Wie denkt der Kapitalist?

Und denkt der Sozialist zu brav?

Das Konzept der Selbsterschaffung qua Konsum ist eine emanzipatorische Errungenschaft des spätmodernen Subjekts. Foto: iStock, Montage: Kelly Eggimann

Ich sitze also mit Gregor Gysi auf der Bühne in Bern, meine Damen und Herren, und wir sprechen über die Zukunft der digitalkapitalistischen Konsumgesellschaft. Und über Marx. Kann man unbefangen über Marx sprechen? Ich bin kein Verehrer, aber einige Sätze treffen bis heute, etwa jenes Marx-Zitat aus Gysis neuestem Buch «Marx und wir», das da lautet: «Das Vorhandensein einer übertriebenen Anzahl nützlicher Dinge endet in der Erschaffung einer übertriebenen Anzahl von unbrauchbaren Menschen.»

Gysi selbst schreibt: «Wir leben in der eigenartigen Situation, dass wir vor dem Hintergrund einer epochalen Niederlage der Linken agieren, aber zugleich alte, jedoch nicht eingelöste Träume neu beleben wollen.» Dem widerspreche ich: Die alten Träume sind tot. Die linke Gesellschaftskritik wird nicht resozialisiert, sie hat eine ganz andere Gestalt: Der Solidaritätsgedanke ist verpufft bzw. ersetzt durch den der Identität.

Gysi aber ist nicht der Auffassung, dass es statt Solidarität heute vielmehr um einen Wettbewerb der Wahrheiten gehe, und er teilt auch nicht die Einschätzung von Slavoj Žižek, nach der das Ganze nicht zuletzt mit einem Versagen der Linken zu tun habe. In seinem Buch «Mut der Hoffnungslosigkeit» schreibt Žižek, dass die spätmoderne Sinnkrise, die wir heute erleben, bereits im Gefolge von 1968 sich anbahnte und endgültig auf den Weg gebracht worden sei in den 90er-Jahren, als die Linke realisierte, dass sie mit ihren ökonomischen und wirtschaftspolitischen Zielsetzungen gescheitert war, weshalb sie sich auf kulturelle Positionen zurückzog und damit das vernachlässigte, was man früher «Klassenkampf» nannte – zugunsten soziokulturell motivierter Identitätspolitik. 

«Wir denken oft zu brav»

Gysi dagegen schreibt: «Die globalen Konzerne wissen, dass es keine funktionierende Weltpolitik gibt, die sie wirksam regulieren könnte. Sie haben aber durch ihr Vorgehen und mithilfe des Internets einen weltweiten Vergleich des Lebensstandards organisiert.» Wie steht er zu diesem weltweiten Vergleich des Lebensstandards? Ist das gut oder schlecht?

Norbert Bolz argumentiert in seinem «Konsumistischen Manifest», dass der globalisierte Konsumismus tendenziell ein wichtiges Gegengewicht zum religiösen, politischen und sonstigen weltanschaulichen Fundamentalismus darstellt. Das Konzept der Selbsterschaffung qua Konsum ist eine emanzipatorische Errungenschaft des spätmodernen Subjekts, dessen Vorfahren generationenlang darauf gedrillt waren, sich über kollektive Kategorien wie Religion, Nationalität oder Ethnizität zu definieren – nicht über individuelle Geschmacksentscheidungen. Ist also die von Gysi festgestellte Internationalisierung der sozialen Frage durch Vernetzung und Vergleichsmöglichkeiten ein emanzipatorischer Fortschritt?

Könne man so nicht sagen, erwidert Gysi. Jedenfalls würden dadurch Migrationsströme in Gang gesetzt, so viel stehe fest. Ausserdem stehe fest: «Wir denken oft zu brav.» Worauf ich frage: Denken Sie selbst nicht eher brav, wenn Sie unterstellen, dass den Kapitaleigentümern immer noch, wie bei Marx, ausschliesslich an der Akkumulation des Mehrwerts gelegen sei? Wenn das Ziel eine Vermehrung von Sinn statt Vermehrung des Mehrwerts sein soll, also Freiheit statt Entfremdung, dann ist dieses Ziel schliesslich ja nicht davon abhängig, ob die Produktionsentscheidungen gemeinschaftlich oder individuell organisiert werden. Oder?

