Neigen Sie zur Sünde?

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Heute ist, wenn ich das richtig verfolgt habe, Karfreitag, meine Damen und Herren, und obschon wir hier ja streng überreligiös sind, nehmen wir doch gerne diesen Tag zum Anlass, um uns mit der Sünde zu befassen. Der bekannte Evolutionsbiologe und sogenannte Neue Atheist Richard Dawkins hat festgestellt: «We still adhere to a religious notion of sin to tell right from wrong.» Andererseits haben wir an dieser Stelle ja auch schon konstatiert, dass die spätmoderne Gesellschaft die sieben Todsünden geradezu umarmt. Oder doch nicht? Vielleicht sollten wir zunächst die Begriffe klären: Als Sünde bezeichnet das katholische Christentum nicht etwa Stolz, Gier oder Unkeuschheit, sondern Akte, durch die ein Mensch bewusst und frei Gott und sein Gesetz zurückweist, zum Beispiel Mord oder Diebstahl. Sämtliche Sünden, seien sie schwer oder lässlich, entstehen nach der klassischen Theologie aus sieben schlechten Charaktereigenschaften oder Hauptlastern, nämlich eben Hochmut, Habsucht, Missgunst, Zorn, Wollust, Völlerei und Trägheit. Diese Charaktereigenschaften werden als Hauptlaster bezeichnet. Verwirrend und falsch, aber weit verbreitet ist die Bezeichnung der sieben Hauptlaster als sieben Todsünden.

Neben diese Sprachverwirrung ist eine Verwirrung der Gemüter getreten. Früher schreckten die Leute vor der Sünde zurück, denn die im Jenseits verhängten Strafen waren infernalisch. Nach der Lehre der katholischen Kirche zieht man nämlich den zweiten Tod, die Höllenstrafe, auf sich, wenn man mit einer Todsünde auf dem Herzen stirbt. Und zwar für alle Ewigkeit. Das sah zum Beispiel so aus: Gierige Schlemmer wurden gezwungen, Ratten, Kröten und Schlangen zu verspeisen; Jähzornige wurden bei lebendigem Leibe zerstückelt, und die Missgünstigen wurden in eiskaltes Wasser getaucht.

Weil die katholische Morallehre nicht zu den flexibelsten Anschauungen gehört, sind die Strafen immer noch infernalisch – aber eben nur theoretisch. Schleichend und allmählich, aber überaus praktisch dagegen hat eine sehr weltliche Koalition von Produktmanagern, Programmplanern, Profi-Sportlern und Politikern eine Grossattacke auf die Sünden lanciert: der Sonntag wurde abgeschafft, ganze Medienkonzerne widmen sich der Trägheit, Gier und Völlerei, indes das Fernsehen zumeist von seinen Akolythen nichts als unendliche Faulheit verlangt, während gleichzeitig Begriffe wie «Neid», «Habgier» und «Geiz» in fast schon Orwellscher Manier durch Eisfabrikanten und Elektro-Discounter positiv besetzt werden … und wir, was taten wir? Wir warfen einen Blick auf die Sünde und stellten fest, dass sie eigentlich ganz attraktiv ist … – also, manchmal ein bisschen unheimlich und irgendwie furchterregend, aber eigentlich ganz attraktiv. Ungefähr so wie Joan Collins bei mildem Licht. Und wir rannten los und sündigten. Oder? Prüfen Sie sich selbst: Machen Sie den Test!

Hauptlaster Nr. 1:

Superbia: Stolz, Eitelkeit, Hochmut, Arroganz

= diejenige in Reden und Handlungen sich ausprägende Gemütsverfassung, in welcher der eigene Wert höher angeschlagen wird als er wirklich ist

Rollenvorbilder: Victoria Beckham, Kanye West

Testfragen: Haben Sie jemals:

• Auf einer Dinnerparty heimlich die Platzkarten getauscht, weil Ihnen die Sitzordnung nicht gerecht wurde?

• Es als Ihr Geburtsrecht empfunden, beim Check-in ein Upgrade zu bekommen?

• Ein Produkt von La Mer gekauft?

