Der Fremde neben mir

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Wir haben diese Woche hier im Blog Mag zur Social Isolation Week erklärt (OK, ich habe das eigentlich eher selbstherrlich im Alleingang getan), und zum Abschluss derselben, meine Damen und Herren, wenden wir uns nun einem Verkehrsmittel zu, das hinsichtlich der Platzwahl und damit einer möglichen sozialen Isolierung die stärksten Reglementierungen von allen aufweist: Ich meine natürlich das Flugzeug. Neulich sass ich auf einem Kurzstreckenflug neben einem unscheinbaren Herrn, der mich höflich begrüsste, während der Reise zwei oder drei freundliche Sätze zu einem konfliktfreien Allerweltsthema mit mir wechselte und schliesslich meinen Abschiedsgruss beim Verlassen der Maschine wie folgt quittierte: «Auf Wiedersehen und alles Gute für Sie!» Worauf ich fast ein bisschen schockiert war, denn sowas ist doch eine Seltenheit: der perfekte Sitznachbar! Ich weiss nicht, wie’s bei Ihnen aussieht, liebe Leser, aber neben mir im Flugzeug sitzt sonst mit einer merkwürdigen Regelmässigkeit irgendein Wesen, das aussieht wie Jabba the Hutt an einem schlechten Tag, nämlich dem, an dem er starb, und meistens obendrein akut erkältet ist.

Bei den allermeisten Fluggesellschaften kann man ja heutzutage auch in den weniger luxuriösen Beförderungsklassen schon im Voraus übers Interweb seinen Platz reservieren, und meistens funktioniert das auch ganz gut, mit einer kleinen Einschränkung: der Sitznachbar wird nicht angezeigt. Und so wie ich seit langem dafür kämpfe, dass Fluggesellschaften bei der Ermittlung von Übergewicht endlich dazu übergehen, nicht nur die Gepäckstücke, sondern auch den Passagier mit auf die Waage zu stellen, um dann eine Höchstgrenze für die Gewichtgesamtsumme festzulegen, denn alles Andere ist ungerecht – so plädiere ich auch dafür, dass einen das elektronische Buchungssystem bei der Sitzplatzreservation warnt: «Sind Sie sicher, dass Sie Platznummer 5 Charlie wollen? Neben Ihnen sitzt die böse Riesenmade Jabba the Hutt. Die obendrein akut erkältet ist.»

Der Nachbar im Flugzeug

Doch das scheint jetzt anders zu werden. Das mit den Nachbarn, meine ich. Immer mehr Airlines bieten nämlich sogenanntes Social Seating an. Und was ist Social Seating? Nun, ganz allgemein gesprochen: Social Seating ist die Möglichkeit, sich seine Sitznachbarn in öffentlichen Räumen wie Flugzeugkabinen, Theatersälen, Sportarenen oder Restaurants im Voraus nach Wunsch zusammenzustellen. Während früher die Leute, die neben einem im Flugzeug oder am Nachbartisch im Restaurant sassen, ja mehr oder weniger dem Zufall überlassen waren. Social Seating funktioniert wie folgt: Bei der Online-Buchung einer Veranstaltung, zum Beispiel eines Fluges oder Konzertes, stellt der Kunden zusätzliche Daten etwa über seine Interessen, sein Aussehen oder seinen Beziehungsstatus zur Verfügung, meistens über sein Profil bei sozialen Netzwerken wie Facebook, Linkedin oder Twitter. Diese Informationen werden dann via Profilabgleich mit denen der anderen Kunden abgestimmt und daraus resultierend Vorschläge zum optimalen Sitznachbarn angeboten. Oder der Kunde nimmt diesen Abgleich selbst vor, indem ihm sämtliche anderen Profile zum Beispiel auf einem bestimmten Flug angezeigt werden. So dass Sie schliesslich für die elf Stunden von Amsterdam bis San Francisco nicht neben diesem laut schnarchenden Handelsvertreter enden, der aussieht wie Jabba the Hutt, sondern neben einer Facebook-Sexbombe, die mit Ihnen eine Passion für den Frühkubismus teilt.

