Moden des Geistes

So dreht sich der Konsum im Kreis.

Verbesserungsarbeit gilt nicht so sehr der Gesellschaft als vielmehr dem «inneren Selbst». Montage: Kelly Eggimann

Alles schon mal da gewesen, meine Damen und Herren. Das ist so ein Mantra der Konsumkultur, und natürlich bezieht diese ewige Wiederkehr, wie wir in dieser Kolumne oft genug festhalten, auch die Moden des Geistes mit ein. Das gesamte Phänomen, was man «Mode» nennt, erklärt sich im Wesentlichen aus dem zirkulären Wechselspiel von Abgrenzung und Zugehörigkeit, und die intellektuelle Anschauung, die den Zeitgeist prägt, bildet hier keine Ausnahme.

So ist es eine ebenso gängige wie richtige Feststellung, dass wir aktuell in einer Ära der Egozentrik leben, in der sehr viele Menschen vorzüglich damit beschäftigt scheinen, ihr vermeintlich wahres Selbst zu entdecken und zu kuratieren. Die Menschen folgen dabei zum Beispiel der Anschauung, eine regelmässige Meditationspraxis könne aufgrund der Anpassungsfähigkeit und Wandelbarkeit des Gehirns, also aufgrund der sogenannten Neuroplastizität, die Eigenart von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen nachhaltig verändern. Und zwar in Richtung auf eine achtsamere, gelassenere Persönlichkeit. Ausserdem soll Meditation die Chromosomenenden verlängern. Das verlangsamt die Alterung.

Weil das alles nicht weit vom Optimierungsdogma entfernt ist, gerät die Meditation, bis vor kurzem noch Zeichen dematerialistischer Weltverbesserung, zusehends in den Ruch der Selbstfixierung, je stärker nämlich die Diskussion darüber wird, ob Meditation tatsächlich die Ego-Überwindung befördere – oder nicht vielmehr der Ich-Fokussierung Vorschub leiste.

Von der «Me»-Dekade zum «inneren Selbst»

Und nun? Höre ich in einer BBC-Dokumentation über Yacht Rock einen Ausspruch von Tom Wolfe. Yacht Rock, auch Adult Rock oder West Coast Sound genannt, bezeichnet eine popkulturelle Musikrichtung der späten Siebzigerjahre, die sich auf Soul, Jazz, aber auch Funk und Disco bezieht; ein Stil mit eskapistischen und hedonistischen Noten; falls Sie alt genug sind, erinnern Sie sich vielleicht an Toto oder Christopher Cross. Der Schriftsteller Tom Wolfe also bezeichnete die Siebzigerjahre als die «Me»-Dekade. Womit er seinerzeit eine allgemeine Stimmung auf den Punkt brachte, nach der die Siebziger als eine Ära der Selbstfixiertheit die soziale Orientierung der Sechzigerjahre ablösten.

Die gleiche Melodie klingt heute in der Umschreibung durch den Soziologen Andreas Reckwitz wie folgt: Der sozialen Logik des Allgemeinen folgend, die in der klassischen Moderne vorherrschte, wurden seit den Sechzigerjahren die gesellschaftlichen Verhältnisse als gestaltbar angesehen; in der digitalen Spätmoderne seit der Jahrtausendwende dominiert hingegen die soziale Logik des Besonderen, das heisst: Verbesserungsarbeit gilt nicht so sehr der Gesellschaft als vielmehr dem «inneren Selbst».

In der ewigen Wiederholung liegt selbstverständlich auch etwas Beruhigendes. Und auf der Metaebene wiederholt sich natürlich auch die Kritik dieser ewigen Wiederholung. Wenn man beispielsweise über Yacht Rock sagen kann: «Die Texte klingen, als würden sie was bedeuten, bedeuten oft genug in der Tat aber nichts», so denke ich daran: Wie oft habe ich ebendas schon über Vertreter und Vertreterinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sagen müssen?

Damit aber will ich nicht schliessen. Sondern mit einem Zitat des wundervollen Jack Donaghy aus der wundervollen Serie «30 Rock»: «Meditation is a waste of time, like learning French or kissing after sex.»