Sesseltanz

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Die öffentlichen Verkehrsmittel meiner Heimatstadt Zürich sind in der Tat klassenlos in dem Sinne, dass Menschen jedweder Herkunft sie benutzen. Das heisst nicht, dass ihre Benutzung nicht manchmal schrecklich sein könnte. Eine Dame von der Yale University, der ich für ihre Opferbereitschaft im Dienste der Wissenschaft uneingeschränkte Bewunderung zolle, hat nun unlängst – nach drei Jahren und Tausenden von Meilen empirischer Studien als Bus-Passagierin – eine Arbeit veröffentlicht, die sich mit den Symptomen und Determinanten des sogenannten «nonsocial transient behavior» befasst, also mit der Kultur der sozialen Isolation im öffentlichen Raum, oder, noch deutlicher: dem strategischen Spiel, das die Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel veranstalten, um einerseits ihren Komfort zu maximieren und gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit zu minimieren, dass eine fremde Person neben ihnen sitzt. Oder wenigstens die Wahrscheinlichkeit zu minimieren, dass eine total verrückte fremde Person neben ihnen sitzt. Und damit Sie auch (weiterhin) mitspielen können, meine Damen und Herren, sind hier die Regeln in fünf Punkten:

  1. Die Grundregel

    Die fundamentale Regel, sozusagen das Grundgesetz des öffentlichen Verkehrs lautet: «Setz dich nicht neben eine fremde Person, wenn irgendwo anders noch ein Platz frei ist. Du wirkst sonst seltsam.»

  2. Ist hier noch frei?

    Je mehr sich ein öffentliches Verkehrsmitteln mit Fahrgästen füllt, desto umfangreicher werden die strategischen Aufwendungen der einzelnen Passagiere, um zu verhindern, dass ein Fremder sich neben sie setzt. Das Repertoire dieses Vermeidungsverhalten umfasst u. a. die Vermeidung von Blickkontakt, die Vertiefung in das eigene Smartphone, die Platzierung einer mitgeführten Tasche auf dem benachbarten freien Platz oder noch unverhülltere antisoziale Taktiken wie das Drohstarren, das Vortäuschen von Schlaf oder die Abkapselung durch sichtbares Tragen von Kopfhörern. Noch drastischer ist die körperliche Ausbreitung über mehrere Sitze oder das Verspeisen von geruchsintensiver Nahrung.

  3. Wähle Deinen Nachbarn

    Für die zusteigenden Fahrgäste hingegen ist ab einem bestimmten kritischen Auslastungsgrad des öffentlichen Verkehrsmittels die Zielsetzung nicht mehr, allein zu sitzen, sondern neben einer möglichst normalen Person. Dazu muss der potenzielle Sitznachbar rasch gescannt und auf dem Kontinuum von «freundlich/unauffällig» bis «aggressiv verrückt» eingeordnet werden. Hierzu können verschiedene Signale herangezogen werden, die, ähnlich zum Beispiel den Warnfarben, die Mutter Natur in der freien Wildbahn an manchen Geschöpfen anbringt, bedeuten: Abstand halten. Ein solches Signal ist zum Beispiel das Mitführen mehrerer ramponiert aussehender Papier- und/oder Plastik-Tüten mit obskuren Füllungen. Das laute Reden ohne sichtbaren Gesprächspartner hingegen ist heutzutage nicht mehr notwendigerweise mit «aggressiv verrückt» gleichzusetzen; es kann sich auch um die Benutzung eines Mobiltelefons mit Freisprechanlage handeln. Nicht dass das angenehmer wäre.

  4. Kontakt ist gut für die Seele

    But here’s the thing: Es ist ebenfalls eine wissenschaftlich wohletablierte Tatsache, dass freundlicher Blickkontakt oder kooperativer Austausch mit Fremden die Stimmung hebt. Also versuchen Sie’s doch mal. Das erspart ihnen dann die Platzierung von Suchanzeigen auf Seiten wie dieser. Falls Sie sich entschliessen, mit ihrem Nachbarn in Kontakt zu treten, ist die Beherrschung des Augenkontaktes das Wichtigste. Schauen Sie Ihrem Gegenüber in die Augen – nicht auf den Mund (oder tiefer).

  5. Bedenken Sie schliesslich:

    Das Einzige, was schlimmer ist, als neben einem wildfremden Menschen sitzen zu müssen, ist: Wenn in einem übervollen Tram niemand neben einem sitzen will. So versuche ich manchmal, einladend zu wirken, indem ich ein leichtes Lächeln aufsetze anstelle des üblichen Business Face, mit dem Erfolg, dass sich jemand neben mich setzt, der/die aussieht wie eine fettere, hässlichere Version von Alice Cooper und ausserdem an chronischer Bronchitis leidet. Aber dann tröste ich mich einfach mit den Worten von Frankie Heck: «Today’s weird girl might be tomorrow’s Tina Fey.»

Im Bild oben: Werbung der Verkehrsbetriebe Zürich mit dem rechten Politiker Christoph Mörgeli (SVP, links) und dem Linken Daniel Jositsch (SP, rechts). (Foto: VBZ)