17 Kommentare zu «Wie denkt der Kapitalist?»

  • Samuel Erb sagt:

    Häh? Es ist unklar, was der Autor dieses Artikels eigentlich sagen wollte.

  • Petra Meier sagt:

    Der Marxismus im Jahr 2019 tarnt sich als Umweltaktivismus. Früher war es die rote Revolution und der Arbeiterkampf, heute ist es die grüne Revolution und der Kampf gegen den Klimawandel. Früher hatten die Marxisten in der DDR so viel Politischen Einfluss – so gegen 100% – dass sie mittels Schiessbefehl und Selbstschussanlagen die Bürgern am Verlassen des eigenen Landes hindern konnten, heute fordern die Klima Teenager höhere Steuern für Flugreisen und Benzin. Also ich schätze meine Mobilität und bin froh darüber, wenn der Marximus weniger Politischen Einfluss hat.

  • Scout sagt:

    Von Marx habe ich keine Ahnung. Sinn ist organisch oder philosophisch. Nach Žižek ist Sinn materialistisch. Ist ja gut. Zuerst wollte ich Ihnen mit „Arbeitsteilung“ antworten. Aber es geht tiefer. Pure Individualität kann keinen Sinn entwickeln, ausser in der Askese, die Geistigkeit braucht. Sinn ist von der Gemeinschaft abhängig. Produktionsentscheidungen können von Einzelnen (z.B. Massschuhmacher) oder im Kollektiv gefällt werden. Die Sinnvermehrung hat mit der Organisation aber richtigerweise nichts zu tun. Ach, die Entfremdung von der Ware ist doch ein alter Hut! Sinn ist kollektive Empfindung des Geschmacks, aber nicht nur. Genau an diesem Punkt sollen wir uns im Gesellschaftlichen (und nicht im Kapitalismus) treffen. Das ist nicht mal regressiv, sondern uralte Tradition. Ooops!

  • Henry sagt:

    Nun ist der Kapitalismus, im Gegensatz zu Sozialismus (jedwelcher Couleur) und Kommunismus , ein System, das funktioniert. Mit allen sogenannten Ungerechtigkeiten , aber es funktioniert und bietet die Chance auf Wohlstand. Das wollen die Jakobiner der Neuzeit nicht hören, der 137. Versuch würde diesmal sicher klappen, erklärt mir mein verbeamteter Nachbar. Ich bin die Diskussionen alle leid, meine Tochter ( Oberstufe) und mein Sohn (Uni) kommen mit den „neuen“ Ideen, die natürlich alt sind, nach Hause an den Esstisch. Und 75 % ihrer Mitschüler erliegen der Idee, es wäre nur gerecht, von anderer Leute Geld zu leben. Und da wären wir bei Herrn Gysi, der zweifelsfrei ein netter Causeur ist. Aber wo der Knabe herkommt ist schon allen klar….

  • Dani Schönmann sagt:

    Konsum ist nicht, wie Bolz meint, ein Gegengewicht gegen die alten Konstitutionsformen der Individuen, sondern ein Abfallprodukt der Kapitalverwertung (deshalb spielt es keine Rolle, ob es sich um privaten Konsum oder um staatlichen Konsum, z.B. von Rüstungsgütern handelt). Konsum ist gekoppelt an Lohnarbeit und hat keinen eigenen Sinn, ist beliebig, macht die Arbeits- und Konsummonaden aus. Eigentliche, menschliche Arbeit – und da ist Marx nach wie vor aktuell – findet erst jenseits von Lohnarbeit und Konsum statt. Konsum als „emanzipatorische Errungenschaft“ adeln zu wollen, geht an der Sache vollkommen vorbei und ist unsinnig.

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