitzen. Ich bin überzeugt, dass Leute nur deswegen keinen Fernseher haben, um anderen Leuten zu erzählen, dass sie keinen Fernseher haben. Das Einzige, was noch schlimmer ist als Leute, die dir erzählen, dass sie keinen Fernseher haben, sind Leute, die dir erzählen, dass sie den Vorsatz gefasst haben, keinen Fernseher mehr zu haben. Ich für meinen Teil finde, dass es fabelhafte Formate im Fernsehen gibt – ebenso wie ich andererseits finde, dass man beispielsweise das gesamte deutschsprachige Privatfernsehen ohne grossen Verlust verbieten könnte. Und sollte. Dies nur am Rande. Was ich eigentlich erzählen wollte: Unlängst habe ich auf einem deutschen Spartenkanal eine Dokumentation über verzweifelte mittelalte deutsche Singles verfolgt (die meisten mittelalten Singles sind offenbar verzweifelt, vielleicht auch nur in Deutschland), darunter ein unbekannter Opernsänger, 46, der die Partnersuche wissenschaftlich anging, indem er Bücher über die weibliche Psyche studierte und überdies ein sogenanntes Pick-up-Seminar besuchte, wo ein Seminarleiter, der irgendwie den Eindruck machte, als wäre er ebenfalls Single, einer Gruppe von Alleinstehenden einhämmerte, der Schlüssel zum Erfolg in der Liebe läge in der Entwicklung einer sogenannten Power Personality; positiv, freundlich, dynamisch. Und ich lag auf dem Sofa und vertilgte Frozen Yogurt mit zerbröselten Oreos obendrauf und dachte: «Self-Improvement, my arse!»

Wenn Sie mich fragen, ist etwas grundsätzlich faul mit diesem Ratgeber-Ideal der Selbstoptimierung, dass eine Art Survival of the Nicest suggeriert, wobei hier «Niceness» genauso angequält wird und wirkt wie irgendwelche Benimmregeln im After-Work-Manierenworkshop. Ich finde, die totale Nettigkeit stört die Psychohygiene; Optimismus und Lebensgestaltung werden überschätzt, und Selbsthilfeprogramme sowieso. Darinnen drückt sich eine «Lebensphilosophie» aus, die gar keine ist. Denn was ist Philosophie? Wozu betreibt man sie? Wozu? Die Frage weckt bei mir Erinnerungen an ein lange zurückliegendes Seminar an der philosophischen Fakultät der Universität Zürich. Wir lasen «Faktizität und Geltung», diesen von Jürgen Habermas verfassten Meilenstein der Diskursethik – und ein Paradebeispiel für die prätentiöse Sprache der sogenannten Frankfurter Schule, die Banales gerne hermetisch ummäntelt (obschon dies strenggenommen gegen die Diskursethik verstösst). Schräg gegenüber von mir sass zufällig Roger Köppel, heute Besitzer und Herausgeber der «Weltwoche». Wie gesagt: Die Sache ist lange her. Herr Köppel stellte angeregt Fragen, während ich in jeder Sitzung nur eine Frage stellte, nämlich, so nach ungefähr 70 Minuten: «Können wir bitte mal das Fenster aufmachen?» – Nun, wir sehen heute, was aus uns geworden ist: Herr Köppel leitet und besitzt, wie gesagt, die «Weltwoche», und ich – quäle mich jeden Mittag gegen halb zwölf aus dem Bett und verbringe anschliessend ein Leben in gehetzter Pseudojugendlichkeit zwischen Eggs Benedict in der Polo Lounge und Ferrari-Testfahrten auf Sizilien. Soviel zum praktischen Nutzen der Philosophie für das Leben.

Bevor wir aber fragen «Wozu Philosophie?», sollten wir vielleicht eine noch schlichtere Frage stellen, nämlich: «Was ist Philosophie?» Man kann Philosophie jenseits aller Metaphysik auch pragmatischer, handlungsorientierter verstehen: Philosophie leistet Hilfestellung bei Verständigung über unsere Handlungszwecke und über die unser Handeln einschränkenden Regeln. Die Antwort auf die Frage «Wozu Philosophie?» bestünde dann darin, dass die Philosophie ihrerseits praktische Antworten gibt, zum Beispiel auf die vier berühmten und andauernd zitierten Fragen Immanuel Kants: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen? 4. Was ist der Mensch? – Neuerdings aber soll Philosophie alles Mögliche möglich machen. Die Grenzen zur Therapie werden fliessend, «Glück» und «Lebenskunst» und «Selbstbefreundung» werden als Trainingskonzepte von irgendwelchen gescheitelten Siegelringträgern zurechtgeschnipselt für das endlose Projekt der Selbstfindung und Selbstrekonstruktion des post-post-modernen Wellness-Subjekts, das vergisst, dass nur Amöben sich selbst erschaffen.

Geht es also der sogenannten Gegenwartsphilosophie bloss noch darum, die Individuen in ihr Optimum zu bringen? Dann wäre Philosophie lediglich eine Gestalt des Zeitgeistes, das, was in früheren Dekaden Tiefenpsychologie und Esoterik waren. Eine derartig verstandene Philosophie fungierte neben Diäten und Ernährungsdoktrinen, Work-Life-Balance-Training, dem Coaching zur emotionalen Intelligenz und Barbara Beckers Pilatesprogramm als eine von vielen Alltagsbewältigungsstrategien des zeitgenössischen Individuums, eine von zahllosen Orientierungshilfen, die dessen vulgärnarzisstischen Impuls belohnen: die ängstliche Sorge um den Eindruck, den man auf andere macht. Einer derartigen Philosophie wäre es immerhin im Hegelschen Sinne perfekt gelungen, ihre Zeit auf den Begriff zu bringen. Allerdings wäre sie natürlich total runtergekommen. Sie merken: Manchmal bin ich ein wenig missvergnügt. Ausserdem bin ich moody, cranky, controlling, you name it. Und selten schaffe ich es, Frozen Yogurt im Liegen zu essen, ohne dass ein Drittel davon auf meinem T-Shirt landet. Doch ich habe bereits den besten Ehemann von allen. Der Opernsänger hingegen ist immer noch single.