Es gibt Leute, die behaupten, Social Seating würde komplett die Art und Weise ändern, wie wir reisen, ausgehen, uns bewegen. Und zunächst klingt das ja auch ziemlich bahnbrechend und umwälzend, und die Einführung von Social Seating bei verschiedenen Fluggesellschaften hat auch bereits zu lustigen Selbstversuchen von Journalisten geführt. Zu denen gehöre ich nicht. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich halte nichts davon. Nicht nur habe ich Bedenken, weil auf diese Weise mal wieder eine Fülle privater Daten umgewälzt wird – und ich für meinen Fall es schätze, wenn nicht online einsehbar ist, wann ich zum Beispiel wohin fliege und wo ich dann sitze. Ich weiss auch nicht genau, was passieren soll, wenn man bei erneuter Kontrolle des Sitzplans feststellt, dass sich Uschi aus Sonthofen, mit der man mal vor 15 Jahren zwei Wochen eine Segelschule besucht hat und ansonsten eigentlich nie wieder was zu tun haben wollte, den Platz neben einem gekrallt hat (der sonst vielleicht frei geblieben wäre). Ob man sich dann umsetzen kann? Und heisst das, dass sich dann alle ständig umsetzen? Meine tiefe Skepsis gegenüber Social Seating beruht weiterhin auf der Binsenweisheit, dass einen die Vorauswahl des Sitznachbarn nur sehr bedingt vor Enttäuschungen und Peinlichkeiten schützt, denn die Online-Profile der meisten Menschen sind doch als virtuelle Repräsentationen meistens Idealangaben. Und dann sitzt man elf Stunden neben Jabba the Hutt, der sich auf Facebook als Sexbombe ausgab und sich nun eingeladen fühlt, seine Faszination für Kannibalismus mitzuteilen, den er mit Kubismus verwechselte. Und obendrein ist er akut erkältet.

Der Zauber des Zufalls

Nein, es geht mir jenseits der praktisch-technischen Bedenken um etwas viel Grundsätzlicheres. Wir leben in einer Zeit, die besessen ist mit Über-Information und Pseudo-Effizienz, und in der es für einen Idealzustand ausgegeben wird, dass man zum Beispiel über eine profilgesteuerte Platzverteilung die Zeit im Flugzeug besser nutzen kann, indem man gezielte Netzwerkpflege oder Beziehungsanbahnung betreibt. Wie armselig! Zugleich nämlich ist unsere Zeit besessen mit Kalkulierbarkeit und Sicherheit und fürchtet sich vor dem Unwägbaren, dem Spontanen, dem Zufall. Der Zufall aber ist ein wichtiges Prinzip nicht nur der Geschichte im allgemeinen, sondern gerade des Reisens im besonderen; er macht, philosophisch gesprochen, geradezu dessen Reiz und Wesen aus. Um Stefan Zweig zu paraphrasieren: Ohne Zufall wird das Reisen zum Gereist-Werden. Was also beim Social Seating zuallererst untergeht, ist die Idee des Reisens überhaupt (als ob auf der noch nicht genug rumgetrampelt worden wäre), denn Teil des Aufbruchs und Unterwegsseins und seiner spezifischen Erfahrung ist die Konfrontation mit anderen, fremden Welten – und Leuten. Das Reizende bei Kontakten unterwegs ist doch nicht zuletzt, dass man das Gegenüber überhaupt nicht kennt, gar nichts von ihm weiss; ein bewährtes Prinzip übrigens auch bei Beichte und Therapie.

Social Seating hingegen ist ein bisschen wie, beispielsweise, eine schwule Kreuzfahrt: Man ist zwar unterwegs, aber man will seine Komfortzone des Vertrauten nicht verlassen und bitte nicht mit jemandem konfrontiert werden, den man nicht sofort versteht oder irgendwie unangenehm findet. Das ist armselig. Das ist nicht «sozial», sondern antisozial, weil der einzelne immer schön in seiner Facebook-Blase bleibt. Doch wenn man es draussen, in der wirklichen Welt, die keinen Stecker am Ende hat, nur in Gesellschaft von Leuten auszuhalten meint, die man vorher via Facebook gescannt hat, soll man doch bitte gleich zuhause bleiben. Das wäre besser für uns alle. Und für alle Passagiere mit stärkerem Verlangen nach sozialer Isolation empfehle ich die Benutzung einer Beförderungsklasse, die vorzüglich für diesen Zweck eingerichtet wurde: Business oder First. Besonders Letztere ist für die Abschottung hervorragend tauglich: Wortkarge Waffenhändler und ihre windhunddünnen Frauen mit 500-Dollar Blow Dry und Mikro-Hund in der Damier-Tasche, die man höchstens zweimal sieht: Beim Boarding und Deboarding. Nicht die Tasche; die Leute, meine ich. Die Hunde bellen manchmal bei Start und Landung; doch sie sind winzig, das verhallt in der Kabine.