Die Kluft zwischen den Krägen

Wer die Garderobenkompetenz der Männer Europas vergleicht, kommt um eine kardinale Einsicht nicht herum: Die Schweden machen’s richtig. In einem Land, wo jede Graved-Lachs-Verkäuferin aussieht wie Victoria Silvstedt und alle Männer gerade richtig blond und richtig gross und richtig muskulös sind und eine Gesichtsfarbe haben, als kämen sie eben vom Fjälljakten zurück, scheint jederman den Rat zu befolgen, den Tracy Jordan an Kenneth Parcell in «30Rock» erteilt: «Zieh dich jeden Tag so an, als würdest du in diesen Sachen erschossen werden.» Mit anderen Worten: Die Schweden sind tadellos gekleidet. Wie machen sie das? Ganz einfach: Schwedische Männer haben im Durchschnitt nicht bloss eine ziemlich gute Figur, sie tragen vor allem auch die richtige Grösse. Das hört sich selbstverständlich an, ist es aber nicht, heutzutage, wo in gewissen Landstrichen des Kontinents die Herren aussehen, als würden sie ihre weissen Jeans auf dem Rücken liegend anziehen, so eng sind die. Ja, genau, ich meine: unsere Freunde südlich der Alpen. Am Beispiel des durchschnittlichen apenninischen Signorino bewahrheitet sich oftmals das, was der Kulturwissenschaftler Paul Fussell als das Not-Too-Neat- oder NTN-Prinzip des maskulinen Erscheinungsbilds bezeichnet hat: Wer zu gezupft, gebräunt und geputzt daher kommt, läuft Gefahr, nicht als Gentleman, sondern, um einen Ausdruck Thomas Manns zu benutzen, als «Mannsluder» durchzugehen.
Wo der Italiener dramatisch ist, ist der Spanier cool und wählt einfach irgendein T-Shirt mit zwei Pacha-Kirschen drauf, was er sich auch erlauben darf, denn der mediterrane Typ kann nun mal besser T-Shirts tragen als Thorsten aus Zuffenhausen, er wirkt stets braungebrannt und gesund, auch wenn er Kokain nimmt und wenig schläft, was beileibe nicht heissen soll, dass alle Spanier dies täten, bewahre! Ich will die Sache bloss auf den Punkt bringen: Die Italiener tragen gerne ostentative Labels, auch wenn sie damit aussehen, als würden sie eine mexikanische Game Show moderieren; die Engländer hingegen tragen sogar billige Sachen so, als wären sie nicht billig; und die Franzosen schliesslich achten gerade bei Kleidungsstücken, denen man die Qualität am ehesten ansieht, also etwa bei Schuhwerk, sehr darauf, nur Ware erster Güte anzulegen. Dafür kaufen sie dann lieber etwas weniger. Das muss man ihnen lassen.
Die Franzosen sind bekanntlich die Nachbarn der Belgier, und interessanterweise scheinen viele Modeschöpfer aus Belgien zu kommen, zum Beispiel Dirk Bikkembergs, Dries van Noten, Walter van Beirendonck und Raf Simons. Warum eigentlich? Nun, dazu müssen wir wieder auf Paul Fussell zurückkommen, der in seinem Standardwerk «Class» Folgendes konstatiert: «Snobs finden sich vor allem in der Mittelschicht. Der britische Autor Neil Mackwood, eine Autorität auf diesem Gebiet, hat festgestellt, dass die weltweit grössten Snobs sämtlich aus Belgien stammen, und hier handelt es sich um ein Land, was man gleichzeitig als Welthauptquartier der Mittelklasse ansehen kann.» Damit wäre das geklärt. Der Aspekt von Klasse bzw. Klassenbewusstsein – in Europa vielerorts immer noch ein wichtiges Definiens der Männermode – bringt uns zurück nach England, dem Mutterland der guten Form. Der englische Mann gehört nicht zu den modischsten Gestalten, aber zu den besten Anzugträgern überhaupt. Der einreihige Anzug ist im Vereinigten Königreich immer noch eine universale Uniform der Gesittung (die sich unmittelbar von der Schuluniform ableitet). Wie der britische Schriftsteller Douglas Sutherland in «The English Gentleman» feststellte, ist das wichtigste Kriterium für einen gut sitzenden Anzug die Schulterpartie – und dies scheint in England bis heute zum Allgemeinwissen zu gehören.
Da wir vom Anzug sprechen: der Pulitzerpreisträgerin Alison Lurie, die sich in ihren Werken immer wieder mit der Semiotik von Garderobe beschäftigt hat, verdanken wir die Einsicht, ein Anzug schmeichle nicht nur Männern, die sich wenig bewegen, er deformiere andererseits geradezu die Arbeitssamen. Vielleicht ist das ja der Grund, warum so manch deutschschweizerischer Mann im Anzug ein wenig komisch wirkt – unabhängig davon, wie viel er gekostet hat (der Anzug). Viel schlimmer freilich sieht’s in Deutschland aus. Achten Sie mal darauf, wie oft Sie zum Beispiel bei deutschen Spitzenpolitikern das Phänomen des im angelsächsischen Raum zu Recht stigmatisierten «Jacket Gape» beobachten können, also einen klaffenden, zentimeterbreiten Spalt zwischen Hemd und Jackettkragen. Die Verbreitung des Jacket Gape ist eines von zwei gängigen Alarmzeichen für den sartorialen Unterentwicklungsstand eines Landes; das andere ist die Verbreitung von Wanderschuhen im Stadtbild. Mich erinnert Letzteres immer an jene wunderbare Episode von «Curb Your Enthusiasm», in der Susie Greene in einem Kleid mit Camouflage-Muster in die Küche tritt und Larry David sie begrüsst mit den Worten: «Well, good afternoon, General Petraeus, it’s lovely to see you.»
Im Bild oben: Schweizer Anzugstil? Mike Müller in der Fernsehserie «Der Bestatter».
26 Kommentare zu «Die Kluft zwischen den Krägen»
Ob man im Anzug daherkommt oder sich schick sportlich kleidet, ist mir eigentlich egal. Was mich aber auf die Palme bringt, ist die die leidige Tatsache, dass man sich nicht einmal mehr für Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, Familienfeste oder gar Trauerfeiern aus den ewigen Jeans herausschält. Einfach gruusig, vor allem wenn es sich um deutlich über 20jährige handelt. Und am schlimmsten finde ich jene (vor allem Frauen), die in schon im Laden zerrissenen Jeans herumlatschen.
Ach! All die eindeutigen Vorstellungen von was das einzig Wahre ist (das ist der beste Anzugträger, dort leben die tollsten Hechte, hier fischen sie immer im Trüben).
Entspannen Sie sich doch einfach ein bisschen.
– Aber: excusez, geht ja nicht. Weil dann ein Grossteil der Newsnetz-Blog-Beiträge&Kommentare gar nicht zustande kämen.
Also: nur weiter, wenn Sie nichts anderes lieber tun. (Ich hab mich ja sogar auch beteiligt.)