• Festgestellt, dass Ihnen die Grösse von Brillanten wichtiger ist als deren Reinheit?

• So getan, als hätten Sie keine Zeit, zu einer Party zu gehen, zu der Sie in Wahrheit gar nicht eingeladen waren?

• Sich automatisch in Pose gerückt, wenn Sie irgendwo eine Kamera sahen?

 

Hauptlaster Nr. 2:

Avaritia: Gier, Habgier, Geiz

= zwanghafte oder übertriebene Sparsamkeit in Verbindung mit dem Unwillen, Güter zu teilen, sowie dem rücksichtslosen Streben nach materiellem Besitz, unabhängig von dessen Nutzen

Rollenvorbilder: Paul Getty, Candy Spelling

Testfragen: Haben Sie jemals:

• Festgestellt, dass Sie sich andauernd nach Preisen erkundigen?

• Festgestellt, dass Ihre Form der Chaos-Theorie so aussieht, dass die ganze Welt zusammenbricht, wenn Sie nicht sofort diesen Bikini / diese Duftkerze / diesen Sportwagen bekommen?

• Dinge im Chanel Sample Sale an sich gerafft, die heute noch in den Tüten bei Ihnen rumstehen?

• Einen Staatsstreich geplant / durchgeführt?

• Sich in der Phantasie ein (zweites) Haus in Bel Air eingerichtet?

 

Hauptlaster Nr. 3:

Invidia: Neid, Missgunst, Eifersucht

= Gefühl des Unbehagens über das persönliche Glück oder den beruflichen Erfolg eines Mitmenschen, verbunden mit der Absicht, den beneideten Vorzug zunichte zu machen (nicht etwa, ihn an sich zu bringen – das wäre Habsucht)

Rollenvorbilder: Thomas Minder, Zsa Zsa Gabor

Testfragen: Haben Sie jemals:

• Gewünscht, Sie wären Victoria Beckham? (s. auch Hochmut)

• Eine Dinner-Party-Konversation als Wettbewerb verstanden?

• Sich bei einem Chanel Sample Sale verhalten wie Verhungernde bei der Essensausgabe vom Roten Kreuz? (s. auch Habgier)

• Vorgegeben, noch nie von jemandem gehört zu haben, der erfolgreicher ist als Sie? (s. auch Hochmut)

• Eine Party nur besucht, um die Inneneinrichtung Ihrer Gastgeber zu inspizieren, besonders die Gemäldesammlung?

 

Hauptlaster Nr. 4:

Ira: Zorn, Wut

= starkes Gefühl der Unzufriedenheit, das sich unterschiedlich äussert; einerseits als ungerichteter wutartiger Affekt (Jähzorn) mit Kontrollverlust; andererseits als (längerdauerndes) Zürnen (Groll oder Ingrimm), als Letzteres immer gegen eine bestimmte Person oder Gruppe gerichtet

Rollenvorbilder: Naomi Campbell (geradezu eine allegorische Darstellung des Zorns), Ernst August von Hannover

Testfragen: Haben Sie jemals:

• Ihren Persönlichen Assistenten / einen Hotelreceptionisten / einen Fotografen / einen zufällig herumstehenden unbeteiligten Dritten mit einem Telefon oder Regenschirm geschlagen?

• Das Gefühl gehabt, dass Sie Amok laufen müssen, weil man Ihnen bei Starbucks irrtümlich Decaf Latte ausgeschenkt hat?

• Einem Taxi Verwünschungen hinterher geschrien, weil es nicht für Sie anhielt?

• Im Jähzorn etwas zerstört?

• Jemanden, der sich auf einer Cocktail Party mit Ihnen unterhielt, umbringen wollen, als dessen Blicke während des Gesprächs zum Eingang schweiften, um Neuankömmlinge zu begutachten? (s. auch Eitelkeit)

 

Hauptlaster Nr. 5:

Luxuria: Wollust, Unkeuschheit

= starke sexuelle Begierde; nicht nur körperliches Verlangen, sondern auch erotische Einbildungskraft mit den dazugehörigen Triebkräften und Sublimierungen

Rollenvorbild: Janice Dickinson, Larry King

Testfragen: Haben Sie jemals:

• Strip-Poker gespielt?

• Die Nachrichten wegen des Sprechers gesehen?

• Wurst wegen des Metzgers gekauft?

• Einen Lap Dance im Boujis improvisiert, obschon niemand Sie darum gebeten hatte?

• Einen Hip-Hop-Song aufgenommen?

• Penicillin schlucken müssen?

 

Hauptlaster Nr. 6:

Gula: Völlerei, Unmässigkeit

= Neigung zu einem ausschweifenden und masslosen Leben. Das moderne Konzept von Völlerei umfasst nicht nur Essen, sondern jegliches Phänomen mit Suchtpotenzial: Alkohol, Drogen, Gewicht, Plastische Chirurgie – alles, wogegen es eine anonyme Gruppe und ein 12-Stufen-Programm oder einen Ratgeber von Allen Carr gibt

Rollenvorbild: Pete Doherty, Kirstie Alley

Testfragen: Haben Sie jemals:

• Beluga gegessen, nur weil er angeboten wurde?

• So extrem Atkins-Diät betrieben, dass Kohlenhydrate in Ihnen Furcht auslösten?

• Verschiedenste Cocktails auf Parties gemischt?

• Eine Panikattacke erlitten, als Sie feststellten, dass Sie kein Alka Seltzer in Ihrer Birkin Bag fanden?

• Vor einem mittelgrossen Publikum (ausserhalb von Las Vegas) improvisierte Zaubertricks auf Crack vorgeführt und danach alles vergessen?

• Nachdem Sie leicht angetrunken von einer Dinner Party zurückkamen, zuhause noch Ihren Kühlschrank geöffnet und sämtliche Reste Ihrer eigenen Dinner Party vom Tag zuvor verspeist?

• Festgestellt, dass Sie am Tag so viel Geschirr verbrauchen wie ein mittelgrosses Hotel?

• Alle anderen Menschen im Umkreis von 15 Metern des All-you-can-eat-Buffets als gefährliche Nahrungskonkurrenten betrachtet? (s. auch Habgier)

 

Hauptlaster Nr. 7:

Acedia: Faulheit, Trägheit des Herzens

= charakterliche Aversion gegen Arbeit und Aktivität; zugleich Phlegma, Trägheit des Herzens, Trübung des Willens, Verfinsterung des Gemüts und Verlust der Tatkraft

Rollenvorbild: Paris Hilton

Testfragen: Haben Sie jemals:

• Jemanden angerufen, der weniger als 100 Meter entfernt von Ihnen war?

• Vergessen, wie man einen Korkenzieher benutzt?

• Eine Einladung zu einer Dinner Party akzeptiert, nur für den Fall, dass Sie an jenem Abend nichts Besseres vorhätten, und sich dann nicht darum gekümmert, diese abzusagen? (s. auch Hochmut)

• Festgestellt, dass die Zahl der Leute, die Sie regelmässig für Dienstleistungen beschäftigen, zwölf übersteigt?

• Mehr als vier Tage hintereinander bei völliger körperlicher Gesundheit im Bett verbracht?

• Realisiert, dass Sie die Reise vom Beau-Rivage nach La Prairie als Ihren Arbeitsweg betrachten?

 

Damit hätten wir die sieben Hauptlaster abgefragt. Je öfter Sie mit ja antworteten, desto eher neigen Sie zur Sünde. Wenn Sie hingegen überwiegend bis andauernd mit nein geantwortet haben, sind Sie zwar von Todsünden relativ weit entfernt, jedoch womöglich sterbenslangweilig. Und das ist eventuell die letzte grosse Sünde, die unsere spätmoderne Welt noch zu bieten hat.


Liebe Leserinnen und Leser, über Ostern kann es etwas länger dauern, bis ihre Kommentare freigeschaltet werden. Die Redaktion.

Im Bild oben: Naomi Campbell findet sich gar nicht zornig; hier bei der GQ Style Night 2007 in München (Foto: AFP/Sascha Schürmann)